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Und der Wind weht | Kein Märchen

In den Tagen, als meine Großeltern mir noch von früher erzählen konnten (er, weil er noch körperlich, sie, weil sie noch geistig bei uns war), da erzählten sie mir auch oft von jenen Sonntagen, an denen 'der Müller von gegenüber' seine Familie spazieren zu führen pflegte. Ihr Ton war dabei irgendwo zwischen spottend und beißend, bei meinem Großvater weniger voller Humor als bei meiner Großmutter.
'Der Müller' ging vorne, hoch erhobenen Hauptes, im besten Sonntagsornat, mit Hut und Stock bewehrt, 'die Müllerin', eine schöne Frau soll sie gewesen sein, mußte Abstand halten, einen oder zwei Schritte, weit genug weg, um nicht an seiner Autorität zu kratzen, nah genug dran, um auf einen Befehl ihres Angetrauten hin zu springen. Sie selbst mußte, wenn er sein Augenmerk aus Versehen auf sie richtete, den Kopf gesenkt halten und ihn eilfertig und unterwürfig anblicken; nicht auszudenken, sie würde anderen Menschen, anderen Männern gar, offen ins Gesicht blicken.
Müller und Müllerin hatten zwei Kinder, die trotz verschiedenen Geschlechts nebeneinander gehen durften, erstaunlich zwar, aber doch verständlich, immerhin nahmen sie durch ihre Positionierung hinter der Müllerin im Sonntagsstaat nur einen Platz in der Peripherie der männlich-müllerschen Wahrnehmung ein.
So erzählten meine Großeltern damals, als sie beide noch erzählen konnten. Der Müller ist mitterlerweile verstorben, wie beim Sonntagsspaziergang ist er den anderen vorweg gegangen, die Müllerin wohnt bei Sohn und Schwiegertochter in einer anderen Stadt, die Müllerstochter ist Lehrerin geworden, in der elterlichen Wohnung geblieben und hat sich gut mit meiner Großmutter verstanden.
Und heute blicke ich aus dem Fenster und sehe durch den Sonnenschein gehen: ein mir unbekanntes Ehepaar, sie, silberergraut das Haar, zielstrebig und hocherhobenen Hauptes voran, er, schütteres Haar und leidender Blick, ein bis zwei Schritte dahinter.
wort-wahl (anonym) (Gast) - 2. Mai, 16:40

ich erinnere mich sehr gut an diesen eintrag. ich fand ihn damals schon umwerfend.
danke, dass sie hier noch mal aufarbeiten, herr wolf.

*püffelz

Jekylla (anonym) (Gast) - 2. Mai, 16:40

Umziehen ist auch

eine gute Idee. Renovieren klappt ja nicht immer, wie ich gerade erfuhr. Einfach die alte Hütte hinter sich zuschliessen und die schicke neue, frischgestrichene Maisonette beziehen... so?
neolog (Gast) - 2. Mai, 16:40

Na das wage ich ja zu bezweifeln. Der Herr Behave hat ja nicht aufgehört, weil er einen Qualitätsverlust entdeckt hat. Er wollte nur irgendwie was anderes machen, glaube ich.

Quasi umziehen.
Jekylla (anonym) (Gast) - 2. Mai, 16:40

So lange diese Depressionen

nicht zu Ohbehaveschen Auswuechsen werden....
neolog (Gast) - 2. Mai, 16:40

Ja, ungefähr so. Ich habe das ja auch vor Kurzem getan und kann sagen: es erfrischt durchaus.
neolog (Gast) - 2. Mai, 16:40

Vielen Dank. Ich fand den auch gut.
Und Aufarbeitung muß manchmal sein.
*püffelz*

Bei der Aufarbeitung habe ich noch ein bißchen Sorge, daß ich Depressionen bekomme, weil mir die alten Texte besser gefallen als die neuen.

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