Ein Wolf für alle Felle | PETA und Herr Wolf

Koryphäen unter sich | Von der Front

Findet eigentlich unter Radiomoderatoren ein den Radiohörern verborgener Wettbewerb statt, in dem herausgefunden werden soll, wer den meisten abseitigen Text im Anfang eines Liedes unterbringen kann?
Manchmal ist es zwar fast erfrischend, wenn beispielsweise die aktuellen Plazierungen der Charts nicht voll ausgespielt werden, meistens aber ist es angenehmer, zwischen gesungener und gesprochener Sprache eine deutliche Distanz zu lassen. Wahrscheinlich geht das aber auch nur mir so. Ich mag ja auch keinen HipHop oder Rap.

Eben habe ich mich versucht gefühlt, das Wort "Plazierungen" in meinem Wörterbuch nachzuschlagen, ob denn die Schreibung, die ich eben benutzt habe, tatsächlich irgendeiner offiziellen entspricht. Das erregte fast noch mehr meinen Unwillen als das geistlose Geplauder von Radiomoderatoren, die im Leben außerhalb des Studios bestimmt totalsupergute Menschen sind, die vor echtem Witz und Esprit überschäumen wie lange geschüttelter Champagner, mir aber leider nur dann begegnen, wenn sie sich im Radio mit sich selbst beschäftigen müssen. Vielleicht sollte ich andererseits auch etwas mehr Nachsicht üben: ich möchte auch nicht unbesehen jedem anderen Wildfremden bei seinen Selbstbeschäftigungen beiwohnen. Ich fordere hiermit akustische Privatsphäre für Radiomoderatoren. Oder nur eine Quarantäne.

Daß es mich ärgert, wenn ich mir der Schreibweise bestimmter Wörter nicht sicher bin, hat damit zu tun, daß es an meinem Koryphäenstatus kratzt, der besagt, daß ich mir immer und überall der Schreibung selbst komplexester Vokabeln und der richtigen Kombination verworrenster Grammatiken sicher bin. Bis zum Beginn des mittlerweile auch von vielen Fachleuten als unselig eingestuften Rechtschreibreformprozesses war das ein angenehmes Gefühl, das mir wohlig den Bauch gewärmt und gepinselt hat, mittlerweile allerdings verursachen selten gebrauchte Hülsen wie "Plazierung" eher ein Gefühl, das an Hunger oder dessen Gegenteil erinnert, womit ich mitnichten Sattheit meine.
Überliefert wird nämlich familiär, daß ich in jüngeren Jahren über meine Speisegewohnheiten zu berichten hatte, ich sei entweder hungrig oder mir sei schlecht. Das mag ich indes nicht so recht glauben, denn schlecht ist mir nur in den seltensten Momenten, die auch nicht so sehr etwas mit Hunger gemein haben, sondern nur von äußeren Motiven ausgelöst werden, Radio, Rechtschreibung undsoweiter.
Zum Brechen langt es bei solchen Reizen allerdings eher selten, dazu ist mir die Innenseite meiner Schneidezähne zu kostbar. In einer Vorlesung über Eßstörungen gelangte ich in den zweifelhaften Genuß von Photographien der Beißleiste von Bulimikerinnen, die sich nicht durch besondere Schönheit im gemeinheitlichen Sinn auszeichneten. Säurezerfressene Ruinen, die wie geschleifte Burgen oder - um ein besseres Bild zu verwenden - gebrochene Stalagmiten und Stalagtiten in einer von Mammutrudeln durchrasten Tropfsteinhöhle die Kauleiste der armen Eß-Brechsüchtigen bestücken wie marode Zinnen.

Genug der brüchigen Metaphern. Gehen wir zurück zu der Vorlesung und danach zurück zum Radio, wonach ich dann nochmals über die Tropfsteine sprechen mag. Zunächst aber die Vorlesung, die von einer Dame gehalten wurde, die ich um ihretwillen nicht beschreiben will, es ergäbe sich ein nicht besonders schmeichelhaftes Bild. Soll sie das also selbst tun, hat sie ja in der Vorlesung auch. "Ich habe seit 30 Jahren das gleiche Gewicht von 50 Kilogramm", sagt also die toupierte Professorin, die immerhin den Lehrstuhl der Ernährungswissenschaften innehat und über eine interessante Auswahl an Haarreifen verfügt, die sie sich abwechselnd ins plustrige Haar steckt. "Während der Schwangerschaft wog ich natürlich mehr, aber nach der Geburt erreichte ich bald mein Idealgewicht wieder, das seit 30 Jahren bei 50 Kilogramm liegt. Anders das Gewicht meines ehemaligen Au-Pairs."

Die folgende weder für das Au-Pair noch für sie selbst schmeichelhafte Geschichte erzählte sie flugs hinterher: Das Au-Pair sei eß-brechsüchtig gewesen, immer wieder habe die Professorin das arme Mädchen nachts an den Kühlschrank schleichen sehen, wo sie sich den sonst fast konkaven Bauch konvex gefuttert habe, nur um sich dann wie eine Schnecke an die Toilette zu schmiegen und über den Rand hinüber- und hineinzubeugen. Während Schnecken allerdings schleimen, tat das Au-Pair nicht dies, sondern nur sich oral entleeren.
"Da kann man aber dem Mädchen nicht sagen, daß das ungesund sei, das ist ja wohl nur ihre eigene Sache." Sagte damals die Professorin, ich aber stand auf und sagte, das hätte sie aber mal wohl machen können, ja machen müssen, immerhin sei sie ja die Koryphäe auf dem Gebiet der Eßstörungen, da habe sie ja auch die Kompetenz, einzuschätzen, ob das nun schädlich sei oder nicht. Das sei mutwilliges Hilfeverweigern gewesen, das arme Mädchen da schneckengleich in der Toilette zu lassen, statt ihr Hilfe und ein Handtuch für die Haare anzubieten. Das sprach ich stehend im Raum, allein die Professorin weilte da nicht mehr unter uns, sie hatte die Vorlesung schon beizeiten beendet und den Raum verlassen, ich dagegen hatte einige Zeit für das Finden einer interessanten Erwiderung auf diese mundöffnende Anekdote gebraucht. Bis heute weiß die Dame nicht, was ich von ihr denke.

Von mir selbst denke ich im Übrigen, daß ich mal zum Ohrenarzt gehen sollte, ich erwische mich immer häufiger dabei, Verschiedentliches falsch zu hören. Da ich mir allerdings nicht sicher bin, inwieweit das Verhören physiologisch oder psychologisch oder vielleicht nur freudsch oder am Ende gar aus amüsierenden Motiven absichtlich ist, sollte ich vielleicht zusätzlich nicht nur zum Ohren-, sondern auch zum Gehirnarzt. Als letztwöchig über den Streik der Post berichtet wurde, hörte ich die Nachrichtensprecherin aus dem Radiogerät sagen, viele Brutkästen werden am selbigen Tage wohl leer bleiben, dieweil sie allerdings gemeint und sicher auch gesagt haben muß, die Briefkästen werden leer bleiben.
In meinem Fall hätte das keinen Unterschied gemacht, bei mir blieben Brut- und Briefkästen gleichermaßen leer, da ich weder Post bekomme noch Kinder.

Ein weiterer Verhörer, der mich direkt zurückbringt zu den Tropfsteinhöhlen und einer Erklärung meines Vaters, entspringt einer Werbung für Tittenstrahldrucker.
Als ich das erste Mal mit meinem Vater eine Tropfsteinhöhle besuchte, erläuterte er mir die von seinem Vater geerbte Eselsbrücke, die ihm der Unterscheidung von Stalagmiten und Stalgtiten diente, nämlich: "Titten hängen."
Mit diesem frappierenden Zeugnis geologieanatomischer Betrachtung möchte ich schließen, und uns allen einen sonnigen Montag wünschen. Einen sonnigen Montag uns allen.

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Als Neolog berichtet Herr Wolf live von der Front, geizt aber auch nicht mit tiefen Einblicken in eigenes und fremdes Seelenleben. Kryptik und mitunter eigenwilliger Sprachumgang haben Herrn Wolf in den letzten sechs Jahren nicht dauerhaft unterkriegen können. Herr Wolf beweist auch 2008 wieder seine Steherqualitäten und zeigt der Welt seine Zähne.
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belgien
wenn schon belgien, dann aber auch richtig: wie praktizieren...
herr axel - 16. Mai, 12:06

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