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Vor dem Sturm 3 | Morpheon

Den halben Tag schon hatte er am Fenster gestanden, in die Luft gestarrt, an den blaugrauen Himmel, der schwer von Wolken über den Horizont floß. Keine Vögel heute am Himmel, keine Blätter, das Laub zu naß zum Fliegen. Den halben Tag schon hatte er am Fenster gestanden, hinausgestarrt, auf die Menschen, die vorbeigingen, hatte gewartet, den halben Tag schon.
Gewartet zu wissen worauf.
Die Stunden schleppten sich seit morgens. Eigentlich, wenn Ehrlichkeit keine Tugend, sondern eine grundlegende Eigenschaft der Menschen wäre, schleppten sie sich seit Tagen, Monaten, vielleicht auch Jahren. Das zählte nicht, denn die Stunden, Tage, Monate, Jahre waren alle gleich geworden. Blaugrau wie der Himmel, keine Vögel, kein Laub, nur klamme Menschen, die über das Pflaster in den Straßen schleichen, als wollten sie sich selbst nicht wecken.
Er stand am Fenster, starrte hinaus, wartete, wartete auf den Sturm, der kommen mußte. Wartete auf irgendwas. Wartete auf eine neue Stunde. Eine, die nicht wäre, wie eine andere bereits war. Er stand am Fenster und weinte.
Jekylla (Gast) - 18. Jan, 20:04

Ich bin ein bisschen froh

dass ich das nicht schon frueher am heutigen Tag -in deutlich instabilerer Gemuetsverfassung- gelesen habe, weil es mich auch jetzt sehr beruehrt.

neolog (Gast) - 19. Jan, 10:21

Ich wäre froh gewesen, wenn ich es erst später am Tag geschrieben hätte, es hat mich dann den ganzen Nachmittag über begleitet, war nicht so gut.
Trotzdem danke : )
Jekylla (Gast) - 19. Jan, 10:34

Andererseits

kann das "zu Worte bringen" solcher Gedanken reinigend sein, diesen Effekt nutze ich zuweilen auch gerne. Ein Bad im Selbstmitleid laesst manchmal den Sorgenueberzug abperlen...
neolog (Gast) - 19. Jan, 13:46

Zumindest verfolgt es einen dann nicht mehr den ganzen Tag als unausgesprochener Satz oder Text oder Gedanke. Meist verfolgt einen dann nur noch die Stimmung, die zur Entstehung der Worte beigetragen hat.
Jekylla (Gast) - 19. Jan, 14:00

Ebendies

und manchmal, wenn man Glueck hat, verfolgt einen sogar eine Problemloesung, wenn man das Problem erstmal in verstaendliche Saetze geschachtelt hat. Der Idealfall.
neolog (Gast) - 19. Jan, 15:10

Das ist dann wirklich Glück. Nicht immer läßt sich ja ein Problem durch Erkenntnis lösen. Aber zumindest eröffnet es Lösungswege.
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