Das Kind | Morpheon
Das Kind hatte eine schöne Kindheit, auch wenn die Erinnerungen nicht sicher tragen. Es mußte nie etwas fürchten bis zur Schule, es war nie furchtsam außer vor hohen Höhen oder tiefen Tiefen. Es liebte Tunnels, den Wind in den Haaren, wenn man den Kopf aus dem offenen Autofenster steckte und lachte beim Tollen über den regennassen Rasen. Das Kind aß Beeren aus dem Wald, schwamm in Baggerseen und stellte sich die Bagger vor, die tief unten im Dunkel stehen mußten, neidisch auf die leichten Schwimmer oben im Sonnenschein. Als Tschernobyl kam und ging, durfte es nicht im Sand spielen, so spielte es eben anderswo, es gab immer Abenteuer, die zu bestehen waren.Beim Schaukeln wollte es immer höher hinaus, alle Kinder wollten das. Und am höchsten Punkt, wenn der Magen aus dem Körper zu fallen schien, während der Körper selbst wieder der Erde entgegenschwang, dann mußte man abspringen, sich selbst winkend und rufend in den Himmel werfen, sich so weit schleudern, daß man fast den niedrigsten der unzähligen Äste der uralten Eiche berühren konnte.
In der Schule dann war alles gleich und doch anders. Das Kind verstand die anderen Kinder nicht, verstand nicht, warum sie nicht leichtfüßig von Wort zu Wort sprangen, sich mühsam an einzelnen Zahlen festhielten, bevor sie die nächste in Angriff nahmen. Das Kind verlor den Anschluß an die anderen Kinder und spürte zum ersten Mal die Abneigung anderer. Und das erste Mal Angst.
Die Angst fesselte, sie riet ab von der Schaukel, sie beschwor schlimmeres als ertrunkene Maschinen im Baggersee, sie erklärte das Dunkel hinter dem Ausbruch von Tschernobyl. Die Angst nagte, sie fraß sich in das Kind und das Kind fraß mit, gab der Angst, was der Angst sei, aß für zwei und kapselte sich so von außen ab. Wurde autark und immobil. Mitunter war es ein Abenteuer für sich, die Augen aufzumachen, richtig aufzumachen, nicht nur stumm zwischen den Augenlidern durchzuspähen. Das Kind hatte Angst, so lange, bis es nur noch Angst vor der Angst hatte, bis die Bedrohung durch Andere als unzutreffend erkannt worden war.
Das Kind wurde passiv, ließ sich treiben, erlebte keine eigenen Abenteuer mehr, sondern konsumierte die Leben anderer Menschen, bewunderte sie, beneidete sie, verachtete sie. Das Kind verlief sich in sich selbst.
Das Kind hat immer noch Angst, auch wenn es nicht weiß, wovor. Die Erinnerung an Gefahr ist im Sande verloren gegangen. Nur noch die Angst ist übrig, nicht als Furcht vor dem Alleinsein, nicht als Furcht vor zu vielen, zu lauten, zu grausamen Menschen, nicht als Furcht vor Höhen, Tiefen oder engen Räumen. Es ist nichts als die Angst mehr übrig.
Und gerade eben hat das Kind erkannt, daß es seine Angst nicht loslassen kann, denn damit verlöre es auch den Schutz, den ihm die Angst bietet. Hätte es keine Angst, müßte es sich mit der wirklichen Welt auseinandersetzen.
Das Kind steht vor der Schaukel, setzt sich, nimmt Anlauf und schwingt sich immer höher. Das Kind sitzt auf der Schaukel, beugt sich vorwärts nach vorne ins Nichts, legt sich rückwärts nach hinten in die sausende Luft, schwingt immer höher, die Haare fliegen, der Wind ist so laut, immer höher, immer schneller, noch weiter, noch weiter: Da! ist der Moment, jetzt! ist es da, das Gefühl, gleich! müßte es springen, es ist schon so hoch, nur loslassen, abstoßen, springen und fliegen, nur eine Sekunde. Das Kind, das die schöne Kindheit hatte, das die Angst hatte und Haustiere und ein Mißverständnis von Baggerseen, das Beeren im Wald aß und barfuß und lachend über die Wiese rannte, das Kind müßte nur noch ein einziges Mal nach oben und noch ein Stück höher hinaus.
Das Kind ...


Trackback URL:
http://neolog.twoday.net/stories/4753730/modTrackback