Beim Weinhändler | Ex Oikos
Neulich beim Weinhändler des Vertrauens die abendliche Veranstaltung: Wein und Gesundheit.Quasi mein Thema, referiert jedoch vom Weinhändler, der trotzdem dauernd mich angeguckt hat, weil er genau wußte: Quasi mein Thema. Mußte mich sehr zurückhalten, nicht gleich in seinen Einführungssatz hineinzufallen mit dem Ausruf: "Es gibt keine gesunden Lebensmittel, hat es noch nie gegeben, wird es nie geben. Gesundheit ist ein verbales Konstrukt, das den Zustand des Menschen angibt, der durch Paramter der Lebensführung wie zum Beispiel die Zufuhr von Nahrungs- und Genußmitteln positiv oder negativ beeinflußt wird. Das Lebensmittel selbst ist dabei wie das Messer, das sowohl zum Schneiden des Brotes als auch zum Schneiden von Menschen verwendet werden kann.
Diese ganze Scheiße mit 'gesund leben', die Kampagnen mit Wellness, Fitness und Health Care sind aktive Maßnahmen der Produzenten zur strategischen Verunsicherung und Verdummung der Konsumenten, damit die für den nächsten gleich unwirksamen probiotischen Joghurt oder die nächste unnötige Fettersatzstoffmargarine oder die nächsten fettfreien, aber zuckerverkrusteten Cerealien" - hier hätte ich hysterisch geschrien: "CEREALIEN! Kein Mensch ißt mehr Müsli, alle essen nur noch CEREALIEN!" - "damit die dummen Verbraucher für all diese Nahrungsersatzstoffe, die aus richtigen Lebensmitteln gefertigt wurden, ein Heidengeld ausgeben, was sie aber nicht merken, weil ihnen dieser ganze Müll, mit dem sie sich vermeintlich und zudem falsch formuliert 'gesund ernähren' ihnen zu solchen Angebotspreisen angepriesen werden, daß sie nur noch auf den Preis schauen können, statt auf das Preis-Genuß-Verhältnis.
Da kaufen sie dann Weizenextrudat und milchfreie Milchmischgetränke, Obstjoghurt ohne Fett, ohne Zucker, ohne Obst und ohne Geschmack und sehen nur den unschlagbar günstigen Preis beim Discounter ihres Vertrauens, fangen aber gleich an zu schreien, wenn die Brotpreise um 10 Cent steigen, als ob noch iregendeiner der Schreihälse überhaupt wüßte, was gutes, echtes Brot ist, weil man ja auch eigentlich kaum noch eines kaufen kann, weil die meisten Bäcker resignieren angesichts der steigenden Zahl von Back-Shops, die von den meisten Kunden nicht nur toleriert, sondern auch noch mit dem Ausdruck imitierter Lebensfreude frequentiert werden. 'Oh, hier spare ich ja bei meinem täglich Brot Geld ein, und so schlecht ist es ja auch nicht, wenn man sich erst mal an die Fadigkeit von fehlendem Geschmack gewöhnt hat, was leicht geht, wenn man einfach die Margarine dicker aufstreicht und den Käse und die Wurst, irgendwas davon wird schon einen Geschmack geben und wenn nicht, dann bin ich wenigstens billig satt geworden', denken die dummen Verbraucher dann und merken nicht, daß hinter den Backshops die wenigen Bäcker, die noch selbst backen, vor die Wahl gestellt werden, ob sie nur noch billige Backlinge verwenden oder unter stetigem Verlust der Lebensgrundlage weiterhin selbst backen, wobei die Wahl wahrscheinlich nicht schwer fällt angesichts von Verbrauchern, die den Unterschied zwischen echtem Brot und mit Zuckerculeur auf Genußfarbe getrimmtem Brotersatz nicht erkennen würden, wenn es in jede Brotscheibe eingebacken wäre.
Als Ausgleich dafür, daß ihnen dann der ganze Magen-Darm-Trakt aus Angst vor dem, was ihm da zugemutet wird, durch den Mund zu entfliehen versucht und sie sich deswegen aufgebläht fühlen ('Du siehst ja scheiße aus, gehts Dir nicht gut?' - 'Ach, naja, ich fühle mich doch so aufgebläht.') kaufen sie dann Joghurt, der mit aus Pilzwurzeln hergestelltem Xanthan angedickt ist und Darmbakterien enthält, Abführmittel, die die Aufnahme von Wasser aus dem Darm verhindern sollen und so 'effektiv gegen Verstopfung wirken' und eigentlich nur zu Dünnschiß führen, der die ganzen sorgsam per Pilz-Bakterien-Joghurt eingeführten Bakterien ganz rapido wieder ausführt, danach fühlen sie sich dan aber wieder quicklebendig, weil sie ihrem gemarterten Körper nun aber endlich mal was Gutes getan haben. Zur Belohnung inhalieren sie dann mal schnell eine Tüte Chips. 'Aber nur die guten mit jetzt 60% mehr Sonnenblumenöl, das hat nicht so viele gesättigte Fettsäuren', denken sie dann und glauben auch, die Chips-Firma hätte ihnen damit was Gutes tun wollen, dabei haben die nur mal eben geschaut, was eigentlich günstiger ist, deutsches im Rahmen der Kraftstoffersatzdiskussion vermehrt angebautes Sonnenblumenöl, das eh weg muß, bevor es ranzt, oder das sonst verwendete weltweit importierte Palmöl.
'Aber die ungesättigten Fettsäuren entschlacken doch', ruft mir der dumme Verbraucher entgegen. ENTSCHLACKEN! Das geht gar nicht, wir sind kein Bergwerk und keine Erzhütte, wir sind ein lebendiger Organismus und scheiden aufgenommene Giftstoffe, bei denen es sich größtenteils um Schwermetalle und Pestizide nicht aus, sondern lagern sie im Fettgewebe an. Die einzigen zwei Möglichkeiten, das wieder lsozuwerden, sind Fettabsaugung oder Stillen. Entschlacken ist nicht, das geht nicht, denn das gibts nicht im menschlichen Körper, was abgebaut werden kann, wird auch so abgebaut und was nicht abgebaut werden kann, das bleibt, bis wir an irgendwelchen Krankheiten sterben. Schätzungsweise Krebs, denn das ist das Einzige, was noch bleibt, wenn man alle anderen Krankheiten besiegt hat, irgendwann kann der Körper nur noch versagen, wie irgendwann auch die Konzentration nachläßt oder die Kontrolle über die Blasenfunktion. Und dann stirbt man ganz verwundert, weil man sich doch sein Leben lang so 'gesund ernährt' hat mit Wurst und Käse und Brötchen und Brot und Schokolade und Eis und Chips und Flips und Bier und Wein.
Und daß Wein so unglaublich 'gesund' sein soll, weil da ja all die ach so wirksamen Polyphenole drin sind, die im Tierversuch hochdosiert diesen und jenen Krebs verhindert hätten, ändert auch nichts daran, daß Alkohol ab der geringsten Menge ein Zellgift ist, das sämtliche Moleküle schädigt, mit denen es selbst oder durch eines seiner Abbauprodukte in Berührung kommt. Natürlich lebt man länger, wenn man glücklich mit seinem Leben ist und in der Sonne Frankreichs sitzt und dazu gelassen Wein trinkt und genußvoll ißt und ab und an mal Boule spielt." Und dann wäre ich erschöpft in meinen Stuhl zurückgesunken.
Ich bin ihm dann aber doch nicht im ersten Satz ins Wort gefallen, denn obwohl es mein Thema war, war es nicht mein Abend, sondern der des Weinhändlers.
Wenigstens den zweiten Satz wollte ich noch abwarten.


Sie haben
(Das muss ja ganz furchtbar gewesen sein, wenn Sie bis zu diesem Schritt getrieben wurden!)
Wenn wir Wein trinken, dann sowieso nur, um uns unter dem gefälligen Deckmantel des Kulturguts einen hinter die Binde zu kippen.
Das S-Wort benutze ich häufig.
Jetzt ist er so gelangweilt von seiner Pensionierung, daß er mir täglich mailt.
Grundsätzlich war es ganz nett, nur die Kratzspuren an meinem Oberschenkel kann ich mir nicht erklären.
Also ich
kippetrinke Wein eigentlich nur aus guten Gründen. mitunter, da haben Sie recht, auch aus Kulturgutsgründen.