Sie brauchen nicht mehr zu warten. Ich gebe das neolog auf. Ich habe nichts mehr zu sagen.
Was hast Du vor, fragt er mich. Was willst Du tun nach dem ersten November? Wohin gehst Du?
Mein Chef fragt nicht, ob ich bleiben wolle, womit er mich vielleicht halten könne. Er pokert. Er verliert. Ich werde nicht um die Stelle betteln, die nicht viel mehr ist als ein bezahltes Praktikum.
Ich habe im letzten Jahr gegen mich gekämpft, gegen das Chaos in mir, gegen die Konfliktunfähigkeit, gegen die Engstirnigkeit in meinem Kopf. Ich habe Siege errungen, kleine Siege angesichts der Finanzkrise, aber große angesichts meiner früheren Sorgen. Ich habe geräuschlos den Seminarbetrieb eines bundesweit bekannten Aus- und Weiterbildungshauses aufrecht erhalten, ich habe selbst erfolgreich Seminare gehalten, ich habe Personalverantwortung übernommen. Und seit mein Chef gegen mich gepokert und verloren hat, gibt sogar er zu, dass ich mehr als nur gute Arbeit geleistet habe. Auch das natürlich noch, um mich dazu zu bringen, zu betteln.
Noch habe ich keinen richtigen Plan. Die Zeit wird knapp, das weiß ich, das bekomme ich nicht nur von meinen besorgten Eltern, auch vom Freund immer mal wieder gesagt - als ob ich nicht wüßte, daß Arbeitslosigkeit kein Vergnügungspark ist. Als ob ich mir nicht bewußt wäre, daß der Mensch im Leben eine Aufgabe braucht, um sich ganz zu fühlen, einen Traum, eine Richtung, eine Bestimmung, und wenn sie im Großen Ganzen noch so scheinbar klein sein mag.
Der Freund und meine Eltern sorgen sich. Sie sehen noch nicht, dass ich keinen Plan für mein Leben habe, weil ich momentan mein Leben nicht mehr sehe. In meiner 50-Stunden-Woche ist kein Platz dafür. Ich bin ein Feierabend-Tier geworden, das in eine Decke gewickelt auf dem Sofa döst, während der Fernseher ins Wohnzimmer leuchtet. Ich sehe die Bilder, doch sie ergeben keinen Sinn mehr.
Das ist die Arbeit, denke ich mir. So geht das allen und immer. So wird das sein bis an das Ende der Arbeitszeit. Ich werde morgens aufstehen, bevor mein Gehirn funktioniert, werde arbeiten, bis mein Gehirn nicht mehr funktioniert, und danach auf dem Sofa liegen und langsam verblassen.
So wie das allen und immer geht.
Was habe ich vor nach dem ersten November? Ich weiß es nicht, antworte ich. Ich werde nicht hierbleiben, vielleicht gehe ich ganz fort. Ich sehe kein Ziel, aber ich sehe auch keine Grenze. Wenn ich dieses Jahr hier überstehen konnte, dann kann ich alles machen und alles schaffen. Ich werde überleben und wahrscheinlich auch glücklich sein, sage ich. Vor allem aber werde ich nicht bleiben.
Eigentlich wollte ich an dieser Stelle noch vor der Wahl eine Grundsatzrede, ein Pamphlet, eine Bittschrift hinterlassen, die die Mängel der Gesellschaft und die notwendigen Schritte zur Heilung aufzeigen könnte.
Aber ich hatte erstens zu wenig Zeit und zweitens ein Buch, das mich davon überzeugt hat, dass die Art von Gesellschaft, die mir eigentlich vorschwebt, gar nicht aus der jetzigen hervorgehen kann, ohne sie zu zerstören.
Die ziellose Gesellschaft, die Demokratie der Ängstlichen und Selbstverleugner, die Welt, in der man keine persönliche Verantwortung und keinen Bezug zu den Menschen und Dingen in seiner Umgebung hat, diese von sich selbst distanzierte Welt hat sich überlebt. Wir müssen einen neuen Weg einschlagen, einen, der uns mit unserer Umwelt und mit unseren Mitmenschen wieder in Kontakt bringt, einen Weg, den wir nicht alleine gehen können, den aber auch kein anderer für uns gehen kann. dieser Weg vereint Eigenverantwortung und Freiheit mit Hingabe und Berufung, Selbstverwaltung mit Gemeinschaftssinn.
Wie wir aber dahin gelangen können, vor allem, wie wir dahin gelangen können trotz (und nicht mit) unseren Politikern, die nur noch Masken und keine Menschen mehr sind, das weiß ich noch nicht. Sobald ich es weiß, sage ich aber Bescheid.
Bis dahin rufe ich trotzdem dazu auf, wählen zu gehen. Vielleicht können wir diesmal doch etwas ändern.
Wenn ich samstags auf dem Balkon über der Fußgängerzone sitze, dann sehe ich von oben auf die Menschen, die mit tropfendem Eis und einem Lächeln im Gesicht durch die Fußgängerzone spazieren. Ihre Schritte sind die von glücklichen Menschen: sie haben kein Ziel, kein bestimmtes Tempo, nicht die gestanzte Länge von Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Die Menschen, die ich vom Balkon aus sehe, essen Eis und freuen sich.
Mitunter verkürzen, beschleunigen sich die Schritte der Menschen, sie streben auseinander, wie der Fluss vor einem Felsen ausweicht. Was sie vermeiden ist die Politik, die in Gestalt von orange bewesteten Wahlkampfhelfern Stundenpläne, Bleistifte und Lineale an Freizeit-Menschen verteilen will.
Ich gehe hinunter.
Worin das Problem bestehe, frage ich. Man müsse doch den Menschen nicht den Samstag damit verderben, dass man mit ihnen über Politik redet. Die Menschen wollen frei haben und Eis essen.
Nichts da, sagt die Weste, die Menschen wollen informiert werden, sie wollen doch wissen, wen sie wählen sollen bei der Bundestagswahl. Ob ich ein Lineal wolle.
Was denn die Kandidatin gegen die Passiv-Politik machen wolle. Was denn die Kandidatin gegen die Parallelgesellschaften Politik und Volk tun wolle. Wie man die sozialen, intellektuellen und emotionalen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten abmildern wolle. Wieso man nicht die Ursachen, sondern die Symptome von Kriminalität mit Politik behandle. Warum man von poltischen Inhalten mit Dienstwagen, Gesetzesentwürfen und Geburtstagsessen ablenke. Warum man mir auf keine meiner Fragen zufriedenstellende Antworten geben könne, all das frage ich.
Und die Weste sagt: Wollen Sie noch einen Bleistift zu Ihrem Lineal?
Eine Platzwunde später steige ich wieder nach oben auf den Balkon und schaue hinab auf die Menschenwogen, die von Politik so wenig wissen wollen wie die Politiker, die sich aufgeblasen haben und dann entschwebt sind in eine Republik, die fern des Volkes stattfindet, das sich mit echter Arbeit und echter Arbeitslosigkeit herumschlägt.
Und dann erfinde ich eine neue Gesellschaft, in der nicht Gleichförmigkeit und Gleichgültigkeit vorherrschen, sondern der Wille, miteinander und füreinander zu arbeiten. Wo Einzelgänger nicht noch stärker ausgegrenzt werden, sondern mit ihren besonderen Fähigkeiten und Perspektiven einbezogen werden in die gemeinsame Gestaltung der Zukunft. Eine Gesellschaft, die ihre Mitglieder zu Teilhabe und Engagement motiviert statt Nährboden für Misstrauen und Paranoia zu sein. Eine Gesellschaft, die in ihren Zielen nicht unerreichbare Utopien sieht, sondern Träume, die es wert sind, verwirklicht zu werden.
Und dann gehe ich wieder hinunter zu der Weste und kaufe dem Menschen dahinter ein Eis.
In der Ferne zerschlagen Blitze den Himmel in Scherben, der herannahende Sturm treibt Wolken von feinem roten Staub vor sich her, der sich wie getrocknetes Blut auf meinen Körper legt. Ich stehe am Rand der Welt, vor mir das scheinbar endlose Meer, hinter mir ein ganzer Kontinent voller Durst, Hunger, Krankheit und Armut.
Seit ich in dieses Land gekommen bin, habe ich keine Nacht gesehen wie diese, ein Unwetter zieht über die Welt und verheert alles, was es berührt. Die Menschen haben Angst, fliehen in vermeintliche Sicherheit, sie wissen nicht, dass es keine Sicherheit gibt, keinen Hort, der uns davor schützen kann, was kommen wird. Nichts wird bleiben, wie es war.
Seit Wochen bin ich nun schon zurück und noch immer kann ich nichts von dem, was ich gesehen habe, in Worte fassen, die auch nur annähernd wiedergeben können, was ich gesehen, was ich erlebt habe.
In solchen Momenten zeigt sich, wie segensreich Routinen sein können. Sie nehmen der Zukunft den Schrecken, sie nehmen die Angst vor dem, was kommen mag.
Kennt man den Weg, geht man ihn gern, doch nun, da wir nicht wissen, nur ahnen und hoffen, was uns erwartet, spüren wir die Unsicherheit, die man manchmal - in weniger unruhigen Zeiten - Leben nennt.
Ich bin zurück und doch kenne ich den Weg nicht mehr. Alle Wege, die ich zu kennen glaubte, haben sich als trügerisch, als verbrannte Erde, als Illusion entpuppt. Am Ende der Welt habe ich erkannt, dass das, was vorher galt, kein Später zeitigen wird.
Ich kann jetzt den Donner spüren, nach jedem der himmelhohen Blitze fegt er grollend über die Ebene und über mich hinweg. Auch ich werde nicht entkommen können, werde keine Sicherheit spüren, nicht hier am Meer, dessen Wellen jetzt schon nicht mehr nur meine Füße bedecken. Die Flut kommt, treibt mich zurück an Land, dem Sturm entgegen. In das Schreien des Windes mischt sich das Rauschen des Regens, das wogende Meer dagegen ist seltsam still. Dort wo mich die Finger des Regens berühren, blühen rote Blumen auf, blutige Tränen rinnen über meine Haut.
Und dann verschlingt mich der Sturm.
Später dann liege ich ausgelaugt auf dem Strand eines ruhigeren Meeres. Meine Augen sind von Tränen, Salz und Sand verkrustet, meine Haut schmerzt, reißt mit jeder kleinen Bewegung auf, wo mich Blitze versengt, Donner versehrt, der Sandsturm berührt haben.
Ich habe keine Erinnerung an die Momente dazwischen, nur Aufflackern von Schmerz und Licht und das Dunkel danach. Meine Kehle ist rauh, ich habe geschrien, dem Sturm meine Angst mit lächerlich schwachen Worten entgegnet.
In mir ist nichts mehr, nur die Leere eines verbrauchten Geistes. In mir ist nichts mehr außer dem Wunsch, nicht mehr zu sein.
Und so liege ich auf dem Sand, blind und taub und stumm, als sie mich finden.
Symptomatisch scheint es für die Generation, der 9/11 mehr als Fixpunkt dient als 11/9: selbst angesichts des Todes des Mannes, der die Popkultur verkörperte, ist der eigene Nabel wichtiger als die Würdigung des Gesamtkunswerkes Michael Jackson.
Aber auch das ist Pop: Erzeugen von egozentrischem Inhalt aus scheinbar nicht dazugehörendem Kontext, medial übermalt, schrill überreizt, vom Grund der Wortmeldung so weit entfernt wie Michael Jackson von der Realität.
Das hat ein Ende. Mit Michael Jackson hat auch der Pop seine Grenzen erreicht. Das Phänomen der individuell geprägten Gestaltung des Internets hat eine Grenze erreicht, die nicht leicht zu erkennen ist in Zeiten des Überflusses: Sättigung.
Wir sind übervoll von allen Reizen des Individuums. Lange schon ist ein einfaches Linklog nicht mehr ausreichend, schon lange muss über Befindlichkeiten und Täglichkeiten berichtet werden. Jede Äußerung eine weitere Facette im Scheinbaren, jedes scheinbar neutrale Wort doch eine weitere Facette der Profilierung. Die Zukunft dieser großen Egomanie wird nur eines sein: Langeweile.
Dem Ego gehört nicht mehr die Zukunft. Wir müssen und werden zurückfinden zu einer Gemeinschaft, die das in sich trägt, was eine Gemeinschaft mehr ausmacht als liebevoll gestaltete Profile eines sozialen Netzwerks: der Wille gemeinsam etwas zu bewegen und zu bewirken, die Entdeckung der Macht der Massen.
Jetzt ist es an uns allen, die wir das Internet besser kennen als unsere Nachbarschaft: Wir müssen unsere Gemeinsamkeit entdecken, unsere Verantwortung als die tatsächliche Mitte der Gesellschaft annehmen. Wir dürfen nicht länger so tun, als wären wir blind und taub, wenn es um unsere Zukunft geht.
Wir dürfen in unserem eigenen Interesse Entscheidungen über unsere Interessen nicht denen blindlings anvertrauen, denen das eigene Wohl näher ist als das unsere. Es ist Zeit, dass wir mit unserer passiven Anteilnahme an der Gesellschaft aufhören. Wir müssen die Glitzerwelten des Pop hinter uns lassen, in der wir alle kleine Könige sind. Denn Könige sterben. Der König ist tot.
Wir haben die Wahl. Haben sie schon immer gehabt und werden sie immer haben. Bleiben wir stecken in unseren Gewohnheiten und unseren Ängsten oder wollen wir wachsen, wie es unserer Natur entspricht?
Wir sind die Generation, die es nicht gibt, wir haben kein Gesicht und keine Stimme. Wir haben die Wunden unserer Eltern geerbt, wir pflegen sie wie Schätze. Wir haben keine eigenen Reichtümer, nur die Hoffnung, dass wir nichts verlieren. Keine Erfahrungen, keine Narben, keine Wunder, keine Geschichte.
Wir haben die Wahl. Bleiben wir, wer wir nie waren, oder gehen wir weiter? Den ersten gemeinsamen Schritt.
Sie stehen auf der Straße, reden, stehen auf der Straße und unerhalten sich über Mädchen, über das Spiel, über die letzte Schulwoche. Sie sprechen über die Zukunft, die sie haben werden mit einer Sicherheit, die glauben läßt, sie sei schon geschehen. Sie ahnen nicht die Ungeraden, die ihre Wege sein werden, fürchten nicht die Brüche in ihrem Leben, Brüche die kommen werden, unausweichlich.
Sie haben nur diesen einen Abend, die Nacht bricht herein, legt Dunkelheit in die Straßen, allein im Schein der Laterne stehen die fünf weiterhin und tun so, als gäbe es kein anderes Morgen.
Wir haben keine Pläne. Wir haben nur Möglichkeiten. Aus uns kann alles werden und nichts. In einer Welt der Chancen wollen wir das einzige, was wir nicht bekommen können: die Nicht-Veränderung. Wir wollen das Weiter-So und Mehr-Davon und reden uns ein, es gäbe ein nächstes Glück. Wir kennen das alte, sind darin aufgewachsen und haben es hinter uns zurückgelassen. Wir nannten es Kindheit und Träume und Oz und Mittelerde, Narnia und Hogwarts, Osten Ard und Hyperion. Wir stehen an einer Schwelle, doch wissen wir nicht wozu. Am liebsten wäre uns, es gäbe nicht diese Tür.
Keiner der Fünf will nach Hause gehen. Es ist spät und ihre Familien werden sich vielleicht Sorgen machen. Sie sitzen auf der Straße, die immer noch, Stunden nach Sonnenuntergang, nicht kalt ist, der Asphalt speichert die Hitze des Sommers auch jetzt noch. Ein letzter Sommer soll ihnen gehören und doch wissen sie schon, daß die Kämpfe über sie hereinbrechen werden. Sie wissen, auch der Sommer wird ihnen so wenig gehören wie jede Zeit danach.
Sie sind keine Kämpfer und werden es nicht mehr werden. Sie werden untergehen, denn das Kämpfen haben sie nicht gelernt.
Und dann müssen wir wählen. Beziehen wir wenigstens ein einziges Mal Stellung und tun mal nicht so, als ginge alles nur andere an? Nehmen wir endlich die Verantwortung an, die wir haben, die Verantwortung, nicht nur Verwalter unserer Geschichte zu sein, sondern ihre Gestalter?
Gehen wir endlich hinaus und hören auf, uns alles gefallen zu lassen, hören wir endlich auf so zu tun, als folgten wir dem Strom? Wir sind der Strom, wir sind die neuen Menschen, wir sind die, die sein werden. Wir haben keine andere Zukunft als unsere eigene. Treffen wir also die Wahl: Wir werden erwachsen, wir übernehmen Verantwortung. Wir verlassen das Nimmerland.
Die Fünf sind fort. Die Dämmerung hat sie vertrieben. Noch leise höre ich ihre Wünsche zwischen den Stimmen der Vögel. Sicherheit wollten sie, doch sie wissen, es gibt sie nicht. Reichtum ist nicht zu haben, nicht mehr in einer Welt, die die Lügen hinter dem Geld erkannt hat. Schönheit ist nicht mehr als Relativität und Macht eine Frage des Willens. Glück, das wollen sie haben, Selbstentwicklung und Selbstentfaltung, Ehrlichkeit und Verläßlichkeit. Sie wollen Freunde bleiben, ein Leben lang, doch sie wissen, das erfordert Kraft und Mut, Großzügigkeit und Geduld.
Sie werden es schaffen, denn sie sind aufgestanden in der Nacht und haben ihre Träume als das erkannt, was sie wirklich sind: Der einzige Weg zu unser aller Zukunft.
Manchmal muss man fortgehen, um zu erkennen, woher man kommt. Die Distanz zu unseren eigenen Leben eröffnet uns Perspektiven, die wir nicht hätten, verließen wir unsere Welt nicht ab und an und tauchten in die Leben vollkommen fremder Menschen ein.
Wo Detmold eigentlich liege, fragt die Dänin, die als Stewardess zwar viel in Deutschland herumgekommen ist, in der Stadt, nach der das Flugzeug benannt ist, aber noch nicht war. Detmold ist, kläre ich sie auf, zu klein für einen Flughafen und viele Deutsche kennen Detmold auch nicht, auch wenn dort eines der wichtigsten Denkmäler der Deutschen ist.
Das Gedenken liegt den Deutschen nur, wenn sie es mit unangenehmen Zeiten verbinden können. Angenehmes Erinnern an die Vergangenheit ist nichts für ein Volk, das sich jetzt in der dritten Generation nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust befindet. Und doch ist auch diese Distanz noch nicht groß genug. Keine Distanz wird jemals ausreichen, die Deutschen vergessen zu lassen, dass sie einst ein Volk von Mördern waren. Wahrscheinlich ist das sinnvoll. Den Abgrund zu kennen schützt davor hineinzufallen.
Später nippe ich an meinem Saft. Wir fliegen zwischen den Wolken hindurch, die, wie ich weiß, nur aus Wassermolekülen bestehen, die sich über kleine elektromagnetische Ladungen zusammenballen und hochhaushohe Berge bilden können, die aussehen wie Korallenriffe und doch die Konsistenz von Nebel haben. Sie sind so greifbar wie die Träume der Menschen, das Flugzeug taucht in das Weiß ein und wird verschluckt, bis wir nach einigen Sekunden wieder im strahlenden Blau des wolkenfreien Himmels schweben. Die Wolken liegen hinter uns, auf den Tragflächen haben sich nur zwei Wassertropfen gefangen, die aber auch schon, kaum dass ich sie entdeckt habe, wieder verschwunden sind.
Die Detmold ist auf dem Flug nach Norden, wir kehren heim in unsere Leben. Eine Woche an der Côte d'Azur geht schnell vorbei, eigentlich dachte ich, wir wären eben erst angekommen, lägen immer noch in der Sonne, erschöpft vom Nichtstun, ausgelaugt von der Hitze, die auf den Süden Frankreichs herabbrennt.
Deutschland, in dem die Regenwolken regieren, ist weit weg. Frankreich, das eine Sprache spricht, der keiner der Mitreisenden mächtig ist, entzückt durch wolkenfreien Himmel, Croissants, Tartes, Rillette, Baguette und Berge frisch gefangenen Fischs. Wir liegen am Pool des gemieteten Hauses und hören dem leisen Knistern der Pinien zu. Grillen zirpen um die Wette, träge flattern Elstern von Baum zu Baum.
Dann sind wir am Strand, St. Tropez liegt mit seinen engen und von Menschen überfüllten Gassen hinter uns. In den Schatten der Stadt haben wir keine Abkühlung gefunden, im Gegenteil, die lauten Menschen, die in der Hitze keinen Gedanken für sich behalten können, ihr Kopf würde platzen, würden sie es auch nur versuchen, die lauten Menschen tragen ihre glitzernden und gleißenden Oberflächen mit sich herum und blenden sich gegenseitig.
Am Strand ist es kühl, das Meer trägt einen kühlenden Wind heran, die Wellen wiegen uns in mittäglichen Schlaf im Schatten. Der Sand ist weich und warm, wir fallen aus unseren Körpern in das weite Blau des Himmels und kehren erst Stunden später wieder zurück, als wir mit Pastis auf den Sommer anstoßen. Wir spielen Boule auf dem Sandplatz am Haus, der abendliche Wind rauscht in den Pinien, kleine Abendwolken im Schlepptau, die später, als Mond und Sterne auf uns herabblicken, schon längst wieder verschwunden sind.
Irgendwann zwischen den Tagen verliere ich mein Zeitgefühl und vergesse die Notwendigkeit, an ein anderes Leben als dieses zu denken. Ich habe keine Arbeit mehr, ich lese an den Vormittagen, schreibe an den Nachmittagen, schwimme dazwischen ein paar Bahnen, meine Schultern entspannen sich (es fühlt sich an, als wäre es das erste Mal seit Jahren), das eine der tausend Bücher wird wieder fassbar. In der einen Woche habe ich mehr geschrieben als im letzten halben Jahr. Ich bin noch weit entfernt davon, auch nur ein einziges Kapitel als abgeschlossen zu betrachten, doch ich fühle, dass das der richtige Weg ist. Und ich weiß genau, dass die Arbeit im Büro Vergeudung ist.
Manchmal braucht man die Distanz, um ehrlich zu seinem Leben sein zu können. Man muss aus seinem Leben ausbrechen, um zu erkennen, ob man noch auf dem richtigen Weg ist. Ich habe mein Ziel verloren, und auch wenn ich das schon seit Langem wußte, konnte ich mir das nicht zugestehen. Ich habe lange Zeit zurückgesteckt, habe dem Bild, das andere von mir gezeichnet haben, gerecht werden wollen, weil ich mir nicht zutraute, dass meine Entscheidungen richtig sein könnten. Ich weiß, dass mein Weg nicht klar verlaufen kann und wird. Ich habe die Angst, und ich habe sie zurecht, dass nicht alles in meinem Leben nach meinen Plänen verlaufen kann und wird. Deshalb allerdings keine Pläne zu machen und auf Ziele verzichten, weil sie anderen albern vorkommen könnten, ist der völlig falsche Weg. Aus Angst vor Rückschlägen auf Versuche zu verzichten, führt nirgendwohin.
Wir sitzen am Meer, das seit Jahrmillionen gegen die Küsten der Welt rollt. Über uns kreisen Albatrosse, Kinder jagen einander über den Strand. Zwischen den Wellen schwimmt ein junger Mann, sie heben ihn hoch und lassen ihn wieder in ihre Täler gleiten, überrollen ihn, umspülen ihn mit der Gischt ihrer Kronen, doch er schwimmt unbeirrt weiter.
Meine Gedanken schwimmen mit ihm hinaus, lassen alle Sorgen und Ängste zurück, all den Ballast, den ich über die Jahre zusammengesammelt habe. Ich kann und will ihn nicht mehr behalten, er zöge mich hinab auf den Meeresboden und ließe mich ertrinken.
Ein Zittern geht durch das Flugzeug, wir befinden uns nach den Angaben des Kapitäns im Sinkflug auf Frankfurt. Ich sehe nichts, als ich aus dem Fenster sehe, wir fliegen durch undurchdringliches Weiß. Erst Minuten vor der Landung sinken wir unter die Wolken, ich sehe die Skyline von Frankfurt in der Sonne des späten Nachmittags glitzern. Das Flugzeug setzt sanft auf, der Wind bricht sich in den aufgestellten Bremsklappen an den Flügeln. Faszinierend ist diese Tierart namens Mensch, denke ich, die ihrem Traum nach dem Fliegen nie entkommen konnte und daher das Unmögliche vollbringen konnte, musste. Kein Rückschlag (und davon gab es viele) war hart genug, dass der Traum als unerreichbar aufgegeben wurde. Dazu ist der Mensch nicht geschaffen. Wir geben niemals auf.
Manches überlebt sich von selbst und kein Rettungspaket der Welt kann das noch ändern. Opel (und alle anderen Hersteller von Verbrennungsmotoren), Karstadt (und alle anderen Warenhäuser, die teurer sind als das Internet und auch keine besseren Produkte bieten), die SPD (und alle anderen Parteien, die nicht die Entscheidung zwischen richtiger Demokratie und echtem Absolutismus treffen können).
Mein Arbeitgeber gehört auch dazu. Man kann sich nicht entscheiden, ob man wirklich mal hart durchgreifen oder tatsächlich wieder sozial und freundlich sein will. So greift man zu dem Mittelweg, der nicht golden, sondern einfach nur scheiße ist: geheuchelte Freundlichkeit, leise Apelle, die nicht als Befehle verstanden werden sollen, es aber trotzdem sind. Die Zukunft hat begonnen, die Firma hat aber noch einen Kater und kommt nicht so recht aus dem Bett.
Heute ist mein letzter Tag vor dem Urlaub, eine Woche Südfrankreich. Hoffentlich ist die Firma bis nächsten Freitag implodiert.
Au revoir.
Wer übrigens vielleicht noch einen Hinweis auf die Wahl morgen haben will, sollte sich mal den
Wahl-o-maten anschauen. Erstmals mit allen zur Wahl stehenden Parteien.
Lassen auch Sie sich überraschen.
So. Muss zur Arbeit.
Es regnet derweil mal wieder. Die Monate gehen ins Land, wie ich morgens zur Arbeit: unaufhörlich und ohne Ziel. Die Worte bleiben irgendwo auf der Strecke, ersetzt werden sie durch einen langsam wachsenden Unwillen, so weiter zu machen.
Die Firma ist im Umbruch, die Krise, die nichts mit der Finanzkrise zu tun hat, war schon vor drei Jahren abzusehen, erst jetzt wird reagiert, hektisch reagiert, Aktionismus regiert ebenso wie Unzufriedenheit unter den Mitarbeitern. Die Führung sieht das nicht, will oder kann es vielleicht nicht sehen.
Ich freue mich auf Südfrankreich im Juni und Namibia im August und den Beginn meiner erneuten Stellensuche ab Juni. Der Vertrag läuft bis November und würde wahrscheinlich sogar verlängert, weil sonst Mitarbeitermangel herrschte, ich will aber nicht warten, bis ich mit dem Schiff untergehe.
Vor allem aber fehlen mir die Worte. Anders als früher kann ich darüber aber nicht mehr traurig sein, dazu fehlt die Zeit und der Wille, auch dabei noch Kraft zu verlieren.
Alles weitere wird man sehen.
"Wir müssen den Menschen unsere Politik noch besser erklären."
Wolfgang Schäüble im Spiegel-Interview
Die Demokratie erhebt sich aus der Gesellschaft, aus der Mitbestimmung der Massen an der Entwicklung des Staates. Denkt man so leichthin. In der Tat aber gleicht der demokratische Staat eher der elliptischen Umlaufbahn der Erde um die Sonne. In der Regelmäßigkeit von Jahreszeiten nähert und entfernt sich die Elite (im Wortsinn zu verstehen) dem Volk, je näher eine Wahl rückt, umso volksnäher, umso verständiger, umso menschlicher geben sich die Politiker.
Dieses Tidenverhalten ist nicht zwangsläufig Absicht. Vielmehr ergibt es sich aus der Funktion des Politikers, im Auftrag des Volkes die Gesamtentwicklung, das große Bild, die globalen Zusmmenhänge zu sehen. Nur durch den Selbstentzug aus der kleinbürgerlichen Sphäre kann der Politiker die Entwicklung des Staates vorantreiben, will er Politik und nicht Revolution, die per definitionem aus dem Inneren der Gesellschaft stammt.
Insofern ist die Entfremdung des Politikers verständlich und sinnvoll. Unverständlich und dumm ist es allerdings, wenn der Politiker davon ausgeht, das Volk müßte zum Politiker kommen und nicht umgekehrt. Wolfgang Schäuble deutet in seiner oben zitierten Satz aber genau das an. Nicht der Politiker ist in der Verantwortung, eine dem Wähler verständliche Politik zu machen, dem Wähler obliegt es, die Politik der Elite zu verstehen. Die Sonne soll der Erde folgen.
Es ist dies ein Missverständnis vieler Politiker, vielleicht aller Politiker Deutschlands, vielleicht eines der Politiker weltweit. Der Glaube, der Staatsbürger als Stimmvieh sei unfähig, die komplexen Anforderungen der Staatsführung zu verstehen, erzeugt in den Federführenden den Wunsch, zusätzlich zu einer grundsätzlich unverständlichen Politik noch Energie in die Erklärung derselben zu investieren, statt nachvollziehbare Politik zu machen. Dabei ist es genau dieser zusätzlich erzeugte Energieverlust westlich-demokratischer Politik, der zu Politikverdrossenheit und Demokratie-Entfremdung beiträgt, bis das Fundament der Demokratie, die Gesellschaft, irgendwann nicht mehr vorhanden ist. Bis der um sich selbst auf seiner elliptischen Bahn kreisende Planet Politik keine Sonne mehr hat.
Der Junge, der gestern schoß und 17 Menschen tötete, hatte Pornobilder auf dem Rechner und Killerspiele, war nahe der sozialen Isolation, spielte mal Tischtennis, interessierte sich für ein Mädchen aus der Nachbarschaft. Wie ungewöhnlich für einen 17jährigen.
Die Waffengesetze seien schuld, sagen andere, man müsse verschärfen, was noch zu lose sei. Killerspiele lasse die Kinder verrohen. Die Eltern müßten mehr in die Pflicht genommen werden, die Lehrer, die Mitschüler, die Sportvereine, die Hüter der Gesetze, irgendwer hätte doch mal kommen sehen müssen was passiert.
Wie aber. Wenn wir noch nicht mal die Reaktion eines Menschen, den wir vielleicht verstehen könnten (den Typen im Auto neben uns beispielsweise), vorhersehen, bevor er uns in die Leitplanke drückt, wie sollen wir dann als Gesellschaft sehen, was in abgeschiedenen Kammern geschieht? Eben. Wir können nicht alles sehen, wir können nicht alles sehen, zum Beispiel, dass auch und gerade eine normierende Gesellschaft Außenseiter, Abweichler, Gefolgsamkeitsverwehrer schafft.
Die Gesellschaftsversehrten dämmern in ihrer eigenen Stille, wo niemand sie sucht oder befragt nach ihren Wünschen und Träumen und Hoffnungen, nach Ihrer Wut, ihrem Zorn, ihrer Trauer, ihrer Ohnmacht und dem Verlangen, einmal der Ohnmacht zu entkommen. Die Gesellschaft sieht weg, wie sie immer wegsieht, die Gesellschaft ist ihr genaues Gegenteil, nicht gesellig, sondern abschottend, sie kreist um sich selbst statt um ihre Mitglieder, sie tut für sich, was sie für andere nie täte.
Die Gesellschaft erschafft sich ihre eigenen Schatten, Attentäter, Mörder, Räuber, Vergewaltiger. Die Debatte, die jetzt wieder vom Zaun gebrochen wird, geht daran aber erneut vorbei.
Wir sind natürlich schockiert, wir haben Mitleid, fühlen uns selbst verletzt und versehrt. Wir haben Angst vor den Verletzungen und vor allem: als Entsetzen getarntes Schuldgefühl, daß wir versagt haben, daß unsere Gesellschaft mal wieder nicht geschafft hat, was sie sich vorgenommen hatte. Sich selbst zu bessern und nicht ins eigene gezückte, offene Messer zu laufen.
Der Junge, der gestern Menschen um Leben, Liebe und Zukunft brachte und sich selbst der strafenden Justiz entzog, war einer aus der kreisenden Gesellschaft, die Hand, die die Waffe auf die Gesellschaft richtete, der Finger, der den Abzug drückte, war die Gesellschaft selbst.
In der Verkleidung wichtiger Menschen stehen wir auf den Bahnsteigen der Bundesrepublik, wartend auf die Züge, die uns in unseren Lebensersatz bringen, allen die selben Zweifel ins Gesicht gefroren, ob dies das richtige Leben sei.
Heute steht vor mir im Spiegel ein Mann, den ich nicht kenne. Nicht zum ersten Mal bin ich nicht ich, doch noch nie sah ich aus wie ein Abkömmling eines Managersohninternats.
Es ist nicht mein Leben, das ich führe, nicht meine Wege, die ich gehe. Melde sich bitte bei mir, wer ein ödes, eingefahrenes Leben sucht. Tausche gegen nahezu alles.