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Montag, 4. Februar 2008

Schattenland | Morpheon

Von einem Schattenland träumte ich, dort fielen die Schatten der Menschen nicht nach außen, auf den Grund, den ihre Füße berührten, sondern gegengerichtet: in die Körper, in die Köpfe und Hände, in die Gedanken und Taten der Menschen fielen die Schatten.
In der Dämmerung der immer gleichartigen Tage und Nächte jagten wir einander durch die Straßen zerbrochener Städte, kannten keine Freunde, nur Feinde, deren Angriff durch vorherigen Angriff pariert werden mußte.
Doch dann taten sich Tore auf und fanden wir Einlaß in bisher verschlossene Welten und wurden zu einer Gruppe, die sich selbst helfen und dadurch retten wollte. Wir schlossen die Tore vor dem Angriff der Neidischen, der Lauernden, vor dem Zögern der Wartenden, Unschlüssigen, und wir hörten das Zerreißen von Fleisch, als die Einen vor dem Tor über die Anderen hinwegwogten.
Wir fühlten uns sicher in unseren Verstecken, doch immer wieder mußten wir hinaus in die Dämmerung, immer wieder flohen wir die scheinbare Sicherheit, die uns Türen und Tore boten. Immer öfter kehrten die, die sich hinauswagten, nicht mehr zurück.

Ich bin im Keller unseres Hauses, durch die Ritzen in der Decke sehe ich Fragmente der Menschen, die zu lieben ich mir im von uns geschaffenen Licht außerhalb der Dämmerung angewöhnt habe. Ihre nach innen fallenden Schatten sind den meinen ähnlich geworden, wir haben einander erkannt und vergeben, wir gehören zu- und einander.
Im Keller sitze ich unweit der Treppe und unweit der Türen, die in andere verschlossene Räume führen, die zu öffnen wir bisher nicht gewagt haben. Wir wissen nicht, ob dahinter Licht oder Dunkelheit liegen oder nur weitere Dämmerung. Wir wissen es nicht und wollen es nicht wissen.
In meiner Hand liegt ein Schlüssel, der im Schloß an der Außenseite der Tür zur Kellertreppe steckte, ich habe ihn herausgezogen, bevor ich die Tür hinter mir zuzog. Der Schlüssel liegt schwer in meiner Hand, als wäre er nicht aus Staub und Stein wie alles andere, sondern aus der Angst, die sich in meinem Herzen versteckt, und der Wut, die in den Augen der Lauernden vor den Fenstern der Häuser brennt, und der Begierde nach einer Erlösung, die uns alle, Innere wie Äußere, eint.
Von oben höre ich die Stimmen der Meinen, und ihre Worte sind zu leise, um sie zu verstehen, allein am Tonfall erkenne ich das Gesagte, wieder ist einer verschwunden, einer verloren, er hat eine Tür geöffnet und die Dämmerung begrüßt, bevor er aufgehalten werden konnte. Er ist fort und die anderen sorgen sich, nur einer steht auf und heißt ihn in zornigem Ton Verräter und Verdorben und einer steht auf und heißt ihn Tor und Verirrt.

Ich sitze am Fuß der Kellertreppe, der Raum ist dunkel, das Licht, das durch die Ritzen der Decke fällt, wird schwächer, an mich schmiegt sich mehr und mehr Dunkelheit, in meiner Hand wiegt schwer der Schlüssel zur Tür am oberen Treppenende. Sie hatte weder Schloß noch Knauf auf meiner Seite, meine Fäuste schlugen Spreißel aus dem Holz, doch wankte und bebte es nicht, als sei es Stein und Fels geworden in dem Moment, als ich die Meinen aus mir ausschloß.

In meinen Augen und meinem Mund und meiner Nase sammelt sich Staub, und ich lege mich auf den Boden, der nicht kalt und nicht hart ist, sondern warm und weich, und ich versuche zu weinen, um den Staub von mir zu waschen. Ich schlafe ein und träume von einem Schattenland, in dem die Schatten der Menschen nach außen fallen und nicht nach innen, in das Denken und Tun und das Wollen der Menschen.