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Donnerstag, 9. Oktober 2008

Nachtgedacht 2 | Ad Lucem | Coram Bello

Krise, das heißt ja Zuspitzung und Wendepunkt, gleichermaßen Gefahr wie Möglichkeit. Daß die Nacht da, wo sie am dunkelsten scheint, dem Morgen am nähesten ist. Das ändert natürlich nichts daran, daß Banksysteme wie Kartenhäuser einbrechen, daß Staaten wie Island oder Irland, vielleicht bald Großbritannien dem Staatsbankrott entgegenschlittern, haltlos vielleicht, vielleicht in letzter Sekunde gerettet durch gesamtweltliches Handeln.
Andererseits frage ich mich auch: was ist das hier eigentlich?

Ich gebe zu, ich habe weder in meinen betriebswirtschaftlichen noch in meinen volkswirtschaftlichen Vorlesungen genügend Einsicht in Markttheorien bekommen, daß ich auch nur ansatzweise das gesamte Ausmaß der aktuellen Situation einschätzen oder auch nur verstehen könnte. Ich verstehe auch nicht, warum der Fall aller Aktienindizes nicht einfach durch einen internationalen Handelsstop auf den Börsenplätzen dieser Welt beendet wird. Ob das überhaupt möglich ist, entzieht sich meiner Kenntnis - ob es etwas ändern würde, erst recht. Wenn ich ausgebildete Betriebswirte, die mittlerweile, man kann sich seinen Umgang ja nicht immer aussuchen, auch zu meinem Freundeskreis gehören, danach frage, können sie mir ebensowenig antworten. Zumal die Gespräche mit ihnen in letzter Zeit an morbidem Humor zunehmen, der Absturz habe schon begonnen, das Schlimmste aber komme wohl noch, es sei ja der Aufprall, der tötet, nicht der Fall. Glücklich seien die, die schon in den ersten Zuckungen der Banken alles verloren hätten, die müßten nicht so lange darauf warten, ob auch ihr Geld verbrennt.

Mir dagegen fehlt schon der Zugang zur Materie, zu immateriell erscheint mir der Markt schon seit je. Ich weiß zwar, was Geld ist, wie man es benutzt und auch, daß es eine Konvention ist, auf die man sich geeinigt hat, um nicht stofflich produzierende Arbeit zu bewerten und damit für einen Handel mit stofflichen Dingen tauglich zu machen. Doch darüber hinaus ist mir der Handel mit der Konvention Geld nicht nur suspekt, sondern unbegreiflich.
Obwohl mir Erklärungen gegeben wurden, ich Schaubilder gesehen und auch selbst eines gezeichnet habe, um mir das Drama auszumalen, es entzieht sich immer noch meinem Verständnis, wie man auf die abstruse Idee verfallen kann, aus Versprechungen auf eine Konvention Wert zu schöpfen, der zum Tausch gegen stoffliche Dinge tauglich sein soll.

Die Ausmaße dieser Krise sind enorm, es scheint, als sei kein Land unbetroffen von diesem Monster, als das sich der Markt entpuppt hat. Betrachtet man die Bilder von panisch agierenden Börsenhändlern, dann kann man eine Ahnung davon bekommen, welche schreckliche Macht dieses Monster besitzt.
Mich jedoch läßt dieser Alptraum relativ kalt. Ich sorge mich nicht, obwohl ich sonst zu jeder Form von Paranoia neige, jede Unsicherheit auf mich beziehe und jedes Chaos als zu mir gehörig erkenne. Diesmal jedoch findet alles außerhalb meiner Wahrnehmung, meines Einflusses und meines Erkenntnishorizonts ab, was eine interessante Erfahrung ist, denn das erste Mal kann ich Geschehnisse aus einer Warte morbider Faszination betrachten, die andere Menschen sonst nur für die Opfer von richtig interessanten Unfällen auf der Autobahn aufbringen.

Und so sitze ich hier, schaue in die Nacht und erkenne schon die ersten Ausläufer des Morgengrauens wie nach allen Nächten, die ich erlebt habe, während andere noch ängstlich auf den Moment warten, wo das strudelnde Chaos auch noch die Sterne verschlingt, die das letzte Licht im Dunkel sind.
Vielleicht haben mich meine persönlichen Krisen, die Dunkelheiten, die meinen Geist oft befallen, immun gemacht gegen solch eine kollektive Angst. Vielleicht bin ich in meinen Krisen zu der Erkenntnis gekommen, daß uns in Zeiten großer Dunkelheit manchmal die Berührung eines geliebten Menschen deutlich größeren Halt gibt als alle finanziellen Vorkehrungen.

Die Erde wird sich weiter dem Sonnenaufgang entgegendrehen, die Nacht wird enden, auch wenn die Welt eine andere wird. Die Krise wird wie ein Fieber ausbrennen, Schaden an allen Finanzplätzen angerichtet und doch eines nicht zerstört haben: das Wesen der Menschen, die nach jeder Niederlage wieder aufstehen, weil sie etwas haben, wofür es sich zu kämpfen lohnt.