[>>]

Freitag, 24. Oktober 2008

Fors | Lebenlernen

Diagnose: Zufall. Vielleicht auch Schicksal, das Lateinische ist da nicht so genau. Das Leben wahrscheinlich auch nicht.
Es ist, wie so oft bisher, als wanderte ich über einen verlassenen Vergnügungspark. Alle Fahrgeschäfte sind wimterfest eingepackt, der Herbst liegt schon überall rum und macht die Wege bunt und glitschig, einzelne Vögel, Elstern oder Raben oder Krähen krächzen sich von den leeren Ästen aus zu. Außer mir ist keiner da, noch nicht mal eine auf dem Boden liegende Tüte mit gebrannten Mandeln verrät, daß irgendwann mal ein Mensch da war.
Und dann rauscht es plötzlich heran, ich merke noch nicht so recht, was geschieht, aber plötzlich lachen und jubeln sich Stimmen in mein Ohr und mein Bewußtsein und plötzlich umströmen mich wieder Menschen und der Herbst zieht sich noch ein letztes Mal zurück. Die Bäume ziehen sich wieder an, die Blätter ergrünen wieder, die Schatten werden kürzer und die Sonne wieder heller und dann stehe ich nicht mehr still, sondern lasse mich erst noch mitziehen von den Menschen, die wie Wellen an mich rollten, bis sie mich lösten. Dann laufe ich aus eigener Kraft, aus eigenem Willen und plötzlich stehen wir am Eingang der Achterbahn und dann bin ich auch schon dran und ich gebe das Ticket ab, das ich wohl die ganze Zeit schon in der Hand hatte. Und dann sitzen die ganzen glucksenden und lachenden Menschen um mich herum in den Achterbahnwagen und dann geht die Fahrt schon los.
Ich kann mich gerade noch festhalten, da geht es schon in die erste Kurve und den ersten Berg hinauf, ratatatatatat zieht uns die Mechanik die letzten Meter auf den Gipfel, eine Wahnsinnsaussicht, von unten sieht man gar nicht, daß man so hoch sein würde, fast könnte man, denkt man die Wolken berühren. Und dann, im letzten Augenblick, bevor der Wagen wie ein Stein nach unten fällt, erhasche ich aus dem Augenwinkel weitere Gipfel, die die Bahn noch erklimmen wird, und das Gefühl zu fallen mischt sich mit dem Gefühl zu fliegen, das Adrenalin füllt alle Zellen, mein Gehirn kommt nicht mehr mit, muß es aber auch nicht, die Endorphine knocken es aus, und dann schreie auch endlich diesen befreienden Schrei zwischen Angst vor dem was kommt und der Freude auf das, was kommt.

Das letzte Jahr habe ich wie in Quarantaine verbracht, ich habe mich hier in mir selbst verschlossen und habe gewartet, auf ein Zeichen, auf die Zukunft vielleicht und ganz sicher auf die ganz große Inspiration. Ich habe gewartet und vergessen, daß ich die ganze Zeit nur weiter wollen hätte müssen.

Als der Anruf kam, war ich gerade auf dem Weg fort. Ich hatte beschlossen, daß es so nicht weitergehen kann, daß ich mich nicht mehr verstecken kann. Ob ich Zeit für ein Gespräch hätte, werde ich gefragt. Am anderen Ende spricht eine ehemalige Praktikumsstelle. Man wolle mich haben für Anfang November. Ob ich interessiert sei daran, werde ich gefragt, und in diesem Moment wird mir klar, daß ich auf genau diese Stelle gewartet habe, auf diesen Anruf vielleicht. Natürlich sage ich zu, und in etwas mehr als einer Woche bin ich da, wo ich vor einem Jahr schon sein wollte, obwohl ich damals noch nicht bereit war.

Die Achterbahn legt sich in eine weitere Kurve, das Lachen hat sich in mein Gesicht gegraben, der Fahrtwind läßt es nicht mehr entfliehen. Neben mir, vor mir und hinter mir, überall sind johlende Menschen. Ich bin nicht mehr allein, die Welt hat mich wieder wie durch einen Zufall, vielleicht wie Schicksal.