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Bis später | Coram Bello

Manchmal ist es irritierend, wie man an einem Tag einen Gedanken denkt und später entdeckt, daß man nicht der Einzige ist, der ihn gedacht hat.
Natürlich ist das oft so, so originell ist keiner, daß eine Erkenntnis ein Unikat bleibt. Aber sie ist immer neu für denjenigen, der sie gehabt hat, das Gefühl der eigenen, persönlichen Erkenntnis kann einem niemand mehr nehmen.

Worum es also eigentlich geht, ist ein Gedanke, den ich heute beim Warten in der Postschalterschlange hatte. Man steht rum, man schaut sich die anderen Kunden an und plötzlich erscheint alle Selbstverwirklichung ein bißchen überflüssig angesichts der Päckchen, die jeder von uns trägt. Eigentlich, so denkt man sich, sollte man doch langsam erwachsen werden, man sollte endlich mal fertig sein mit der Persönlichkeit, man sollte nicht dauernd versuchen, sich weiterzuentwickeln.

Doch dann denkt man: Warum sollte man, wenn man kein Drittel seiner erwarteten Lebenszeit hinter sich hat, plötzlich aufhören zu wachsen? Warum sollte man als der, der man geworden ist, 60 Jahre bleiben. Ein Baum wächst weiter, bis er umfällt. Warum sollte der Mensch das dann nicht tun?
Oder soll er warten, bis er Zeit dazu hat?

Lilli spricht etwas ähnliches an: "man verschiebt doch so vieles auf später - als ob man eine Garantie dafür hätte, dass man erst hoch betagt an die Reihe kommt."

Recht hat sie, das zu sagen. Wir verschieben so viel, was wir tun wollten, auf später, auf einen Moment, den wir selbst noch nicht sehen. Wir leben oft in der Erwartung auf einen Tag, den wir vielleicht nicht mehr erleben. Wir verschieben unser Leben auf später.

Später werden wir allerdings feststellen, es hat nicht gereicht. Unsere Zeit hat zu vielem nicht gereicht, was wir uns vorgenommen hatten, während wir in der Zwischenzeit zu oft von dem Weg abgekommen sind, den wir eigentlich hätten gehen wollen.
Lilli legt los - 19. Aug, 16:20

Ich bin zuversichtlich,

dass das Leben uns immer wieder einen kleinen Anstupser schicken wird (wenn es nicht gleich eine Ohrfeige ist), damit wir nicht allzu sehr vom Weg abkommen - sei es in Form einer Krankheit, die einen Freund trifft, eines Unfalles, von dem wir in der Zeitung lesen und mit Gruseln feststellen, dass wir am gleichen Tag nur einen Augenblick früher genau dort vorbeigefahren sind, oder des Todes eines Arbeitskollegen. Je älter wir werden, umso mehr passiert doch um uns herum, und wenn wir Kinder haben, sind wir uns der Zerbrechlichkeit des Ganzen noch tausendmal mehr bewusst. Und orientieren unser Leben wieder neu, besser.

Herr Wolf - 19. Aug, 17:12

Das mit den Kindern

dürfte bei mir spärlich ausfallen. Ansonsten haben Sie aber natürlich recht: Das Leben bringt uns immer wieder auf Trab.

Ein ehemaliger Bekannter meinte einmal, daß das Leben uns, wenn wir uns nicht leben, lebt. Scheinbare Zufälle sind es, die uns vorantreiben und uns immer wieder daran erinnern, was eigentlich wichtig sein sollte: die Menschen, die wir lieben und unsere Träume, die wir leben (sollten).
utele - 19. Aug, 16:23

...später könnte niemals sein...

Für mich ist eine der grässlichsten Vorstellungen, irgendwann einmal dazustehen und mir sagen zu müssen, ich hätte ... haben/tun können, aber jetzt ist es zu spät.

Bei mir wichtigen Punkten habe ich deshalb bisher immer ausprobiert zu realisieren versucht. Lieber mal bei irgendwas feststellen, es hat nicht geklappt, als zugeben zu müssen, es nicht einmal versucht zu haben.

So ab und zu, z.B. bei diesem Artikel mal innehalten und überlegen, wieviel "später" wirklich sein muss, ist ganz sicher sinnvoll.

Herr Wolf - 19. Aug, 17:15

Die Gefahr bei "später"

liegt darin, zu vergessen, was man wolte. Wohin man gehen, was man sehen wollte.
Wenn wir dann in unserer Zukunft weitergegangen sind, realisieren wir manchmal, welche Chancen vergeben und welche Gelegenheiten verpaßt wurden. Wir sind dann traurig und werden sentimental.
Statt einfach aus unserer Erfahrung zu lernen und unser Leben zu leben, wenn es passiert.
Lilli legt los - 19. Aug, 19:04

Leben oder (sich) leben lassen...

Also ich kenne da jemanden, der sich buchstäblich vom Leben leben lässt: alles, was ihm zustösst, bestätigt ihn in seiner Rolle als "Opfer". Der Vorteil dieser Haltung ist klar - als Opfer bekommt man Mitleid, erlangt dadurch eine bestimmte Wichtigkeit und wird von seinen Mitmenschen mit Samthandschuhen angefasst, "weil man es doch sowieso schon so schwer hat". Auch müssen keine Entscheidungen gefällt werden, die man womöglich bereuen könnte. Man wartet einfach, bis das Leben für einen entscheidet.

Das Gute an der ganzen Sache ist, dass dieser Mensch mein Vorbild dafür ist, wie ich nicht leben möchte. Mein Ansporn sozusagen, um Himmels willen bloss so nicht zu werden.

Herr Wolf - 20. Aug, 12:16

Solche Menschen

als Negativ-Vorbilder zu haben, ist nicht unbedingt schlecht.

Ich kenne das aber, das Opferleben. Man empfindet die Welt als feindlich und die Umstände als widrig. Man kann sich nur schwer aus so einer Haltung befreien. Wenn man aber erkennt, daß man dadurch sein gesamtes Potential zu der Weltsichtverschiebung aufbraucht, verliert man plötzlich die Lust daran, seine Kraft dafür zu verschwenden.
Dann bricht man (im günstigen Fall) aus dem selbstgebauten Käfig aus und befreit sich selbst von dieser Bequemlichkeit.

Zu dieser Erkenntnis muß man aber selbst kommen. Würden Sie dem Ihnen bekannten Menschen das erklären, er würde sich nur von Ihnen abwenden, da Sie sein Leid als Opfer nicht anerkennen (wie er das zunächst sehen würde). Daß es eigentlich als Hilfe zur Selbsthilfe gedacht war, würde ein selbstgewähltes Opfer erst erkennen, wenn er sich von seiner Rolle befreit hat.

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