Gehen, schauen, schweigen | Coram Bello
Seit Wochen übrigens sehe ich den dicken Sommelier mir immer wieder über den Weg laufen: in der Fußgängerzone, im Supermarkt, im anderen Supermarkt, beim Spaziergang im Park, quasi dauernd. Weiß auch nicht warum, er stalkt mich nicht absichtlich, denn er versucht genauso wie ich, den anderen bis zum letzten Moment zu ignorieren.Der dicke Sommelier ist Italiener, sein Bruder überraschenderweise auch. Letzterer arbeitet im familieneigenen Restaurant in Friedberg, das überraschend toll ist für Friedberg. Da allerdings habe ich den dicken Sommelier noch nie gesehen. Daß sie Brüder sind, weiß ich, weil ich ein Gespräch belauscht habe.
Wäre ich ein anderer, zum Beispiel der Weinhändler des Freundes, ich spräche ihn mal an auf unser häufig zufälliges Aufeinandertreffen. So aber lasse ich es. Bringt ja doch nix, habe ich doch kein Interesse an Gesprächen mit dicken Sommeliers.
Wie ich auch anderweitig nicht spreche. Habs schon fast verlernt. Merke ich immer, wenn ich mit der Mutter telefoniere, da bin ich immer so heiser, als wäre es das erste Mal seit Tagen, daß ich die Stimmbänder nutze. Merke ich auch beim Metzger, wo ich quietschend rinderhack für die Lasagne verlange oder am Gemüsestand, wo ich glücklicherweise nicht mehr sprechen muß, die Gemüsefrau weiß eh, daß ich Fenchel will und keinen Brokkoli.
Den dicken Sommelier interessiert nicht, was ich will. Er kennt mich ja nicht. Aber wir sprechen nicht, um das zu ändern. Wir halloen uns nur zu und ignorieren einander so gut es geht. Und es geht gut. Menschen ignorieren geht im Allgemeinen so leicht, daß es fast traurig ist.
Nicht zu ignorieren dagegen war das dicke Dekolleté. Ich sage nicht wessen, das weiß ja jeder eigentlich. Kleine Staatschefs freuen sich jetzt wieder auf Besuche aus Deutschland.
