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Maffis | Lebenlernen

Im Rahmen unserer interindividuellen Unterschiedlichkeit und Unterscheidbarkeit besitzen wir alle nicht nur verschiedene Ansätze zum Glück und Lebenssinn, sondern auch einen verschiedenen Ansatz zur Nahrung.
Muffins zum Beispiel.
Die Oma des Freundes sagt zu Muffins immer Maffis, alle Versuche, sie davon zu überzeugen, daß es anders ausgesprochen wird, scheitert daran, daß man es ihr entgegenbrüllen muß, damit sie es überhaupt versteht. Daß sie dann phonetische Einzelheiten überhört, ist nicht verwunderlich.

Auch in anderen Gebieten läßt sich interindividuelle Ansatzverschiedenheit zeigen, aber nirgends so leicht wie beim Essen. Essen ist ein beliebtes Feld, denn hier hat jeder Meinungen, jeder hat Vorlieben, jeder hat Allgemeinwissen. Also allgemeines Wissen. Wissen, das so allgemein ist, daß es schon keines mehr ist. Daß man essen müsse, um glücklich zu sein, daß zuviel Essen aber unglücklich mache, daß manches Essen besser glücklich mache als anderes. Daß einiges Essen gesünder sei als anderes.
Meine Familie zum Beispiel.
Ich werde nicht müde zu sagen, daß Lebensmittel weder gesund sind noch ungesund, sondern tot. Mit Gesundheit ist da nix mehr. Obwohl ich mir aber drei Tage lang den Mund fusselig rede, ist bei meinem nächsten Besuch alles wieder beim Alten und bestimmte Lebensmittel gesünder als andere.
Brokkoli zum Beispiel.
Brokkoli ist gut.
Brokkoli bietet mir aber auch die Möglichkeit, auf den Schock hinzuweisen, den ich erlitten habe, als mein Vater aus einer Frühstückslaune heraus beiläufig fallen ließ, daß er sich meines Bloggereiumtriebs gewahr sei. Mein Schock fußte auf der Annahme, wir hätten eine stillschweigende Vereinbarung: Ich schreibe nicht über meine Familie, wie er es mir gegenüber einmal erbeten hat, über Familieninterna. Im Gegenzug teilt er mir nicht mit, wenn er auf seiner Suche nach Internetabsonderlichkeiten über mich stolpert.
Das Stillschweigen gab es dann nur noch auf meiner Seite, denn kaum war die Information übermittelt, schwieg ich stille und verkroch mich, um nicht vor Wut überzuschäumen, in den zerfledderten Rest der Zeitung. Andererseits habe ich ja jetzt auch keinen Grund mehr, mich familiär zurückzuhalten, weil die Vereinbarung ja nicht bestand.
Was das mit Brokkoli zu tun habe? Gute und richtige, weil wichtige Frage. Mein Vater schlug vor, ich solle doch über Eß-Erlebnisse schreiben und beispielsweise darüber, was vom Brokkoli übrig bleibe. Daß das kein Bestseller werde wie "Was vom Tage übrig blieb" sei klar, aber ein Zehnzeiler in Blogform unter einem Brokkolibild sei ja wohl drin. Darum nun also zehn Zeilen über Brokkoli.

Brokkoli besteht zu 90% aus Wasser, außen ist er grün bis Violett als Folge von Polyphenolen und Carotinoiden. Innen ist Brokkoli hellgrün bis weiß, weil farbstofffrei. Die Farbstoffe dienen dem Schutz vor Licht, da im Brokkoli aber kein Licht ist, braucht es da auch keine Farbstoffe. Dämpfen oder Dünsten erhält Farbe und Geschmack besser als Zerkochen zu braunem Mus. Beim Verzehr wird das Wenige, was nicht Wasser ist, in Zucker, Aminosäuren und Fettsäuren zerlegt und mit Mineralstoffen, Vitaminen und Farbstoffen über die Darmschleimhaut aufgenommen. Was dem Körper nicht wertvoll erscheint, wird entwässert und von Darmbakterien weiter zerkleinert, bis am Ende nur noch Kot und Blähungen übrig bleiben.

Was den Krebsschutz angeht: Die Wissenschaftlichkeit ist noch zu keinem abschließenden Urteil gekommen. Die Wirkung von Nährstoffen nachzuweisen, die in einem halben Pfund Brokkoli nur im Mikrogrammbereich vorkommen, fällt nicht immer leicht.
Leichter fällt es dagegen, zu verallgemeinern und von Halbkenntnissen auszugehen. Das erleichtert durchaus das tägliche oberflächliche Gespräch mit Lieselotte Meirhuber, der Nachbarin von irgendwem, die neulich in der Apothekenrundschau gelesen hat, Brokkoli entschlacke so schön. Ansonsten ist Ernährungswissen überwiegend weniger allgemeiner, weil nur für Fachkreise wirklich interessanter Natur. Muß man sich eben andere Themen suchen, denn Brokkoli führt ja, wie gezeigt, nur zu Blähungen.
Arbeitssuche zum Beispiel.
Obwohl man innerfamiliär schon lange darum gebeten hat, sich doch da bitte rauszuhalten, weil es dem Suchenden nichts nützt, wenn er immer wieder erklären muß, warum das da, nein danke, nichts für ihn sei, nicht sein Fachgebiet, nicht seine Qualifikation, nicht seine Motivationsrichtung, wird dem Wunsch nach Autonomie in dieser Entscheidung nicht nachgekommen, sondern immer wieder mit gutgemeinten Rat- und Vorschlägen Stock und Stein vor die Füße geworfen, statt sich um die Erledigung eigener Aufgaben zu kümmern.

Man sieht dem Brokkoli von außen nicht an, daß er innen nicht grün ist. Bei Menschen ist das nicht anders. Man weiß nicht, wie andere Menschen ihre Leben gestalten wollen, man maßt sich immer wieder an, Omas davon überzeugen zu wollen, daß Maffis nicht Maffis, sondern Muffins heißen. Wie arrogant man doch manchmal ist, indem man annimmt, die eigene Weltsicht sei die einzig richtige.

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