Ein Wolf für alle Felle | PETA und Herr Wolf

Worte bringen nichts zurück | Kein Märchen

Die Menschen, die wir lieben, und die Zeiten, derer wir uns erinnern wollen, gehen vorbei, unaufhaltsam, unwiederbringlich. Wir sehen ihnen hinterher und erkennen sie oft erst, wenn es zu spät ist.
Worte bringen nichts zurück.

Ich wünsche mir, das Gewitter, das über das Haus am Ende der Straße am Waldrand hinwegzog, hätte seinen hellsten Blitz und seinen lautesten Donner im gleichen Moment gezeigt, als sie ihre Augen ein letztes Mal und für immer schloß.
Doch das Leben hält sowas nicht bereit, das Leben ist nicht für die Exzeption, es hebt von sich aus niemanden aus der Menge heraus. Die Blitze sahen wir und den Donner hörten wir von ferne, doch als das Gewitter bei uns war, war nicht mehr übrig als ein sanfter Regen, der die Reste der Spannung aus den Wipfeln der Bäume und von der trockenen Erde wusch.
Es bleibt uns überlassen, ihr Sterben wie ihr Leben als etwas Besonderes zu sehen. Ihr Leben als ein Geschenk an uns, ihren Tod als den großen Verlust, der er tatsächlich war. Es bleibt uns überlassen, uns an Blitz und Donner zu erinnern, selbst wenn nur der Regen zu spüren ist.

Am Nachmittag noch haben wir Bilder angesehen. Ohne es zuzugeben warteten wir auf den Anruf, auf das Ende des Wartens, auf das Ende ihres Leids, wie wir es immer nannten, ohne zu sagen, was wir dachten: daß es auch ein Zeichen dafür sei, daß der Wunsch, ein zweites Mal an diesem Tag zu ihr zu fahren, nun obsolet sei, zu spät.
Wir betrachteten die Bilder, bis die Erinnerungen an die Gelegenheiten, da diese Bilder entstanden, wiederkehrten. Familienfeiern, Urlaube, weihnachtliches Singen. Hochzeitstage, Lebkuchenhausbasteleien, Konfirmationen, Hochzeiten, Osterbrunnenbilder, Küchentage beim Entsteinen von Kirschen, Balkontage beim Geraniensetzen und Geschichtenerzählen, Gartentage beim Rosenschneiden und Unkrautjäten. Spaziergänge im Hain, ein Nachmittag im Freibad, ein Abend im Kino, Tage im Haus ihrer Kindheit. Und über allem die Erinnerung an Geschichten, Gelächter.
All das rauscht an mir vorbei, während ich ein erst wenige Stunden altes Bild vor Augen habe, zu dem keine der Erinnerungen passen mag: eine kleine alte Frau, das dicke weiße Haar umstränt verwirrt ein von tiefen Gräben durchzogenes Gesicht, eingefallen und leer auf einem weißen Kissen. Sie hat ein Nachthemd meiner Großmutter an, sie schläft, sie versucht zu schlafen, sie versucht trotz ihrer rasselnden Lungen zu atmen, ihr Mund steht offen, ihre Lippen sind aufgesprungen. Ich kenne sie nicht und doch nehme ich ihre Hand und sie schlägt die Augen auf, sieht mich, vielleicht, das kann ich nicht sagen, erkennt sie mich. Ich will sprechen und weiß nicht was, doch dann spreche ich irgendwas, obwohl ich weiß, daß sie es nicht hört, weil sie meine Stimme seit Jahren schon nicht mehr gehört hat, zu tief, zu dunkel, zu fern. Ich spreche, doch sage ich nichts. Halte ihre Hand, bis sie die Augen wieder schließt. Atmen und schauen gleichzeitig ist zu anstrengend.
Auch ich schließe die Augen.

Wir sind gegangen, als sie noch lebte. Wir haben ihr versprochen, wir kämen zurück, nicht heute, aber morgen. Ich sagte, sie solle schlafen, sagte nicht, sie solle loslassen, solange wir noch hier seien, ich sagte nur, sie solle schlafen. Ich wollte nicht ihren Tod betrachten.
Ich hatte Angst davor, sie sterben zu sehen, hatte diese Angst schon all die Jahre gehabt, doch hatte ich nie gesehen, wie sie schon über Jahre hinweg langsam, schleichend starb.
Damals, als ihr Mann starb, sagte sie, sie sei die nächste, sie stürbe als nächstes. Und obwohl zwischen seinem und ihrem Tod fast acht Jahre liegen, hatte sie doch recht, sie war die nächste, sie starb einen stillen, unauffälligen Tod, der ihr immer mehr von dem nahm, was ich kannte, bis sie nur noch eine leere Hülle in Gestalt einer alten Frau war, die nichts mehr mit der Großmutter gemein hatte, die ich liebte.

Als der Anruf kam, haben wir nicht geweint.
In meiner Familie weinen wir nicht, wir können uns auf den Tod vorbereiten wie auf eine Reise. Keiner der unseren stibt plötzlich. Es ist immer eine Erleichterung am Ende einer schweren Krankheit, wir behaupten, es beende das Leid des Sterbenden, doch verschweigen, daß es auch unser Leid des Mitleidens beendet.
Als der Anruf kam, bereiteten wir die Beerdigung vor, noch am gleichen Abend, wenige Stunden nach ihrem Tod am Dienstag war alles für Freitag geregelt: die Einbalsamierung, der Gottesdienst, die Aussegnung, der Leichenschmaus, die Todesanzeige und die Gedenkbilder. Als hätten wir schon viel zu oft dafür geübt.

Nach der Beerdigung bin ich froh, daß der Freund meiner Schwester mitgekommen ist. Indem ich mich auf sein leeres Geplauder konzentriere, kann mich nicht der Gedanke quälen, den ich in mir trage, seit wir ihren im Sarg liegenden Körper betrachtet haben.
Sie war so klein, so zart, so zerbrechlich, es schien, als sei nicht nur aller Atem, sondern auch alle Stärke aus ihr gewichen. All das, was uns menschlich und lebendig macht, war fort, zurück blieb nur eine dünne wächserne Hülle, eingeschlagen in weiße Seide, den Kopf gebettet auf ein weißes Kissen, um die gelblichen Finger einen Rosenkranz gewunden.
Ich habe sie verraten, als ich ging, denke ich seither. Ich wußte, als ich ging am Dienstag, ich würde sie nicht lebend wiedersehen, hätte es doch wissen müssen. Ihr Blick, von dem ich gerne behaupte, er habe mich nicht erkannt, hat mich gesehen, hat durch Schmerzen und Kurzsichtigkeit hindurch darum gefleht, wir mögen sie nicht alleine lassen. Ich habe sie alleine gelassen, weil ich Angst hatte vor dem Menschlichen, vor dem Tod. Ich habe ihr den einzigen Liebesdienst verweigert, den ich ihr noch hätte erweisen können, denke ich seither.
Der Freund meiner Schwester erzählt von seinen Hunden, die bedingungslos lieben, ohne etwas zu erwarten, die treu sind, ohne Angst zu haben vor Verletzung oder Einsamkeit. Er erzählt von seinen Hunden, und so schlecht unsere Beziehung zueinander ist, an diesem einen Tag bin ich froh, daß er da ist.

Als ich am Samstag morgen mit Brötchen und Hefezopf in der Hand meine Haustür aufschließen will, rieche ich den Duft frischgebrühten Filterkaffees. Er ist anders als sonst, anders als andere Kaffeemaschinen und Kaffeesorten ihn machen, er ist wie damals, als ich mit meinen Großeltern zum Campen gefahren bin. Meine Großeltern hatten einen winzigen Wohnwagen, in den wir zu dritt gerade hineingepaßt haben, und morgens ging ich mit meinem Großvater Brötchen holen, während meine Großmutter den Tisch deckte. Und wenn wir dann zurückkamen, roch es nach dem frischgebrühten Kaffee ihrer Wohnwagenkaffeemaschine, die so einzigartig war.
Einen Moment bleibe ich starr vor der Tür stehen, unfähig zu einer Bewegung, dann muß ich schnell aufschließen, durch die Tür gehen und sie hinter mir schließen.
Mit klopfendem Herzen und geschlossenen Augen stehe ich im Halbdunkel des Treppenhauses. Wenige Momente länger und ich hätte weinen müssen beim Geruch des Kaffees eines Samstagmorgens.

Die Erinnerungen sind der einzige Trost, der bleibt, das Wissen, daß wir immer geliebt wurden, auch wenn wir nicht alle Hoffnungen und Erwartungen erfüllten. Wir erkennen dies oft zu spät, wenn die Menschen wie die Zeiten verweht und vergangen sind, so daß uns nicht mehr bleibt als die Erinnerung an die Liebe, die uns mit anderen Menschen verband.
Wir sehen ihr hinterher und erkennen sie oft erst, wenn es zu spät ist. Und Worte bringen nichts zurück.

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Als Neolog berichtet Herr Wolf live von der Front, geizt aber auch nicht mit tiefen Einblicken in eigenes und fremdes Seelenleben. Kryptik und mitunter eigenwilliger Sprachumgang haben Herrn Wolf in den letzten sechs Jahren nicht dauerhaft unterkriegen können. Herr Wolf beweist auch 2008 wieder seine Steherqualitäten und zeigt der Welt seine Zähne.
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