Montag, 29. Juni 2009

Fünf | Coram Bello

Wir haben die Wahl. Haben sie schon immer gehabt und werden sie immer haben. Bleiben wir stecken in unseren Gewohnheiten und unseren Ängsten oder wollen wir wachsen, wie es unserer Natur entspricht?
Wir sind die Generation, die es nicht gibt, wir haben kein Gesicht und keine Stimme. Wir haben die Wunden unserer Eltern geerbt, wir pflegen sie wie Schätze. Wir haben keine eigenen Reichtümer, nur die Hoffnung, dass wir nichts verlieren. Keine Erfahrungen, keine Narben, keine Wunder, keine Geschichte.
Wir haben die Wahl. Bleiben wir, wer wir nie waren, oder gehen wir weiter? Den ersten gemeinsamen Schritt.

Sie stehen auf der Straße, reden, stehen auf der Straße und unerhalten sich über Mädchen, über das Spiel, über die letzte Schulwoche. Sie sprechen über die Zukunft, die sie haben werden mit einer Sicherheit, die glauben läßt, sie sei schon geschehen. Sie ahnen nicht die Ungeraden, die ihre Wege sein werden, fürchten nicht die Brüche in ihrem Leben, Brüche die kommen werden, unausweichlich.
Sie haben nur diesen einen Abend, die Nacht bricht herein, legt Dunkelheit in die Straßen, allein im Schein der Laterne stehen die fünf weiterhin und tun so, als gäbe es kein anderes Morgen.

Wir haben keine Pläne. Wir haben nur Möglichkeiten. Aus uns kann alles werden und nichts. In einer Welt der Chancen wollen wir das einzige, was wir nicht bekommen können: die Nicht-Veränderung. Wir wollen das Weiter-So und Mehr-Davon und reden uns ein, es gäbe ein nächstes Glück. Wir kennen das alte, sind darin aufgewachsen und haben es hinter uns zurückgelassen. Wir nannten es Kindheit und Träume und Oz und Mittelerde, Narnia und Hogwarts, Osten Ard und Hyperion. Wir stehen an einer Schwelle, doch wissen wir nicht wozu. Am liebsten wäre uns, es gäbe nicht diese Tür.

Keiner der Fünf will nach Hause gehen. Es ist spät und ihre Familien werden sich vielleicht Sorgen machen. Sie sitzen auf der Straße, die immer noch, Stunden nach Sonnenuntergang, nicht kalt ist, der Asphalt speichert die Hitze des Sommers auch jetzt noch. Ein letzter Sommer soll ihnen gehören und doch wissen sie schon, daß die Kämpfe über sie hereinbrechen werden. Sie wissen, auch der Sommer wird ihnen so wenig gehören wie jede Zeit danach.
Sie sind keine Kämpfer und werden es nicht mehr werden. Sie werden untergehen, denn das Kämpfen haben sie nicht gelernt.

Und dann müssen wir wählen. Beziehen wir wenigstens ein einziges Mal Stellung und tun mal nicht so, als ginge alles nur andere an? Nehmen wir endlich die Verantwortung an, die wir haben, die Verantwortung, nicht nur Verwalter unserer Geschichte zu sein, sondern ihre Gestalter?
Gehen wir endlich hinaus und hören auf, uns alles gefallen zu lassen, hören wir endlich auf so zu tun, als folgten wir dem Strom? Wir sind der Strom, wir sind die neuen Menschen, wir sind die, die sein werden. Wir haben keine andere Zukunft als unsere eigene. Treffen wir also die Wahl: Wir werden erwachsen, wir übernehmen Verantwortung. Wir verlassen das Nimmerland.

Die Fünf sind fort. Die Dämmerung hat sie vertrieben. Noch leise höre ich ihre Wünsche zwischen den Stimmen der Vögel. Sicherheit wollten sie, doch sie wissen, es gibt sie nicht. Reichtum ist nicht zu haben, nicht mehr in einer Welt, die die Lügen hinter dem Geld erkannt hat. Schönheit ist nicht mehr als Relativität und Macht eine Frage des Willens. Glück, das wollen sie haben, Selbstentwicklung und Selbstentfaltung, Ehrlichkeit und Verläßlichkeit. Sie wollen Freunde bleiben, ein Leben lang, doch sie wissen, das erfordert Kraft und Mut, Großzügigkeit und Geduld.
Sie werden es schaffen, denn sie sind aufgestanden in der Nacht und haben ihre Träume als das erkannt, was sie wirklich sind: Der einzige Weg zu unser aller Zukunft.

Sonntag, 21. Juni 2009

Aus der Ferne | Coram Bello

Meer

Manchmal muss man fortgehen, um zu erkennen, woher man kommt. Die Distanz zu unseren eigenen Leben eröffnet uns Perspektiven, die wir nicht hätten, verließen wir unsere Welt nicht ab und an und tauchten in die Leben vollkommen fremder Menschen ein.

Wo Detmold eigentlich liege, fragt die Dänin, die als Stewardess zwar viel in Deutschland herumgekommen ist, in der Stadt, nach der das Flugzeug benannt ist, aber noch nicht war. Detmold ist, kläre ich sie auf, zu klein für einen Flughafen und viele Deutsche kennen Detmold auch nicht, auch wenn dort eines der wichtigsten Denkmäler der Deutschen ist.
Das Gedenken liegt den Deutschen nur, wenn sie es mit unangenehmen Zeiten verbinden können. Angenehmes Erinnern an die Vergangenheit ist nichts für ein Volk, das sich jetzt in der dritten Generation nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust befindet. Und doch ist auch diese Distanz noch nicht groß genug. Keine Distanz wird jemals ausreichen, die Deutschen vergessen zu lassen, dass sie einst ein Volk von Mördern waren. Wahrscheinlich ist das sinnvoll. Den Abgrund zu kennen schützt davor hineinzufallen.

Später nippe ich an meinem Saft. Wir fliegen zwischen den Wolken hindurch, die, wie ich weiß, nur aus Wassermolekülen bestehen, die sich über kleine elektromagnetische Ladungen zusammenballen und hochhaushohe Berge bilden können, die aussehen wie Korallenriffe und doch die Konsistenz von Nebel haben. Sie sind so greifbar wie die Träume der Menschen, das Flugzeug taucht in das Weiß ein und wird verschluckt, bis wir nach einigen Sekunden wieder im strahlenden Blau des wolkenfreien Himmels schweben. Die Wolken liegen hinter uns, auf den Tragflächen haben sich nur zwei Wassertropfen gefangen, die aber auch schon, kaum dass ich sie entdeckt habe, wieder verschwunden sind.
Die Detmold ist auf dem Flug nach Norden, wir kehren heim in unsere Leben. Eine Woche an der Côte d'Azur geht schnell vorbei, eigentlich dachte ich, wir wären eben erst angekommen, lägen immer noch in der Sonne, erschöpft vom Nichtstun, ausgelaugt von der Hitze, die auf den Süden Frankreichs herabbrennt.

Deutschland, in dem die Regenwolken regieren, ist weit weg. Frankreich, das eine Sprache spricht, der keiner der Mitreisenden mächtig ist, entzückt durch wolkenfreien Himmel, Croissants, Tartes, Rillette, Baguette und Berge frisch gefangenen Fischs. Wir liegen am Pool des gemieteten Hauses und hören dem leisen Knistern der Pinien zu. Grillen zirpen um die Wette, träge flattern Elstern von Baum zu Baum.
Dann sind wir am Strand, St. Tropez liegt mit seinen engen und von Menschen überfüllten Gassen hinter uns. In den Schatten der Stadt haben wir keine Abkühlung gefunden, im Gegenteil, die lauten Menschen, die in der Hitze keinen Gedanken für sich behalten können, ihr Kopf würde platzen, würden sie es auch nur versuchen, die lauten Menschen tragen ihre glitzernden und gleißenden Oberflächen mit sich herum und blenden sich gegenseitig.
Am Strand ist es kühl, das Meer trägt einen kühlenden Wind heran, die Wellen wiegen uns in mittäglichen Schlaf im Schatten. Der Sand ist weich und warm, wir fallen aus unseren Körpern in das weite Blau des Himmels und kehren erst Stunden später wieder zurück, als wir mit Pastis auf den Sommer anstoßen. Wir spielen Boule auf dem Sandplatz am Haus, der abendliche Wind rauscht in den Pinien, kleine Abendwolken im Schlepptau, die später, als Mond und Sterne auf uns herabblicken, schon längst wieder verschwunden sind.

Irgendwann zwischen den Tagen verliere ich mein Zeitgefühl und vergesse die Notwendigkeit, an ein anderes Leben als dieses zu denken. Ich habe keine Arbeit mehr, ich lese an den Vormittagen, schreibe an den Nachmittagen, schwimme dazwischen ein paar Bahnen, meine Schultern entspannen sich (es fühlt sich an, als wäre es das erste Mal seit Jahren), das eine der tausend Bücher wird wieder fassbar. In der einen Woche habe ich mehr geschrieben als im letzten halben Jahr. Ich bin noch weit entfernt davon, auch nur ein einziges Kapitel als abgeschlossen zu betrachten, doch ich fühle, dass das der richtige Weg ist. Und ich weiß genau, dass die Arbeit im Büro Vergeudung ist.

Manchmal braucht man die Distanz, um ehrlich zu seinem Leben sein zu können. Man muss aus seinem Leben ausbrechen, um zu erkennen, ob man noch auf dem richtigen Weg ist. Ich habe mein Ziel verloren, und auch wenn ich das schon seit Langem wußte, konnte ich mir das nicht zugestehen. Ich habe lange Zeit zurückgesteckt, habe dem Bild, das andere von mir gezeichnet haben, gerecht werden wollen, weil ich mir nicht zutraute, dass meine Entscheidungen richtig sein könnten. Ich weiß, dass mein Weg nicht klar verlaufen kann und wird. Ich habe die Angst, und ich habe sie zurecht, dass nicht alles in meinem Leben nach meinen Plänen verlaufen kann und wird. Deshalb allerdings keine Pläne zu machen und auf Ziele verzichten, weil sie anderen albern vorkommen könnten, ist der völlig falsche Weg. Aus Angst vor Rückschlägen auf Versuche zu verzichten, führt nirgendwohin.

Wir sitzen am Meer, das seit Jahrmillionen gegen die Küsten der Welt rollt. Über uns kreisen Albatrosse, Kinder jagen einander über den Strand. Zwischen den Wellen schwimmt ein junger Mann, sie heben ihn hoch und lassen ihn wieder in ihre Täler gleiten, überrollen ihn, umspülen ihn mit der Gischt ihrer Kronen, doch er schwimmt unbeirrt weiter.
Meine Gedanken schwimmen mit ihm hinaus, lassen alle Sorgen und Ängste zurück, all den Ballast, den ich über die Jahre zusammengesammelt habe. Ich kann und will ihn nicht mehr behalten, er zöge mich hinab auf den Meeresboden und ließe mich ertrinken.

Ein Zittern geht durch das Flugzeug, wir befinden uns nach den Angaben des Kapitäns im Sinkflug auf Frankfurt. Ich sehe nichts, als ich aus dem Fenster sehe, wir fliegen durch undurchdringliches Weiß. Erst Minuten vor der Landung sinken wir unter die Wolken, ich sehe die Skyline von Frankfurt in der Sonne des späten Nachmittags glitzern. Das Flugzeug setzt sanft auf, der Wind bricht sich in den aufgestellten Bremsklappen an den Flügeln. Faszinierend ist diese Tierart namens Mensch, denke ich, die ihrem Traum nach dem Fliegen nie entkommen konnte und daher das Unmögliche vollbringen konnte, musste. Kein Rückschlag (und davon gab es viele) war hart genug, dass der Traum als unerreichbar aufgegeben wurde. Dazu ist der Mensch nicht geschaffen. Wir geben niemals auf.

Freitag, 12. Juni 2009

Das alte Modell | Von der Front

Manches überlebt sich von selbst und kein Rettungspaket der Welt kann das noch ändern. Opel (und alle anderen Hersteller von Verbrennungsmotoren), Karstadt (und alle anderen Warenhäuser, die teurer sind als das Internet und auch keine besseren Produkte bieten), die SPD (und alle anderen Parteien, die nicht die Entscheidung zwischen richtiger Demokratie und echtem Absolutismus treffen können).

Mein Arbeitgeber gehört auch dazu. Man kann sich nicht entscheiden, ob man wirklich mal hart durchgreifen oder tatsächlich wieder sozial und freundlich sein will. So greift man zu dem Mittelweg, der nicht golden, sondern einfach nur scheiße ist: geheuchelte Freundlichkeit, leise Apelle, die nicht als Befehle verstanden werden sollen, es aber trotzdem sind. Die Zukunft hat begonnen, die Firma hat aber noch einen Kater und kommt nicht so recht aus dem Bett.

Heute ist mein letzter Tag vor dem Urlaub, eine Woche Südfrankreich. Hoffentlich ist die Firma bis nächsten Freitag implodiert.

Au revoir.

Samstag, 6. Juni 2009

Europa-Wahl | De Re Publica

Wer übrigens vielleicht noch einen Hinweis auf die Wahl morgen haben will, sollte sich mal den Wahl-o-maten anschauen. Erstmals mit allen zur Wahl stehenden Parteien.
Lassen auch Sie sich überraschen.

So. Muss zur Arbeit.

Mittwoch, 13. Mai 2009

Lebenszeichen | Von der Front

Es regnet derweil mal wieder. Die Monate gehen ins Land, wie ich morgens zur Arbeit: unaufhörlich und ohne Ziel. Die Worte bleiben irgendwo auf der Strecke, ersetzt werden sie durch einen langsam wachsenden Unwillen, so weiter zu machen.

Die Firma ist im Umbruch, die Krise, die nichts mit der Finanzkrise zu tun hat, war schon vor drei Jahren abzusehen, erst jetzt wird reagiert, hektisch reagiert, Aktionismus regiert ebenso wie Unzufriedenheit unter den Mitarbeitern. Die Führung sieht das nicht, will oder kann es vielleicht nicht sehen.

Ich freue mich auf Südfrankreich im Juni und Namibia im August und den Beginn meiner erneuten Stellensuche ab Juni. Der Vertrag läuft bis November und würde wahrscheinlich sogar verlängert, weil sonst Mitarbeitermangel herrschte, ich will aber nicht warten, bis ich mit dem Schiff untergehe.

Vor allem aber fehlen mir die Worte. Anders als früher kann ich darüber aber nicht mehr traurig sein, dazu fehlt die Zeit und der Wille, auch dabei noch Kraft zu verlieren.
Alles weitere wird man sehen.

 

Herr Wolf | neolog
Das Duett für Launen, das Stehaufwölfchen unter den Bloggern. Seit 2002 das Original mit der Fahne.

Die Inhalte von neolog sind Eigentum von Herrn Wolf. Ausnahmen sind gekennzeichnet.

herrwolf (at) web (punkt) de.

Nicht vergessen: Hirn anschalten!

Letzte Worte

Mitunter
braucht man ein Ausrufezeichen, auch wenn es aufdringlich...
Herr Wolf - 29. Jun, 21:54
Danke.
Noch schöner wäre es, gäbe es sowas...
Herr Wolf - 29. Jun, 21:53
. (eigentlich sollte...
. (eigentlich sollte ich ja ein ausrufezeichen setzen,...
morbus - 24. Jun, 16:47

Mahnende Worte

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