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Freitag, 20. April 2007

Zum Glück ist gleich Wochenende | Von der Front

Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaah!

Leben im Schatten | Kein Märchen

Diese Geschichte fiel mir wieder ein. Die Worte, die beschrieben, wie sehr er ihr wehgetan hat, wie oft sie unter ihm gelitten hat, wie groß ihr innerer Schmerz manchmal war. Diese Geschichte fiel mir wieder ein. Die Sätze, die ihre Verlorenheit erreichen wollten, ihre innere Starre beschreiben sollten, die versuchten, meinen eigenen Schmerz angesichts des ihren zu fassen und zu verstehen. Diese Geschichte und die andere, die nicht von der Gnade des Vergessens für die, die in ihrem eigenen Schatten dahindämmern, erzählte, sondern von der Erinnerung und dem Wind, der die Zeit wie vertrocknete Blätter durch die Geschichte weht. Geschichte, die ich nur aus Erzählungen meiner Großeltern kenne.
Ich vermisse, was nicht fort ist, mir fehlt, was nicht verloren ist. Meine Großmutter geht und ich weiß, daß sie schon lange fort ist. Nur noch ein Schatten ihrer selbst sitzt im Stuhl und sieht mich verständnislos an, vielleicht ebenso irritiert, wie ich sie ansehe, wenn ich versuche, die großzügige und liebenswerte Frau in ihr zu entdecken, die in der Vergangenheit meine Großmutter war.
Als ihr Mann vor nun acht Jahren starb, hat sie gesagt, sie sei die nächste, sie sterbe als nächstes. Und seither sind andere gestorben, meine andere Großmutter, meine Großtante, mein Patenonkel, ein Neffe meiner Großmutter, ein Cousin meines Vaters. So viele tot und sie die einzige, die sterben wollte.
Letzte Woche haben wir überlegt, ob wir zulassen sollen, daß sie verhungert oder daß ihr eine Magensonde gelegt wird, damit sie in ihrer inneren Isolation mit Nahrung versorgt werden kann. Letzte Woche haben wir noch überlegt, ob es gut für sie ist, ob sie sich wünschen würde, so weiterzuleben, ob das überhaupt Leben sei.
Vorgestern dann ist sie ins Krankenhaus gekommen, Verdacht auf verschiedene Tumoren, mal einer der Lunge, mal einer des Magens. Nach einer Magenspiegelung und mehren Ultraschalluntersuchungen ist klar, daß es beides nicht ist. Sie hat vielleicht einen Tumor, vielleicht einen Gallenstau. Im Krankenhaus weiß man nicht weiter, wir können nur mutmaßen. Sie sehe nicht krank aus, sagt meine Mutter, sie sei in sich verloren wie eh und je seit fünf Jahren, spreche nichts, esse und trinke wenig und wolle, so schien es, am liebsten in Ruhe gelassen werden.
Immer noch wissen wir nicht, was zu tun sei. Wir wollen sie gehen lassen, doch ich befürchte, sie ist so sehr abgeschirmt von der Welt, daß sie den Weg nicht findet.
Ich befürchte, sie muß weiterleben, leben im Schatten ihrer Erinnerung, leben als ihr eigener Schatten.

Fahrstuhl zum Schafott | De Re Publica

Schafott ist ja kein gebräuchliches Wort mehr, ebenso wenig wie sein Synonym, das Blutgerüst, was nicht verwundert, ist der öffentliche Vollzug der Todesstrafe glücklicherweise schon lange nicht mehr Usus in hiesigen Landen. Metaphorisch gesehen allerdings finden sich öfter mal Gelegenheiten, wo man sich fühlen könnte wie auf einem.
Eine solche Gelegenheit - jetzt wird es also mal wieder politisch - hatte vor Kurzem der Ministerpräsident von Baden-Württemberg Günther Oettinger. Man erinnert sich.

Jung ist er nicht, der Herr Oettinger, ganz im Gegenteil, er ist im Jahr 1953 geboren und hatte also reichlich Zeit, die geschichtliche Aufarbeitung der NS-Zeit ebenso mitbekommen wie die Folgen eines falschen Umgangs damit. Man denke nur an die ehemalige Bundesministerin für Justiz Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin, die ihr Amt räumen mußte, nachdem sie die Außenpolitik von George W. Bush mit der von Adolf Hitler verglichen hatte.
Sicherlich kann man den Fall Filbinger nicht ansatzweise mit dem Fall Hitler vergleichen, das käme mir auch gar nicht in den Sinn. Zu Bewußtsein bringen will ich höchstens die Sensibilität, derer es bedarf, wenn man die Jahre zwischen 1933 und 1945 anspricht.
Günther Oettinger hätte das wissen können, vielleicht auch müssen. Vor allem aber hätte er, der ja eigentlich für die Führung eines ganzen Bundeslandes verantwortlich ist, nicht so dumm sein sollen. Er hätte weder die NS-Zeit seines Vorgängers ansprechen müssen, noch hätte er Filbinger im Nachhinein ungebeten entnazifizieren müssen, als sei er, der erst acht Jahre nach dem Ende des Kriegs Geborene, dabei gewesen, als Hans Filbinger seinen vermeintlichen Widerstand gelebt hat. Er hätte auch nicht so dumm sein müssen, drei Tage auf seiner Meinung zu beharren und sich erst am vierten Tage von sich selbst zu distanzieren. Auf öffentlichen Druck wohlgemerkt.

All das ist mir eigentlich egal. Mir geht der Herr Oettinger ebensowenig nahe wie der Herr Filbinger. Angeblich, das sagt eine Bekannte, könne er ganz gut Klavierspielen. Sympathischer macht ihn das nicht.
Was mich aber aufregt, ist der Umstand, daß er sich einfach so entschuldigt.
Er bittet nicht etwa um Verzeihung, so daß ihm die Schuld genommen werden kann, er ent-schuld-et sich selbst. Er streift die Schuld ab wie einen Mantel, den zu tragen er nicht gewillt ist, zeigt aber keine Reue, keine Einsicht, kein Bewußtsein für einen Fehler. Er, der ins Amt gewählt worden ist, um Verantwortung zu tragen, übernimmt nicht die Verantwortung für seinen eigenen Fehler.

Ich mißbillige diesen lockeren Umgang mit persönlichen Fehlern, vielleicht weil ich auch dazu neige, meine eigenen Fehler lieber vertuschen zu wollen, mit Lügen zu tarnen und unkenntlich zu machen. Daß meine Meinung unwichtig und irrelevant ist, ist mir bewußt. Ebenso, daß das Aufwerfen und Herunterspielen von Geschehnissen, der wahllose Umgang mit Reizthemen und provokanten Thesen und das Manipulieren der öffentlichen Meinung durch Lügen und verzerrte Wahrheiten zum Tagesgeschäft der Politik gehört.
Andererseits aber frage ich mich, wohin uns als Gesellschaft ein solches Gebaren und ein solcher Umgang mit der Wahrheit führt. Oder die Toleranz gegenüber einem solchen Verhalten.