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Dienstag, 9. April 2002

Stars und Sternchen | Gedichte

Weißt du, wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?
Weißt du, wieviel Wolken gehen weit hinüber alle Welt?
Gott, der Herr, hat sie gezählet, daß ihm auch nicht eines fehlet
an der ganzen großen Zahl, an der ganzen großen Zahl.

Weißt du, wieviel Mücklein spielen in der heißen Sonnenglut,
wieviel Fischlein auch sich kühlen in der hellen Wasserflut?
Gott, der Herr, rief sie beim Namen, daß sie all ins Leben kamen,
daß sie nun so fröhlich sind, daß sie nun so fröhlich sind.

Weißt du, wieviel Kindlein frühe stehn aus ihren Betten auf,
daß sie ohne Sorg und Mühe fröhlich sind im Tageslauf?
Gott im Himmel hat an allen seine Lust, sein Wohlgefallen,
kennt auch Dich und hat Dich lieb, kennt auch Dich und hat Dich lieb.

Melodie: Volksweise
Text: Wilhelm Hey

Gap | De Re Publica

Unfälle, Blut und Verderben bestimmen allsonntäglich das Fernsehprogramm in 2 000 000 russischen Haushalten. Ist an sich nicht so dramatisch, finde ich, immerhin hat Reality TV auch bei uns schon lange seinen Platz gefunden. Viel nachdenklicher dagegen macht mich die Aussage der Programmgestalterin dem Spiegel gegenüber:

Wir sind uns völlig bewußt, daß unser Programm für jedes halbwegs normal entwickelte westliche Land vollkommener Usinn ist. Wenn sie in einer Notfallsituation in den Usa oder Deutschland mit einer Kamera am Unglücksort auftauchten, würde man ihnen die Tür vor der Nase zuschlagen.

Nachdenklich deswegen, weil ich nicht so sicher bin, daß da tatsächlich Türen vor Nasen zugeschlagen werden würden. Die Welt will nicht nur sehen und immer mehr sehen in ihrer unersättlichen voyeuristischen Gier, sondern, und das ist erschreckender, wenn auch Erklärung für vieles, was man im Fernsehen sehen kann, sie will gesehen werden. Je spektakulärer desto lieber. Bis hin zum Selbstmord vor laufender Kamera.
Daß da noch kein Sender drauf gekommen ist, um Einschaltquoten von abgehalfterten Moderatoren zu pushen, wundert mich eigentlich dann doch ein bißchen.

Reminiszenz | Kein Märchen

Er hat sie damals zum Weinen gebracht durch seine Bevormundung. An einem Tag, der nur ihr gehören sollte. Und jetzt ist er einfach nur tot. Tot und verschwunden.
Erkaltete Herzen. Stumme Wände, übertünchte, überstrichene Wahrheiten und Lügen. "Wir haben damals Zeitung von 1930 von den Wänden geholt."
Wie kann einer dieser Menschen auch nur halbwegs glücklich sein, wenn sie doch alle alt und krank werden. Im Vergessen liegt eine Macht, die man nie unterschätzen darf. Und immer wieder frage ich mich, wie ich so viel vergessen konnte, was Andere aus meiner Umgebung noch wissen, als wäre es gestern passiert. Was nimmt in meinem Leben den Platz ihrer Erinnerungen ein? Habe ich nur die Bilder, die Situationen ohne Ton, ohne Worte? Fange ich nur Stimmungen, unfähig, mich in ihnen auszudrücken?
Was ich schreibe, ist meine Erinnerung, was ich festhalte, kann ich guten Gewissens vergessen. Ich kenne keine meiner Wahrheiten so gut wie meine Lügen, doch die besten meiner Lügen verstehe ich nicht; wie Axiome meines Lebens. Summen im Parkett, keine Ruhe auf den billigen Plätzen, einzig die Stimmen der Menschen um mich gerum. Gespräche über das Leben, und ich allein in dieser wuselnden Menge, schweigend und auch ein wenig erinnernd. Vor allem daran erinnere ich mich: er hat sie damals zum Weinen gebracht.

Genug der Ratio | Kein Märchen

"Du hörst dich an wie ein Greis" sagt mir meine halbsenile Großmutter, nur um wenige Minuten danach von ihrem verstorbenen Mann zu reden, von dem sie schon Monate, beinahe Jahre nicht mehr sprach. "Er fehlt mir dann doch schon sehr."
Und dann muß ich daran denken, wie sehr ich um meinen Großvater getrauert habe, und wie wenig ich sie habe trauern sehen. Das vergessen ist gnädig, eine Freude für die, die in ihren Schatten darben.
"Du klingst wie ein Greis." - "Du bist immer so vernünftig." - "Du bist so rational." Bin ich denn auf dieser großen weiten Welt der einzige Mensch, der bei seinen Handlungen zu beachten versucht, was Andere denken? Bin ich der Einzige, der Rücksicht nimmt? Bin ich der Einzige, der zugunsten dessen, was am besten für alle wäre, seine eigenen Wünsche auch schon mal zurückstellt? Ich werde doch nicht am Ende auch wieder Altruist werden? Projektvorschlag: endlich unvernünftig sein! Endlich nicht mehr Rücksicht nehmen! Endlich Wunschgewicht! Ach nee, das war was Anderes.

Bitte warten | Treibgut

Worüber man nächsten Dienstag beim Einkaufen mit der Wurstverkäuferin reden kann, wenn man schon aus vegetarischen Gründen nichts bei ihr kauft: Schlangendarstellungen in Mesopotamien und Iran vom 8. bis 2. Jh. v. Chr. - Quellen, Deutungen und Kulturübergreifender Vergleich. Auch geeignet als Diplomarbeit.

Das Dings mit dem Dings | Coram Bello

Innehalten und die Worte schmecken, die gerade aus dem Mund geflossen sind, ihre Unstimmigkeit, ihre Unmöglichkeit, ihre Unfähigkeit, wahre Sachverhalte zu erfassen. Im Konzept von Wahrheit und Lüge gefangen, unumgänglich das Zögern vor dem letzten Punkt.
Sezieren von Sprache, Anatomie der Sprachlosigkeit. Erfinden der Welt in Bildern, ein Spiel für Laien und Könner. Ein gewagtes, ein gefährliches Spiel. Anatomie für Ahnungslose. Spielzeug in den Händen der Kinder, die wir einst waren. Krieg und Vernichtung, aber auch Hilfe und Trost, Heimat und Vertreibung. Anfang und Ende vom Paradies. Alpha und Omega.

Tripelpunkt | Morpheon

Ich bin ich bin ich bin das Feuer bin das Leben bin das Leben und das Meer und das Eis an den Polen meines Planeten um meine Sonne meines Selbst und ich bin in meiner Hitze verbrennend das Leben das ich bin und ich scheine zu schmelzen im Licht meines Lachens das Deine Lieder erhellt die Du singst im Schein meiner Sonne auf Deinem Planeten der ich bin kreisend um die Sonne die Du bist und ich drehe mich lachend und singend um Deinen Mond der ich bin und ich kreise um mich in mir denn ich bin Dein Universum im Kopf eines Denkers der uns beide kennt und der wir beide nicht sind.
Und ich denke die Worte in meinem Kopf die mit meinem Atem von meinen Stimmbändern fliehen und fliegen und die Dir sagen, wie sehr Du mir fehlst, wenn mein Kopf nicht an Deiner Schulter ruht und wie groß die Welt mir ist, wenn Dein Atem nicht auf meiner Haut. Ich schwimme im Kopf meines Denkers der ich bin und der nicht ich ist und der weder Dich noch mich kennt und doch sind wir beide seine Worte und Werke und doch sind wir seine Schöpfer und er unser Geschöpf und Opfer.
Und ich stehe inmitten der Seiten meines Lebens an der Grenze zwischen Tag und Nacht und kann weder vor noch zurück, denn mein ist die Liebe und Dein ist das Leben und der Tag ist die Nacht und die Sonne der Mond und das Gras ist blau vor dem grünen Himmel. Rote Sonne, Roter Mond.

Und plötzlich: verschwimmt alles im Dunkel der Nacht, die hereinbricht zu trennen die Liebenden von den Toten, und ich schwimme davon mit den Fluten der schweigenden Massen, die getrieben werden von Sehnsucht, Hunger und Gier. Ihre tastenden Finger ziehen mich weiter, verführen mich tiefer zu sinken, in die Wärme und Nähe ihrer kaltglatten Arme, die glitzern unter den noch kälteren, noch ferneren Sternen. Und ich gehe unter, versinke in ihrem Lied, meine Stimme verstummt und ich staune über das Sterben der Welt. Denn die Welt ist mein Garten und ich bin verloren, denn da grün ein Gefühl ist, bin ich entlaubt.

Und dann: erwachen aus schweißnassen Träumen, die mich hinabziehen wollten zu den Toren des Morgengrauens. Erst schwach, immer weiter erstarkend, Dein ruhiger, besänftigender Atem an meiner Haut, meinem Ohr. Alles wird gut, flüstern die Nacht und Dein Herzschlag und ich weiß, der Tag wird bald dämmern.

Zuhause | Coram Bello

"Zuhause ist", sagt meine Mitbewohnerin, "wo es einem viel besser schlecht gehen kann."