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Lost in Translation | Revisited | Von der Front

Die Reihe "Kino an ungewöhnlichen Orten" des Deutschen Filmmuseums brachte die Protagonisten an diesem Sonntag ins SAS Radisson Hotel, das die Frankfurter Silhouette um (wie freundliche Menschen sagen) einen Euro oder (wie die meisten anderen das sagen) eine Spalt-Tablette bereichert. Gezeigt wurde "Lost in Translation", der großartig stille und doch laute Film von Sofia Coppola, in dem sich Bill Murray und Scarlett Johansson in einem Hotel in Tokyo begegnen. Die restliche mitunter überaus amüsante Handlung schaut man sich besser selbst an, auch nach dreimaligem Sehen kann man sie nicht ausreichend gut beschreiben.
Tatort war wie gesagt das Spalt-Hotel, das sich selbst höchsten Luxus und Comfort auf die Fahnen geschrieben hat und an diesem Abend an eben jenen Zielen zu scheitern und mit eben jenen Fahnen (wehend natürlich) unterzugehen drohte.

Offensichtlich war man überfordert von dem Ansturm der Menschen, die nicht als Gäste, sondern als Touristen kamen, die neugierig in alle Ecken schauten, statt sich ordentlich auf ihre Zimmer zu begeben, die den Aufzug für eine private Tour verwenden wollten statt als gediegener Gast im 'Health Club' der 18. Etage zu entspannen.
Dank des schönen Wetters konnten die Protagonisten auf der Restaurant-Terasse Platz nehmen und die zunehmende Verwirrung von acht sich um 24 Tische streitenden Servicekräften zuzusehen. Da durfte jeder mal ran, eine Zuteilung von Bereichen gab es nicht, die Bestellungen wurden mal an diesem, mal an jenem Tisch abzugeben versucht, die Gerichte teils auf Deutsch, teils auf Englisch aufgenommen und serviert. Zu Spitzenzeiten liefen drei Kellnerinnen mit großen Suppentellern ('Yellow Pepper Soup', zu deutsch 'Die Suppe von Gelber Paprika') von Tisch zu Tisch, ohne auf die darauf wartenden Gäste zu stoßen, die Protagonisten, die nur auf Kirsch-Streusel-Kuchen warteten, der sich später als Birnen-Streusel-Kuchen entpuppte, wurden ebenfalls mehrfach gefragt.

Wir warten auf drei Stück Kuchen. Nach 20 Minuten werden wir unruhig, wir wissen, daß 400 Menschen den gleichen Film sehen wollen, um die besten Plätze wird mit Regenschirmen und Handtaschen gekämpft, bis Blut fließt, Prothesen fliegen und weinende Kinder von besorgten Müttern aus der Schußlinie haßerfüllt geworfener Hustenbonbons gezogen werden.
Wie eine Betondryade schält sich aus dem als stylish zu erachtenden Stützpfeiler hinter mir eine uns bisher unbekannte Kellnerin und fragt mit gebleichtem Lächeln, ob sie uns noch das eine oder andere Getränk reichen dürfe. Das Lächeln verblaßt schnell, als wir auf den offensichtlich vergessenen Kuchen hinweisen, sie verspricht, sich sofort auf die Suche nach dem kostbaren Gebäck zu machen.
Wenig später gesellt sie sich zu fünf anderen Kellnerinnen, die mit irgendeinem wichtigen Mann um einen Tisch mit Suppen stehen und offensichtlich ein interessantes Gespräch führen. Wie zu einem Unfall zieht es weitere Servicekräfte zu dem Auflauf, in einem der Heranstrebenden erkennen wir den Kellner, bei dem wir den Kuchen bestellt haben und glauben, jetzt würde schnell alles gut.
Nur zehn Minuten später wird der Kuchen von dem wichtigen Mann persönlich serviert, als Zugeständnis an das Versäumnis müssen wir den dazu bestellten Espresso nicht bezahlen. Daß der Espresso gar nicht kam, stört dabei nicht weiter.

Eine halbe Stunde später sitzen wir in der fünften Stuhlreihe des großen Konferenzsaales des SAS Radisson Frankfurt. Der Saal sieht aus wie eine alte Schulaula, die Stühle sind unbequem, beim Rennen um die besten Plätze bin ich auf ein altes Hustenbonbon getreten, das jetzt an der Sohle meines rechten Schuhs klebt.
Während ich es am Teppich unter dem Stuhl der Frau vor mir abzustreifen versuche, bedankt sich die stellvertretende Leiterin des Filmmuseums bei allen, wirklich allen Sponsoren und natürlich bei Leitung und Personal des Hotels, die bei der Planung und Durchführung des Events so unglaublich gut und professionell und immer mit Rat und Tat zur Seite gestanden hätten. Ein nicht wirklich leises Lachen des Publikums bringt sie aus dem Konzept, einzelne Buhrufe ertönen. Die Protagonisten sind offensichtlich nicht die einzigen, die den besonderen Service des SAS Radisson schon genießen durften.
Nach der Frau vom Filmmuseum spricht noch Herr Ammon, der Vice General Manager des Hotels. Er hat uns den Kuchen serviert und offenbar keine deutsche Berufsbezeichnung, dafür ist er nervös. "Das also ist der Moment, von dem ich heute Nacht geträumt habe. Ich stehe hier vor Ihnen, den 400 aufgebahrten Gästen dieses Abends..." Seine weiteren Worte gehen in Lachen unter. Er hat, ich frage sicherheitshalber bei den anderen Protagonisten nach, tatsächlich 'aufgebahrt' gesagt.
Das Hotel, so erfahren die aufgebahrten Gäste, sei irgendwann in den letzten Jahren als erstes rundes Hotel Deutschlands erbaut worden und zwar nach Plänen von John Seifert, dem Architekten. "Nicht von John Seifert, dem Chauffeur?" ruft jemand dazwischen. Erst als mich der böse Blick des durch das Lachen des Publikums unterbrochene Vice General Manager trifft (und der amüsierte Blick der Frau vor mir, unter deren Stuhl nun das Bonbon am Teppich klebt), fällt mir auf, daß ich vielleicht lauter gesprochen habe als gedacht.
Herr Ammon hat jetzt allerdings keine Chance mehr, seine Selbstsicherheit ist zu einem kläglichen Rest zusammengeschmolzen, seine Rede fällt ihm aus den Händen, er versucht es freisprechend, was keine gute Idee ist. Weder fallen ihm die Namen der vier exklusiven Zimmerkategorien ein noch will ihm das Vier-Elemente-Gastronomie-Konzept recht flüssig von der Zunge gehen. Er will noch auf die "Yes, I can"-Einstellung eines jeden Angestellten hinweisen, doch die 400 Gäste des Filmmuseums sind nicht seine Freunde und ein Großteil hatte die Paprikasuppe bestellt.
Bevor noch jemand etwas wirft, geht er lieber und wünscht uns viel Spaß beim Film.

Nach dem Film gehen wir rasch, immer auf der Hut vor dem Vice General Manager, der sich vielleicht mein Gesicht gemerkt haben könnte, die Freunde bringen den Freund und mich zum Bahnhof.
Dort stehen wir auf dem Bahnsteig, der Zug hat Verspätung, man registriert es kaum, der Abend ist noch zu nett, man mag sich nicht aufregen.
Ein paar Japaner bauen neben den Gleisen ihre Fahrräder zusammen, vielleicht planen sie eine Fahrradtour durch Deutschland, zunächst aber fahren sie noch mit dem Zug. Ein junger Mann telefoniert mit seiner Freundin, weil er etwas lauter spricht, erfahren auch die Japaner, daß sie am Ende des Gesprächs seine Exfreundin ist.
Eine mitteldicke Bahnangestellte steht abseits von ihren Kollegen rauchend neben dem Mülleimer und ascht souverän in das Papierabfallviertel, während sie den Japanern beim Schrauben zusieht. Ein junger Mann mit einem silbergrauen Teddybären, an dem ein rosafarbenes 'I love you'-Herz angenäht ist, geht unruhig hin und her. Während ich ihn noch anschaue, macht der Freund plötzlich ein komisches Geräusch, das ich als unterdrücktes Lachen erkenne, als ich sehe, was er sieht. Ein hagerer Mann Anfang 30 geht den Bahnsteig hinunter. Er trägt ein langärmliges schwarzes Hemd und eine sehr enge und sehr kurze graue Stoffhose, die ungefähr zwei Drittel seines Oberschenkels freiläßt. Dazu hat er Flip-Flops und eine Freundin, die ebenfalls ein schwarzes Hemd trägt und einen Tanga. Dazu eine riesige schwarze Handtasche und Lederstiefel, die ihr zwei Drittel des Unterschenkels bedecken. Während er nur ein wenig blaß unter seinem schütteren Haar aussieht, ist ihre Haut grau wie Asche. Ich bin unsicher, ob ich schockiert, amüsiert oder einfach nur frappiert sein soll und starre den beiden irritiert hinterher. Der Freund macht immer noch die komischen Geräusche.
Dann kommt endlich mit zehn Minuten Verspätung der Zug.
Wir setzen uns hinein, ich mache die Augen zu und döse ein.
Besonders tief war mein Schlaf nicht. Kurz nach Frankfurt West kommt die Durchsage des Bordpersonals. Sie begrüßt uns im Zug und wünscht uns eine gute Fahrt. "Zudem bitten wir um Entschuldigung für die verspätete Bereitstellung des Zuges, aber als wir den Zug betreten haben, waren alle Toiletten geschlossen und wir mußten erst zur Absaugung."
Und das war es dann mit meinem Schlaf, weil ich die restliche Fahrt wirr vor mich hinkichere.
pathologe (Gast) - 9. Jul, 12:41

Na,

das ist doch mal was, wenn begründet wird, weshalb der Zug zu spät kommt. Ich kenne nur zu späte Regionalexpresse, deren Toiletten grundsätzlich verschlossen sind. Ohne Begründung. Spart vielleicht den Putzkolonnen Zeit.

Sie sollten über die Benutzung eines fotografierenden Mobiltelefons nachdenken, damit auch wir teilhaben können an den "traurigen Gestalten", die es allenthalben auf den Bahnsteigen zu bewundern gibt.

Und nehmen Sie sich das nächste Mal halt etwas zum Anbeißen Knabbern mit.

OT: Ist das das seltsame Gebäude, das man von der S6 aus sehen kann, kurz nach dem Bahnhof Messe?

neolog (Gast) - 10. Jul, 14:42

Manchmal ist weniger ja mehr.

In diesem Fall hätten weniger Details auch gereicht. Ich wäre nicht böse gewesen.

Ich bin ja gegen die Verbildlichung trauriger Gestalten, da beschreibe ich lieber den bei mir haftenden Eindruck. Das persönliche Elend muß nicht in Bilder gefangen bleiben.
Meiner Meinung nach.

Und zum Knabbern hatte ich tatsächlich was mit: Radießchen, passend zum Raddisson, das man tatsächlich von der S6 aus sehen kann. Und ja, kurz nach der Messe.
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