Das Ende der Belagerung | Morpheon
Als die ersten Wolken den Himmel verdunkelten, ahnten sie, daß dies der letzte Tag sein würde. Und doch zog sich der Untergang bis in die Nacht und die nächste Dämmerung hin. Die Mauern waren zu hoch, die Geschütze der Feinde zu schwach, die Verteidiger angesichts der gegnerischen Überlegenheit an Zahl und Bewaffnung zu wenig bereit, ihr Leben nur für einen geringen Preis zu geben. Erst im Morgengrauen konnten die Mineure die Westmauer zum Einsturz bringen, erst im Morgengrauen, als die Sonne blutige Speere über den dunkelgrauen Himmel warf, strömten die Angreifer wie Ameisen über die gefallenen Steine und Verteidiger, füllten den Anger zwischen den Umfriedungen.Korien stand neben seinem Herrn Resan, dem Ersten Mann von Tharesh, auf der Spitze des Bergfrieds und betrachtete die immer noch heranströmenden reshannatischen Soldaten. Das Heer, das sich wie ein Meer um die Burg gelegt und wie dessen Brandung an den Mauern gebrochen war, war nun auch schon hinter die innere Umfriedung gelangt und würden bald auch den Bergfried erreichen und sie hier oben.
Und doch würden sie nicht bekommen, weshalb sie gekommen waren. Koriens Herr hatte Vorkehrungen getroffen, von denen die Reshanna nichts wußten, nichts wissen konnten. Der Stern von Siremon befand sich längst nicht mehr in Tharesh. Vier Tage, bevor die Vorhut des Heeres am Horizont zu sehen gewesen war, hatten Reiter und Boten mit Imitaten des Sterns die Burg in alle Himmelsrichtungen verlassen, während der echte Stern mit Resans Schwester in der Nacht zuvor nach Thakash aufgebrochen war. Sie reiste in Tracht und Gesellschaft der Kinder von Selis, die nicht angegriffen werden durften, wollte man nicht den Zorn der Götter auf sich ziehen. Der Stern würde sicherlich bald in Thakash angekommen sein, von wo aus er von den Daan-Brüdern nach Herekat gebracht werden würde, in Sicherheit aus der Reichweite der Reshannati.
Das Heer war mittlerweile zum Stillstand gekommen, die Männer des Ersten Mannes waren getötet oder entwaffnet worden. Korien konnte die Schreie der Sterbenden und die Befehle der Offiziere hören.
Dann entdeckte er die Reiter, die sich ihren Weg durch die Soldaten bahnten. Sie waren zu zweit, vorne ritt Krosan, der Erste Mann von Reshan, der ihnen vor der Belagerung Gnade angeboten hatte, wenn sie sich ergeben würden, oder einen langsamen Tod, wenn sie sich weigerten.
Und auf dem anderen Pferd saß, noch in den Gewändern der Kinder von Selis, Resans Schwester, die Krosan die Hand reichte, als sie ihr Pferd neben seinem zum Stehen brachte.


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