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Montag, 22. Dezember 2008

Herr Kartmann und die Ballone | De Re Publica

Vor der Haustür liegt Norbert Kartmann und lächelt mich an. Er hat einen grauen Anzug an, eine bunte Krawatte um den Hals, einen Steifelabdruck im Gesicht. Er wünscht mir eine frohe Weihnachtszeit, aber ich kann ihm nicht glauben. Das einzige, was er mir wünscht, ist die Einsicht, daß ihn bei der Landtagswahl im Januar zu wählen das einzig richtige sei. Ich wünsche ihm viel Glück dabei und drücke auch meinen Stiefel in sein Gesicht, das wie Herbstlaub in der ganzen Fußgängerzone verstreut liegt.
Die CDU versucht es mal viral. Statt um Stimmen zu werben, wünscht sie den Menschen im Lande frohes Fest, vielleicht in der Hoffnung, dass nachweihnachtliche Milde (zusammen mit der maßlosen Enttäuschung über das Verhalten der SPD im Jahr 2008) zu einem erdrutschartigen Sieg für die Christdemokraten führt. Mich lässt das nicht kalt. Im Gegenteil brodele ich fast vor Wut über diese Scheinheiligkeit: die Vorgabe, sich für das Volk zu interessieren und doch nur auf seine Stimme zu schielen, macht mich fuchsig, nicht nur den Herrn Kartmann, auch Roland Kochs breites Lebkuchenpferdlächeln, mit dem die Fahrbahnränder tapeziert sind, möchte man treten und treten und treten, bis das Papier reißt und klar wird, dass auch hinter diesem Wunsch an die Wähler nichts steht außer der Landschaft, die das Plakat verdeckt.
Was soll anders werden im Land, fragt man nicht. Weiß ja jeder, daß sich nichts ändert. Die Menschen geben die Stimme ab, die Politiker, die ja eigentlich für das Volke sprechen sollen, debattieren ein Jahr darüber, wie sie das Volksvotum am besten für sich auszulegen haben und dann geben sie die Stimmen zurück und wollen neue statt sich einmal über die Animositäten hinwegzusetzen.
Klar: der politische Alltag ist nicht einfach, da prallen Egomane aufeinander, die nur deswegen Politiker geworden sind, weil nirgendwo sonst soviel Freiraum zur Entfaltung der kruden Persönlichkeit vorhanden ist. Daß sie sich dabei aber wie Heißluftballone vom Boden entfernen, sehen sie erst, wenn ihnen das Gas ausgeht.
Glück haben sie, daß die Menschen vergeßlich sind. So wie ich nach ein paar Schritten Herrn Kartmann vergessen habe, der immer noch lächelnd in der Fußgängerzone liegt und von Menschen betreten, die ihm so fern sind wie die langsam aufziehenden Regenwolken.