Die Belegkirschenfrau | Lebenlernen
Während der Mohnstollen abkühlt, kann ich ja gerade noch erzählen, daß ich heute eine alte Frau im Supermarkt beglückt habe. Sie stand mit ihren Belegkirschen hinter mir an der Kasse und wartete auf ihren Einsatz, als mich die Kassiererin fragte, ob ich denn wohl backen würde. Angesichts von Mehl, Zucker, Hefe, Mohn, Bittermandelöl und Butter konnte ich das nicht leugnen.Alte Frauen sind immer gleich entzückt, wenn sie hören, daß ein junger Mann backt. Sie denken, die Frau oder Freundin backe, und sagen das auch und sind dann angesichts der Antwort erstaunt, daß auch ein völlig verwahrlost aussehender junger Mann frauenunabhängig mit Backzutaten mehr anfangen kann als sie nur von den Regalen im Supermarkt in die Regale daheim zu räumen.
Zugegebenermaßen ginge das nicht, nenne ich doch kein Backregal, sondern eine Backschublade mein eigen, die auf einen leichten Zug hinaus- und nach einem leichten Schubs leise wiederhineingleitet in den Unterbauschrank. Und damit es nicht so laut bumst beim Zugang, hat die Schublade eine Feder, so daß es eben nur leise bumst.
Das habe ich der alten Frau natürlich nicht alles erzählt, sondern nur milde gelächelt über die Altersnaivität, die an Supermarktkassen in Kurstädten häufig demonstriert wird. Zum Abschied tat ich noch ein gutes Werk und verhalf der immer noch Verblüfften erstens zu noch mehr Verblüffung und zweitens zu vier Herzchen. Da war sie perplex und die Frau hinter ihr, die noch älter war und keine Belegkirschen hatte, rief aus: "Daß es sowas noch gibt heutzutage! Gott segne Sie!"
Und beinahe hätte ich ihr gesagt, daß sie nicht so rumbrüllen soll im Supermarkt, sie verschrecke noch Kunden, bin dann aber lieber gegangen, um den Stollen zu backen, den ich jetzt, einige Stunden später noch mit Butter und Puderzucker einschmiere, damit man nicht sieht, daß er aussieht wie ein extrem geschwollenes Glied.

