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Momentum | Kein Märchen

Sie erbricht sich mehrmals täglich, dabei ißt sie kaum. Sie geben ihr intravenös Kochsalzlösung, ab und zu einen Löffel Pudding. Sie will wohl nicht mehr.
Schmerzen hat sie nicht, sie schüttelt den Kopf, wenn man sie fragt.
Sie geben ihr Vomex, gegen das Erbrechen und zum Schlafen. Aber sie schläft nicht. Döst. Schaut. Niest und erbricht. Sie niest, bevor sie sich übergibt. Vielleicht hat die Zerstörung des Gehirns eine Zusammenlegung von Nies- und Würgereflex bewirkt.
Sie sieht schlecht aus, was kein Wunder ist. Sie erbricht mehrfach täglich, in ihrem Erbrochenen kleine schwarze Punkte. Die Krankenschwester habe sich gewundert. Ob man ihr Mohn gegeben habe? Wir glauben, es handelt sich um Blut. Kleine Gerinnsel. Vielleicht daher das Erbrechen. Wir wissen es nicht.
Müssen wir uns Vorwürfe machen, daß wir nichts tun, sie am Gehen zu hindern?
herr axel (anonym) (Gast) - 8. Mai, 12:49

scheisse (entschuldigung), aber diese frage hat mich die letzten wochen auch sehr beschäftigt. mein gedanken-resultat: die vorwürfe wären erst dann gerechtfertigt, wenn ihr aktiv etwas DAFÜR tätet, sie am gehen zu hindern. kopf hoch, lieber herr wolf, auch wenn die situation beschissen (nochmal entschuldigung) ist.

Herr Wolf - 9. Mai, 17:39

Es ist ja nur das Warten,

das so nachdenklich macht. Ginge es ihr schlechter, es wäre einfacher, denken wir. Die Entscheidung allerdings, sie gehen zu lassen, wenn es soweit ist, ist schon vor fünf Jahren gefallen, als sie auch noch selbst ihre Wünsche äußern konnte.
Und so sitzen wir nur da und können nichts tun außer zuzusehen, wie sie weder lebt noch stirbt.

Und ja, beschissen ist es wirklich.
Scheibster (anonym) (Gast) - 8. Mai, 13:36

Meine Oma bewegt sich derzeit mit steigender Geschwindigkeit auf einen ähnlichen Zustand zu. Gehen wollte sie eigentlich schon beim Tode meines Opas im vergangenen Herbst.

Gehen lassen ist schwierig, wenn Pflege und Gesunderhaltung ein Leben lang als moralisch-religiöse Pflicht gepredigt wird.

Nicht der schönste Teil des Lebens, für alle Beteiligten.

Herr Wolf - 9. Mai, 17:43

Früher

dachten wir noch, der Tod sei eine Befreiung von den Lebensumständen, die letztlich zum Tod führten. Heute zweifeln wir immer noch, was eigentlich die richtige Entscheidung sei oder ob man sich am Ende vielleicht doch nicht entscheiden kann.

Letztlich ist es der gemeinste Teil des Lebens, weil man regungslos wird, tatenlos, verdammt zu Warten, daß ein Ende kommt.
U. (anonym) (Gast) - 8. Mai, 17:07

Hmm...

...ich denke die Freiheit zu leben wie man will sollte auch die Freiheit zu gehen wie man will einschließen. Warum sollte man sich also Vorwürfe machen, dass man jemanden nicht in dieser Freiheit einschränkt?

Grüße,
U.

Herr Wolf - 9. Mai, 17:45

Theoretisch

würde ich zustimmen. Leider aber kennen wir ihren Willen nicht genau, da sie sich schon seit Jahren nicht mehr dazu äußern kann. Das macht uns Sorgen, da wir nicht wissen, ob wir sie nicht gegen ihren Willen nicht künstlich am Leben erhalten.

Doch letztlich entscheiden wir so, wie wir es für uns selbst alle wünschen würden.
Sie würde dieses Jahr ihren 92. Geburtstag feiern, hat allerdings schon den 87. nicht mehr bei vollem Bewußtsein erlebt. Von Feiern kann da also keine Rede mehr sein.

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