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Nachtgedacht 2 | Ad Lucem | Coram Bello

Krise, das heißt ja Zuspitzung und Wendepunkt, gleichermaßen Gefahr wie Möglichkeit. Daß die Nacht da, wo sie am dunkelsten scheint, dem Morgen am nähesten ist. Das ändert natürlich nichts daran, daß Banksysteme wie Kartenhäuser einbrechen, daß Staaten wie Island oder Irland, vielleicht bald Großbritannien dem Staatsbankrott entgegenschlittern, haltlos vielleicht, vielleicht in letzter Sekunde gerettet durch gesamtweltliches Handeln.
Andererseits frage ich mich auch: was ist das hier eigentlich?

Ich gebe zu, ich habe weder in meinen betriebswirtschaftlichen noch in meinen volkswirtschaftlichen Vorlesungen genügend Einsicht in Markttheorien bekommen, daß ich auch nur ansatzweise das gesamte Ausmaß der aktuellen Situation einschätzen oder auch nur verstehen könnte. Ich verstehe auch nicht, warum der Fall aller Aktienindizes nicht einfach durch einen internationalen Handelsstop auf den Börsenplätzen dieser Welt beendet wird. Ob das überhaupt möglich ist, entzieht sich meiner Kenntnis - ob es etwas ändern würde, erst recht. Wenn ich ausgebildete Betriebswirte, die mittlerweile, man kann sich seinen Umgang ja nicht immer aussuchen, auch zu meinem Freundeskreis gehören, danach frage, können sie mir ebensowenig antworten. Zumal die Gespräche mit ihnen in letzter Zeit an morbidem Humor zunehmen, der Absturz habe schon begonnen, das Schlimmste aber komme wohl noch, es sei ja der Aufprall, der tötet, nicht der Fall. Glücklich seien die, die schon in den ersten Zuckungen der Banken alles verloren hätten, die müßten nicht so lange darauf warten, ob auch ihr Geld verbrennt.

Mir dagegen fehlt schon der Zugang zur Materie, zu immateriell erscheint mir der Markt schon seit je. Ich weiß zwar, was Geld ist, wie man es benutzt und auch, daß es eine Konvention ist, auf die man sich geeinigt hat, um nicht stofflich produzierende Arbeit zu bewerten und damit für einen Handel mit stofflichen Dingen tauglich zu machen. Doch darüber hinaus ist mir der Handel mit der Konvention Geld nicht nur suspekt, sondern unbegreiflich.
Obwohl mir Erklärungen gegeben wurden, ich Schaubilder gesehen und auch selbst eines gezeichnet habe, um mir das Drama auszumalen, es entzieht sich immer noch meinem Verständnis, wie man auf die abstruse Idee verfallen kann, aus Versprechungen auf eine Konvention Wert zu schöpfen, der zum Tausch gegen stoffliche Dinge tauglich sein soll.

Die Ausmaße dieser Krise sind enorm, es scheint, als sei kein Land unbetroffen von diesem Monster, als das sich der Markt entpuppt hat. Betrachtet man die Bilder von panisch agierenden Börsenhändlern, dann kann man eine Ahnung davon bekommen, welche schreckliche Macht dieses Monster besitzt.
Mich jedoch läßt dieser Alptraum relativ kalt. Ich sorge mich nicht, obwohl ich sonst zu jeder Form von Paranoia neige, jede Unsicherheit auf mich beziehe und jedes Chaos als zu mir gehörig erkenne. Diesmal jedoch findet alles außerhalb meiner Wahrnehmung, meines Einflusses und meines Erkenntnishorizonts ab, was eine interessante Erfahrung ist, denn das erste Mal kann ich Geschehnisse aus einer Warte morbider Faszination betrachten, die andere Menschen sonst nur für die Opfer von richtig interessanten Unfällen auf der Autobahn aufbringen.

Und so sitze ich hier, schaue in die Nacht und erkenne schon die ersten Ausläufer des Morgengrauens wie nach allen Nächten, die ich erlebt habe, während andere noch ängstlich auf den Moment warten, wo das strudelnde Chaos auch noch die Sterne verschlingt, die das letzte Licht im Dunkel sind.
Vielleicht haben mich meine persönlichen Krisen, die Dunkelheiten, die meinen Geist oft befallen, immun gemacht gegen solch eine kollektive Angst. Vielleicht bin ich in meinen Krisen zu der Erkenntnis gekommen, daß uns in Zeiten großer Dunkelheit manchmal die Berührung eines geliebten Menschen deutlich größeren Halt gibt als alle finanziellen Vorkehrungen.

Die Erde wird sich weiter dem Sonnenaufgang entgegendrehen, die Nacht wird enden, auch wenn die Welt eine andere wird. Die Krise wird wie ein Fieber ausbrennen, Schaden an allen Finanzplätzen angerichtet und doch eines nicht zerstört haben: das Wesen der Menschen, die nach jeder Niederlage wieder aufstehen, weil sie etwas haben, wofür es sich zu kämpfen lohnt.
pathologe - 9. Okt, 07:40

Ihnen,

Herr Wolf, geht es da wie mir. Auch mir erschliesst sich nicht, welches Unheil da gerade auf uns zu oder bereits ueber uns drueber rollt. Erklaert, was gerade passiert, hat es in einfachen Worten ein Kommentator hier.
Ich vermute, was passieren wird ist aehnlich dem Geschehen vor 85 Jahren. Jeder Aktienbesitzer wird versuchen, seine wertlos werdenden Aktien, also ueberteuert eingekaufte Firmenbeteiligungen, zu verkaufen und zu Bargeld zu machen. Damit fallen die Kurse, nur die schnellsten Verbrecher gewinnen etwas. Alle anderen verlieren. Beziehungsweise bekommen weniger Geld zurueck als sie investiert haben. Immer noch kein Problem fuer mich und Sie.

Nun vermute ich allerdings auch, dass die Banken, die dann das Geld ausgeben muessen fuer diese Aktien, irgendwann ihrer Geldreserven verlustig gehen. Nachdrucken ist ja nicht. Und damit startet dann die Geldentwertung, die auch uns betrifft.

Ich versuche es mir so zu erklaeren. Jemand hat 10 Apfelbaeume, die jeder einen Euro wert sind. Nun verkauft er Beteiligungen an den Baeumen zu 5 Euro pro Stueck. Damit kann er (Einnahmen 50 Euro, Ausgaben 10 Euro, investierbares Vermoegen 40 Euro) 40 Euro investieren. In Duenger, neue Apfelbaeume, Werkzeug. Um die Produktion zu steigern. Vom Verkauf der Aepfel gibt er den Investoren vom Gewinn etwas ab. Dividende heisst das. So lange die Investoren sich ruhig verhalten, kann er mit dem geliehenen Geld der Investoren, unter Abzug der Leihzinsen (=Dividende) agieren. Fallen nun aber die Kurse fuer Apfelbaeume, so versuchen natuerlich die Investoren, ihr geliehenes Geld zurueckzubekommen. Also 5 Euro pro Aktie. Wenn der Firmenbesitzer allerdings bezahlen muss, fallen ihm liquide Mittel weg. Er wird handlungsunfaehig im schlimmsten Fall. Und muss die Plantage schliessen.

Oder so.

Herr Wolf - 9. Okt, 16:30

So grundsätzlich

ist mir das Prinzip des gerade sterbenden Handels ja auch bewußt. Die Erklärung von Samuel beim Hirngewitter oder Ihre hier, leuchten mir ein und wahrscheinlich könnte ich sie so auch wiedergeben.
Aber mir ist völlig schleierhaft, wie jemand, der auch nur einen Funken gesunden Menschenverstand hat, auf Dauer annehmen kann, daß ein System, das in seinen feinen Verästelungen, die niemand, noch nicht mal mehr die Verursacher, vollständig verstehen, längerfristig funktionieren kann!

Selbst beim menschlichen Organismus, der noch nicht mal so sonderlich komplex ist verglichen mit verschiedenen anderen Naturerscheinungen bin ich mir doch der Tatsache bewußt, daß das System Mensch nur eine bestimmte Haltbarkeit hat, da bestimmte Teile des Systems nur eine bestimmte Belastung aushalten. Und wenn dann eine der wenig belastbaren Stellen durchbricht, kann es zu einer gesamtsystembedrohenden Situation kommen, die dem Menschen das Ende durch Tod bringt.

Wieso dann ein vom Menschen gemachtes System, das noch nicht mal auf greifbarer Basis funktioniert, besser funktionieren soll als die Menschen selbst, verstehe ich nicht. Und warum so lange weggesehen wurde, obwohl selbst mir bereits seit Jahren als gegeben bekannt war, daß der Hypotheken- und Kredit-Scheiß, den die Amerikaner da begonnen haben, früher oder später implodiert.

Und daß da nicht zwei oder drei Personen, Banken oder Marktsegmente betroffen sind, sondern durch die internationale Verflechtung allen Bankwesens plötzlich die gesamte Weltwirtschaft in Gefahr des Taumelns und Stürzens gerät, weil niemand, kein einziger Mensch mit gesundem Menschenverstand und vielleicht nicht von Gier und Geiz vernebeltem Bewußtsein irgendwann mal gesagt hat: Entschuldigung, was tun wir hier? geht mir einfach nicht in den Kopf.

Ansonsten kann man sich auch nett bei Fefe und beim Rebellmarkt erleuchten lassen
Heike (Gast) - 17. Okt, 15:20

Raubtier-Zeiten

Lieber Wolf,

die Fragen, welche Du Dir stellst sind mir nicht fremd!
Ich glaube, dass in wirtschaftlichen Abschwüngen innerpsychisch Veränderungen im Menschen vor sich gehen. Nicht mehr ruhiges Erschaffen, sondern gieriges Raffen unter Stress und geglaubter Todesbedrohung regieren das Denken und Handeln. Man kann es sogar im EEG an den Gehirnwellen sehen! Eine Abwärtsspirale ist die Folge, vom Lemon-market bis zur Bankenkrise. Jeder ist nur noch am kurzfristigen Gewinn orientiert. Dazu gibt es ein schönes Buch vom gleichen Autor, wie den Blog-Eintrag, den ich hier mal einstellen mag, weil er für mich das ganze Bankendesaster erklärbar machte. http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/wild-dueck-blog/allgemein/2008-06-22/die-banken-verbaseln-alles

Das habe ich mir im Kopf als ein wenig hilflose Erklärung so zusammen gebastelt. Ob es geholfen hat? Nur sehr bedingt!

Liebe Grüße,
Heike

Herr Wolf - 19. Okt, 19:26

Um wirklich zu verstehen,

was geschieht in den abstrahierten Märkten, muß man tief hinein involviert sein. Daß das alleine aber nicht reicht, zeigt sich momentan sehr deutlich. Würden wenigstens diejenigen, die das Epizentrum aus eigener Erfahrung kennen und beschreiben könnten, vollends durchschauen, was passiert ist und weiter passiert, wäre die Krise des Kaptalismus wahrscheinlich nicht ganz so armageddonesk wie es dem Einen oder Anderen erscheinen mag.

Was die tiefenpsychologischen Veränderungen angeht, hast Du wahrscheinlich recht. Ich kann mir auch vorstellen, daß es zur Zeit einige Menschen gibt, die sich schon mit Notvorräten eingedeckt haben: Getreide und Milch und Konserven, um auch dann zu überleben, wenn die Krise zu einer Katastrophe entgleist. Es geht ja nicht allein um die Gier des Geldes willen. Viele sehen nur, daß Reichtum verpufft, und sei es nur der relative Reichtum, den man grundsätzlich als deutscher Bürger hat.

Ich bin mir aber nicht so sehr sicher, ob ein drohender wirtschaftlicher Abschwung die Ursache für die nachfolgende Markt-Krise war. Allerdings bin ich wirtschaftlich auch nicht zu Analysen in der Lage. Da fehlt mir einfach der Zugang.

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