Ein Wolf für alle Felle | PETA und Herr Wolf

Wortlos | Kein Anschluß unter einer Nummer | Coram Bello

Meine Stimmbänder sind derzeit etwas unterbelastet. Vor ein paar Wochen schob ich es noch auf eine Larynghitis, die ich letztes Jahr um die Zeit hatte, heute allerdings bin ich mir sicher, es ist nur auf die mangelnde Übung zurückzuführen.
Eben habe ich meiner Sandkastenfreundin per Mail mitgeteilt, daß ich am 21. Juni ein Büffet aufstaple und sie gerne zum abessen dabeihätte, statt ihr selbige Information auf den Anrufbeantworter oder direkt in ihr Ohr zu sprechen.
Merkwürdig, daß in Zeiten von so einfacher Kommunikation nichts schwerer fällt als diese. Neulich hätte ich beinahe einen Pensionär niedergeknüppelt, weil er im Sonnenschein des Kurparks sein Handy dabeihatte und laut in die Gegend telefoniert hat.

Was aber hilft gegen die Stimmbanduntätigkeit und eventuelle Beläge: Kirchenlieder singen. Vielleicht auch überhaupt singen. Kirchenlieder erfüllen aber wenigstens noch spirituell.

Mittlerweile - aber anderes Thema - avancierte ich mich zum Kenner der Materie "Wie verzweifle ich nicht, wenn ich nach dem Studium feststelle, daß mein Studiengang zu nichts taugt?". Die ehemalige Kommilitonin fällt fast vom Hocker vor Arbeitsmarktfrust und fragt ernsthaft mich um Rat. Wie leichtsinnig. jetzt wird sie doch Pharmaberaterin.

Dem Terror ausgesetzt | Von der Front

Das ist der Titel einer Broschüre der Zeugen Jehowas, die einsam und ein bißchen in den Dreck getreten am Rand des Bad Nauheimer Blumenmarktes auf achtsame Passanten wartete. Den Impuls, die Broschüre aufzuheben, weil sie meine Eindrücke vom Blumenmarkt treffend wiederspiegelte, konnte ich gerade noch unterdrücken, weil mich sonst die ganzen wurstessenden Blumenverrückten umgestoßen und zu Dünger zertrampelt hätten.
Rücksichtnahme wird hier nämlich ganz klein geschrieben, wenn mal was los ist in der drei Zentimeter breiten Fußgängerzone. Das durfte auch das kleine Mädchen feststellen, das von seiner Mutter mit dem Kinderwagen umgefahren wurde. Die Mutter hat aber weder das Umfahren bemerkt noch das Mädchen, das daraufhin bis außer Hörweite schrie: "Au, Mama, Du hast mich getreten! Du hast mich mit dem Kinderwagen getreten! Mama! MAMA!"
Mütter freuen sich übrigens heuer über den doppelten Muttertag, der ihnen vorgaukelt, wenigstens einmal im Jahr würde ihre Rolle als biologisches Kernstück der Familie tatsächlich wahrgenommen, was aber, sieht man sich die häßlichen häuslichen Gegebenheiten näher an, nicht der Wahrheit entspricht. Insofern freuen sich die Mütter also eigentlich nicht zweimal, oft auch nicht einmal einmal, sondern gar nicht.
Wer sich freut, ist die Floralmanufakturindustrie. Und ich, weil ich nämlich jetzt wieder aufhöre. Die abrundende Pointe von der Floralindustrie zum Terror des Blumenmarktes finden Sie sicher allein, ich muß die Wäsche aufhängen.

Zwischenfrage | Von der Front

Ich bitte um eine ehrliche Antwort: lesen Sie solch lange Texte wie den über die Tropfsteinhöhlen eigentlich?

À propos Nachrichten | Von der Front

Die Meldung aus Österreich, daß ein 73jähriger Rentner seine Tochter 24 Jahre lang im Keller mißbraucht hat, klingt im Übrigen irritierend, weil vielleicht auch einen Rekord im Dauermißbrauchen ankündigend. Ich will das Leid der Tochter nicht herabwürdigen, dennoch klingt es eher anstrengend als schrecklich.
Merke: Auch Journalisten sollten auf ihre Wortwahl achten.

Koryphäen unter sich | Von der Front

Findet eigentlich unter Radiomoderatoren ein den Radiohörern verborgener Wettbewerb statt, in dem herausgefunden werden soll, wer den meisten abseitigen Text im Anfang eines Liedes unterbringen kann?
Manchmal ist es zwar fast erfrischend, wenn beispielsweise die aktuellen Plazierungen der Charts nicht voll ausgespielt werden, meistens aber ist es angenehmer, zwischen gesungener und gesprochener Sprache eine deutliche Distanz zu lassen. Wahrscheinlich geht das aber auch nur mir so. Ich mag ja auch keinen HipHop oder Rap.

Eben habe ich mich versucht gefühlt, das Wort "Plazierungen" in meinem Wörterbuch nachzuschlagen, ob denn die Schreibung, die ich eben benutzt habe, tatsächlich irgendeiner offiziellen entspricht. Das erregte fast noch mehr meinen Unwillen als das geistlose Geplauder von Radiomoderatoren, die im Leben außerhalb des Studios bestimmt totalsupergute Menschen sind, die vor echtem Witz und Esprit überschäumen wie lange geschüttelter Champagner, mir aber leider nur dann begegnen, wenn sie sich im Radio mit sich selbst beschäftigen müssen. Vielleicht sollte ich andererseits auch etwas mehr Nachsicht üben: ich möchte auch nicht unbesehen jedem anderen Wildfremden bei seinen Selbstbeschäftigungen beiwohnen. Ich fordere hiermit akustische Privatsphäre für Radiomoderatoren. Oder nur eine Quarantäne.

Daß es mich ärgert, wenn ich mir der Schreibweise bestimmter Wörter nicht sicher bin, hat damit zu tun, daß es an meinem Koryphäenstatus kratzt, der besagt, daß ich mir immer und überall der Schreibung selbst komplexester Vokabeln und der richtigen Kombination verworrenster Grammatiken sicher bin. Bis zum Beginn des mittlerweile auch von vielen Fachleuten als unselig eingestuften Rechtschreibreformprozesses war das ein angenehmes Gefühl, das mir wohlig den Bauch gewärmt und gepinselt hat, mittlerweile allerdings verursachen selten gebrauchte Hülsen wie "Plazierung" eher ein Gefühl, das an Hunger oder dessen Gegenteil erinnert, womit ich mitnichten Sattheit meine.
Überliefert wird nämlich familiär, daß ich in jüngeren Jahren über meine Speisegewohnheiten zu berichten hatte, ich sei entweder hungrig oder mir sei schlecht. Das mag ich indes nicht so recht glauben, denn schlecht ist mir nur in den seltensten Momenten, die auch nicht so sehr etwas mit Hunger gemein haben, sondern nur von äußeren Motiven ausgelöst werden, Radio, Rechtschreibung undsoweiter.
Zum Brechen langt es bei solchen Reizen allerdings eher selten, dazu ist mir die Innenseite meiner Schneidezähne zu kostbar. In einer Vorlesung über Eßstörungen gelangte ich in den zweifelhaften Genuß von Photographien der Beißleiste von Bulimikerinnen, die sich nicht durch besondere Schönheit im gemeinheitlichen Sinn auszeichneten. Säurezerfressene Ruinen, die wie geschleifte Burgen oder - um ein besseres Bild zu verwenden - gebrochene Stalagmiten und Stalagtiten in einer von Mammutrudeln durchrasten Tropfsteinhöhle die Kauleiste der armen Eß-Brechsüchtigen bestücken wie marode Zinnen.

Genug der brüchigen Metaphern. Gehen wir zurück zu der Vorlesung und danach zurück zum Radio, wonach ich dann nochmals über die Tropfsteine sprechen mag. Zunächst aber die Vorlesung, die von einer Dame gehalten wurde, die ich um ihretwillen nicht beschreiben will, es ergäbe sich ein nicht besonders schmeichelhaftes Bild. Soll sie das also selbst tun, hat sie ja in der Vorlesung auch. "Ich habe seit 30 Jahren das gleiche Gewicht von 50 Kilogramm", sagt also die toupierte Professorin, die immerhin den Lehrstuhl der Ernährungswissenschaften innehat und über eine interessante Auswahl an Haarreifen verfügt, die sie sich abwechselnd ins plustrige Haar steckt. "Während der Schwangerschaft wog ich natürlich mehr, aber nach der Geburt erreichte ich bald mein Idealgewicht wieder, das seit 30 Jahren bei 50 Kilogramm liegt. Anders das Gewicht meines ehemaligen Au-Pairs."

Die folgende weder für das Au-Pair noch für sie selbst schmeichelhafte Geschichte erzählte sie flugs hinterher: Das Au-Pair sei eß-brechsüchtig gewesen, immer wieder habe die Professorin das arme Mädchen nachts an den Kühlschrank schleichen sehen, wo sie sich den sonst fast konkaven Bauch konvex gefuttert habe, nur um sich dann wie eine Schnecke an die Toilette zu schmiegen und über den Rand hinüber- und hineinzubeugen. Während Schnecken allerdings schleimen, tat das Au-Pair nicht dies, sondern nur sich oral entleeren.
"Da kann man aber dem Mädchen nicht sagen, daß das ungesund sei, das ist ja wohl nur ihre eigene Sache." Sagte damals die Professorin, ich aber stand auf und sagte, das hätte sie aber mal wohl machen können, ja machen müssen, immerhin sei sie ja die Koryphäe auf dem Gebiet der Eßstörungen, da habe sie ja auch die Kompetenz, einzuschätzen, ob das nun schädlich sei oder nicht. Das sei mutwilliges Hilfeverweigern gewesen, das arme Mädchen da schneckengleich in der Toilette zu lassen, statt ihr Hilfe und ein Handtuch für die Haare anzubieten. Das sprach ich stehend im Raum, allein die Professorin weilte da nicht mehr unter uns, sie hatte die Vorlesung schon beizeiten beendet und den Raum verlassen, ich dagegen hatte einige Zeit für das Finden einer interessanten Erwiderung auf diese mundöffnende Anekdote gebraucht. Bis heute weiß die Dame nicht, was ich von ihr denke.

Von mir selbst denke ich im Übrigen, daß ich mal zum Ohrenarzt gehen sollte, ich erwische mich immer häufiger dabei, Verschiedentliches falsch zu hören. Da ich mir allerdings nicht sicher bin, inwieweit das Verhören physiologisch oder psychologisch oder vielleicht nur freudsch oder am Ende gar aus amüsierenden Motiven absichtlich ist, sollte ich vielleicht zusätzlich nicht nur zum Ohren-, sondern auch zum Gehirnarzt. Als letztwöchig über den Streik der Post berichtet wurde, hörte ich die Nachrichtensprecherin aus dem Radiogerät sagen, viele Brutkästen werden am selbigen Tage wohl leer bleiben, dieweil sie allerdings gemeint und sicher auch gesagt haben muß, die Briefkästen werden leer bleiben.
In meinem Fall hätte das keinen Unterschied gemacht, bei mir blieben Brut- und Briefkästen gleichermaßen leer, da ich weder Post bekomme noch Kinder.

Ein weiterer Verhörer, der mich direkt zurückbringt zu den Tropfsteinhöhlen und einer Erklärung meines Vaters, entspringt einer Werbung für Tittenstrahldrucker.
Als ich das erste Mal mit meinem Vater eine Tropfsteinhöhle besuchte, erläuterte er mir die von seinem Vater geerbte Eselsbrücke, die ihm der Unterscheidung von Stalagmiten und Stalgtiten diente, nämlich: "Titten hängen."
Mit diesem frappierenden Zeugnis geologieanatomischer Betrachtung möchte ich schließen, und uns allen einen sonnigen Montag wünschen. Einen sonnigen Montag uns allen.

Gehen, schauen, schweigen | Coram Bello

Seit Wochen übrigens sehe ich den dicken Sommelier mir immer wieder über den Weg laufen: in der Fußgängerzone, im Supermarkt, im anderen Supermarkt, beim Spaziergang im Park, quasi dauernd. Weiß auch nicht warum, er stalkt mich nicht absichtlich, denn er versucht genauso wie ich, den anderen bis zum letzten Moment zu ignorieren.
Der dicke Sommelier ist Italiener, sein Bruder überraschenderweise auch. Letzterer arbeitet im familieneigenen Restaurant in Friedberg, das überraschend toll ist für Friedberg. Da allerdings habe ich den dicken Sommelier noch nie gesehen. Daß sie Brüder sind, weiß ich, weil ich ein Gespräch belauscht habe.
Wäre ich ein anderer, zum Beispiel der Weinhändler des Freundes, ich spräche ihn mal an auf unser häufig zufälliges Aufeinandertreffen. So aber lasse ich es. Bringt ja doch nix, habe ich doch kein Interesse an Gesprächen mit dicken Sommeliers.

Wie ich auch anderweitig nicht spreche. Habs schon fast verlernt. Merke ich immer, wenn ich mit der Mutter telefoniere, da bin ich immer so heiser, als wäre es das erste Mal seit Tagen, daß ich die Stimmbänder nutze. Merke ich auch beim Metzger, wo ich quietschend rinderhack für die Lasagne verlange oder am Gemüsestand, wo ich glücklicherweise nicht mehr sprechen muß, die Gemüsefrau weiß eh, daß ich Fenchel will und keinen Brokkoli.

Den dicken Sommelier interessiert nicht, was ich will. Er kennt mich ja nicht. Aber wir sprechen nicht, um das zu ändern. Wir halloen uns nur zu und ignorieren einander so gut es geht. Und es geht gut. Menschen ignorieren geht im Allgemeinen so leicht, daß es fast traurig ist.

Nicht zu ignorieren dagegen war das dicke Dekolleté. Ich sage nicht wessen, das weiß ja jeder eigentlich. Kleine Staatschefs freuen sich jetzt wieder auf Besuche aus Deutschland.

Erste Worte

Als Neolog berichtet Herr Wolf live von der Front, geizt aber auch nicht mit tiefen Einblicken in eigenes und fremdes Seelenleben. Kryptik und mitunter eigenwilliger Sprachumgang haben Herrn Wolf in den letzten sechs Jahren nicht dauerhaft unterkriegen können. Herr Wolf beweist auch 2008 wieder seine Steherqualitäten und zeigt der Welt seine Zähne.
Kritik, Aufmunterung, Fragen oder auch allgemeine Post bitte an herrwolf web de
Hier die ausführliche Bedienungsanleitung.

Letzte Worte

...
Es hilft auch, mein lieber Herr Wolf, beim Duschen...
Scheibster (anonym) - 13. Mai, 16:08

Mahnende Worte

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Coram Bello
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