Schrägstrichleben | Lebenlernen
Finn also. Wir haben uns kennengelernt im Chat. Damals, als das Internet noch keine reine Selbstentblößungsmaschine war, lernte man Menschen in Chats kennen und wurde dafür im realen Leben belächelt. Heute ist der Übergang zwischen realem und virtuellem Leben fließend, keine Online-Freunde zu haben, ist Web 1.0.
(Nein. Wir haben uns kennengelernt auf dieser Party. Vorher kannten wir uns nicht und später nicht. Wir hatten diesen einen Abend, der anders war als alles vorher und nachher.)
Finn war, als wir das erste Mal miteinander chatteten, in dem Alter, in dem ich jetzt bin. Schwierige Kindheit, frühes Coming-Out, Ablehnung durch die Eltern, geschlossene psychiatrische Betreuung. Ein Scheißstart für ein Leben.
Finn hatte, als wir das erste Mal und auch das letzte Mal miteinander chatteten, es lagen Jahre dazwischen, einen Partner, der nicht seine große Liebe war. Seine große Liebe hatte er für einen Anderen verlassen, eine Affaire, wie er es nannte, vielleicht nur ein One-Night-Stand, eine emotionale Verwirrung. Danach gab es kein Zurück. Es gibt nie ein Zurück, wenn der Abgrund erst entdeckt ist.
Finn. Du bist ein Gefühl. Wir lernten unsere Schwächen kennen und nicht unsere Stärken. Wir sprachen über das Leben und über die Liebe, über uns und über die Menschen, die uns nahestehen. Die Menschen dazwischen. Die Leben, die wir nicht lebten. Wir lebten beide nicht das Leben, das wir damals hätten leben wollen.
Du kanntest mich und doch nicht. Du sagtest einmal, ich könnte einem Menschen das Gefühl geben, mich zu kennen, und doch ein völlig Anderer sein. Du erkanntest vor mir meine Lügen.
Finn war mir Mentor und großer Bruder, erste Liebe und Ratgeber. Finn war, auch wenn wir uns nie gesehen hatte, der Mann meiner Träume.
Als wir uns trafen auf dieser Party, die ein gemeinsamer Bekannter gab, war alles vergessen und doch alles wie immer. Ich weiß nicht mehr, wer da war außer Finn. Ich weiß nicht, ob wir nicht alleine waren. Der Abend gehörte uns, wir sprachen und lachten und sahen uns an und wußten: Das ist das erste Mal richtig.
Wir hätten die Nacht zusammen verbringen können. Wir hätten sie zusammen verbringen sollen. Es wäre richtig gewesen.
Wir haben uns nicht einmal geküßt.
Als wir danach sprachen, war es, als hätte es den Abend nie gegeben. Als hätte es uns nie gegeben.
Die Themen wechselten. Wir sprachen über unsere Stärken, nicht über unsere Schwächen. Wir sprachen über Leben, die wir führen wollten, Lieben, die wir haben wollten, über die Menschen, die wir verloren hatten.
In unserem vorletzten Telefonat warnte mich Finn vor den Mauern. Sie würden mich erdrücken, wenn sie einstürzten. Er hätte in seinem Leben so viele Mauern gebaut, so viele Menschen dadurch verloren und beinahe sich selbst. Ich solle nicht zulassen, daß mich Mauern von Anderen fernhielten. Mich von mir selbst fernhielten.
Finn beendete das Telefonat. Er sagte: Ich liebe Dich. Und legte auf.
Du hast nicht auf meine Anrufe und E-Mails reagiert, Finn. Du warst plötzlich fort. Andere Chatter hatten Dich kurz gesehen, doch ich fand Dich nie. Ich habe mir Sorgen gemacht, ich habe mir die schrecklichsten Dinge ausgemalt, ich habe Tränen Deinetwegen vergossen, bis ich angefangen habe, Dich dafür zu hassen, daß Du Dich einfach davongestohlen hast, daß Du mich verlassen hast. Irgendwann dann habe ich aufgehört nach Dir zu suchen. Du warst tot.
Ein halbes Jahr später war unser letztes Telefonat. Finn rief mich an, doch das Gespräch fand keine Richtung, es waren nur Worte, die wir wechselten. Wir hatten einander verloren, sahen nur die Entfernung zwischen uns und keine Möglichkeit, sie zu überbrücken. Nach zwei Minuten schwiegen wir. Dann sagte ich: Finn, ich ... Und er unterbrach mich und sagte: Ich rufe Dich wieder an.
Seit damals sind Jahre vergangen. Ich bin in eine andere Wohnung, eine andere Stadt, eine andere Liebe und ein anderes Leben umgezogen. Ich habe Finn nie vergessen, doch ich liebe/hasse ihn nicht mehr. Die Erinnerung an ihn ist selbst eine Emotion geworden, etwas zwischen Sehnsucht und Trauer, zwischen Möglichkeit und Unerreichbarkeit.
Manchmal, an den Kreuzungen in unserem Leben, halten wir inne und fragen uns, was gewesen wäre, wenn wir anders entschieden/gedacht/gehofft hätten. Welches Leben wir dann geführt hätten, welche Liebe wir dann gelebt hätten. Wir befühlen unsere verpaßten Chancen wie alte Wunden und erinnern uns mit Sehnsucht und manchmal mit Schmerz.
(Nein. Wir haben uns kennengelernt auf dieser Party. Vorher kannten wir uns nicht und später nicht. Wir hatten diesen einen Abend, der anders war als alles vorher und nachher.)
Finn war, als wir das erste Mal miteinander chatteten, in dem Alter, in dem ich jetzt bin. Schwierige Kindheit, frühes Coming-Out, Ablehnung durch die Eltern, geschlossene psychiatrische Betreuung. Ein Scheißstart für ein Leben.
Finn hatte, als wir das erste Mal und auch das letzte Mal miteinander chatteten, es lagen Jahre dazwischen, einen Partner, der nicht seine große Liebe war. Seine große Liebe hatte er für einen Anderen verlassen, eine Affaire, wie er es nannte, vielleicht nur ein One-Night-Stand, eine emotionale Verwirrung. Danach gab es kein Zurück. Es gibt nie ein Zurück, wenn der Abgrund erst entdeckt ist.
Finn. Du bist ein Gefühl. Wir lernten unsere Schwächen kennen und nicht unsere Stärken. Wir sprachen über das Leben und über die Liebe, über uns und über die Menschen, die uns nahestehen. Die Menschen dazwischen. Die Leben, die wir nicht lebten. Wir lebten beide nicht das Leben, das wir damals hätten leben wollen.
Du kanntest mich und doch nicht. Du sagtest einmal, ich könnte einem Menschen das Gefühl geben, mich zu kennen, und doch ein völlig Anderer sein. Du erkanntest vor mir meine Lügen.
Finn war mir Mentor und großer Bruder, erste Liebe und Ratgeber. Finn war, auch wenn wir uns nie gesehen hatte, der Mann meiner Träume.
Als wir uns trafen auf dieser Party, die ein gemeinsamer Bekannter gab, war alles vergessen und doch alles wie immer. Ich weiß nicht mehr, wer da war außer Finn. Ich weiß nicht, ob wir nicht alleine waren. Der Abend gehörte uns, wir sprachen und lachten und sahen uns an und wußten: Das ist das erste Mal richtig.
Wir hätten die Nacht zusammen verbringen können. Wir hätten sie zusammen verbringen sollen. Es wäre richtig gewesen.
Wir haben uns nicht einmal geküßt.
Als wir danach sprachen, war es, als hätte es den Abend nie gegeben. Als hätte es uns nie gegeben.
Die Themen wechselten. Wir sprachen über unsere Stärken, nicht über unsere Schwächen. Wir sprachen über Leben, die wir führen wollten, Lieben, die wir haben wollten, über die Menschen, die wir verloren hatten.
In unserem vorletzten Telefonat warnte mich Finn vor den Mauern. Sie würden mich erdrücken, wenn sie einstürzten. Er hätte in seinem Leben so viele Mauern gebaut, so viele Menschen dadurch verloren und beinahe sich selbst. Ich solle nicht zulassen, daß mich Mauern von Anderen fernhielten. Mich von mir selbst fernhielten.
Finn beendete das Telefonat. Er sagte: Ich liebe Dich. Und legte auf.
Du hast nicht auf meine Anrufe und E-Mails reagiert, Finn. Du warst plötzlich fort. Andere Chatter hatten Dich kurz gesehen, doch ich fand Dich nie. Ich habe mir Sorgen gemacht, ich habe mir die schrecklichsten Dinge ausgemalt, ich habe Tränen Deinetwegen vergossen, bis ich angefangen habe, Dich dafür zu hassen, daß Du Dich einfach davongestohlen hast, daß Du mich verlassen hast. Irgendwann dann habe ich aufgehört nach Dir zu suchen. Du warst tot.
Ein halbes Jahr später war unser letztes Telefonat. Finn rief mich an, doch das Gespräch fand keine Richtung, es waren nur Worte, die wir wechselten. Wir hatten einander verloren, sahen nur die Entfernung zwischen uns und keine Möglichkeit, sie zu überbrücken. Nach zwei Minuten schwiegen wir. Dann sagte ich: Finn, ich ... Und er unterbrach mich und sagte: Ich rufe Dich wieder an.
Seit damals sind Jahre vergangen. Ich bin in eine andere Wohnung, eine andere Stadt, eine andere Liebe und ein anderes Leben umgezogen. Ich habe Finn nie vergessen, doch ich liebe/hasse ihn nicht mehr. Die Erinnerung an ihn ist selbst eine Emotion geworden, etwas zwischen Sehnsucht und Trauer, zwischen Möglichkeit und Unerreichbarkeit.
Manchmal, an den Kreuzungen in unserem Leben, halten wir inne und fragen uns, was gewesen wäre, wenn wir anders entschieden/gedacht/gehofft hätten. Welches Leben wir dann geführt hätten, welche Liebe wir dann gelebt hätten. Wir befühlen unsere verpaßten Chancen wie alte Wunden und erinnern uns mit Sehnsucht und manchmal mit Schmerz.

Sehen
Anders als ein Stueck Holz, das Sie mitreissen, das mit Ihnen schwimmt, aber Ihre Richtung nicht beeinflusst. Sie wissen um die Naehe, das Miteinander sein, aber Sie werden ihre Oberflaeche dadurch nicht verletzen lassen.
Erfahrungen
Und mir sind Felsen im Fluß allemal lieber als die geschliffenen Kiesel am Grund.