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Lieber Robert | Coram Bello

es tut mir leid zu hören, daß Du Dir ein Bein gebrochen hast. Deine Schwester hat mir die Geschichte erzählt und vor allem kein peinliches Detail ausgelassen. Entweder hat sie neuerdings eine äußerst lebhafte Phantasie oder Du warst noch tolpatschiger als sonst. Da ich Deine Schwester allerdings fast noch länger kenne als Dich, gehe ich mal von letzterem aus.
Ich wünsche Dir eine gute Besserung, vielleicht komme ich Dich in den nächsten Tagen auch einfach mal besuchen, Du hast ja jetzt Zeit. Wir müssen die nächsten Tage noch nutzen, wer weiß, wie lange ich noch frei habe.
Ich habe diese Woche damit verbracht, mich einer Bewerbung wegen verrückt zu machen. An jedem Satz habe ich gefeilt und an allen kleinen Worten. Jetzt habe ich ein prächtiges Stück Wortarbeit vor mir, aber ich bekomme es einfach nicht mehr in den Brief hinein. Mir fehlen Einleitung und Schluß, der Aufhänger, die Pointe. Mir kommt es vor, als sei alles, was ich schreibe, zum Dasein als Fragment verdammt.
Seit zehn Jahren geht das nun so. Mein Leben hat seither an Puzzleteiligkeit zugenommen, alles, was gegeben und fest schien, zerfällt in Bruchstücke und Teilchen von Teilen.
Wir haben gelacht damals über Menschen, die an ihrem Leben verzweifelten, weil ihnen alles zu kompliziert und verworren schien, wir waren die Könige damals im Land der Blinden, doch jetzt bin ich selbst blind.

Erinnerst Du Dich, Robert, an den Tag, als wir im herbstlichen Wald auf die Bäume geklettert sind und mit Eicheln nach Spaziergängern geworfen haben? Es scheint mindestens zwei Leben her zu sein, daß wir so sehr über allem schwebten, und nicht nur zwei Jahrzehnte. Kinder waren wir noch, Kinder, die ihren ersten richtigen Herbst erlebten. Kinder, die den ersten Geschmack vom Ende der Kindheit kosteten.
Jetzt sind wir beide erwachsen. Du hast eine Tochter, vier Jahre ist sie schon alt, Du hast ein Leben, das Du Dir früher nie vorstellen wolltest. Immer wollten wir Kinder sein, Piraten und Indianer, Astronauten und Wilde aus dem Wald, niemals aber wie unsere Väter, die ihre Kindheit in den Schützengräben zwischen Krieg und 68 verloren hatten. Nie wollten wir erwachsen werden und wurden es doch.
Letztlich sind wir den gleichen Weg gegangen wie unsere Väter, wollten dann doch irgendwann erwachsen sein, wollten Männer sein und verantwortungsvoll und dachten doch nur, es sei ein weiteres Abenteuer und nicht die gähnende Leere des Alltags. Kinder wollten wir haben, Väter wollten wir sein, Familien wollten wir haben, vor allem aber wollten wir aus dem Schatten unserer Eltern treten, die uns vorgelebt hatten, wie man im Trott seine Träume verliert. Verrät, hätten wir früher gesagt, bevor wir selbst unsere Träume aus den Augen verloren.

Ich habe mich vorerst von meinem Roman verabschiedet. Ich bin unfähig, ihn zu beenden. Die Fäden der Geschichte verwandeln sich zunehmend in Quecksilber, wie Wasser rinnen sie mir durch die Hände, wie Schlangen verschwinden sie im Unterholz meines Denkens. Ich hatte mir ein Jahr gegeben, die Ideen zu bündeln, zu recherchieren und zu schreiben und doch habe ich nur Reisig gesammelt, das mein inneres Feuer nicht anheizt, sondern nur in einem raschen Aufleuchten verglüht.
Ich weiß, daß Du und andere enttäuscht sein werden, daß ich nicht weitermache. Auch ich bin nicht glücklich mit meiner Entscheidung, vor allem angesichts meines Schreibanfalls von letzter Woche. Knapp 50 Seiten in zwei Tagen, so viel wie sonst in einem Monat nicht. Dann aber wieder ist nichts mehr in mir, alles Feuer plötzlich nur noch kalte Asche und schwarze Glut. Ich habe versucht, besser hauszuhalten, aber es ging nicht. Es hätte mich verzehrt. Es hätte alles verzehrt und nichts zurückgelassen.

Wie oft, Robert, habe ich mir gewünscht, wir könnten zurück in unsere Jungentage, als wir durch den Wald hinter unseren Häusern gerannt sind, alle Tage waren Sommer und die Welt unser Spielplatz. Wie oft habe ich mir in den letzten Jahren gewünscht, wir könnten nochmals acht sein, auf den Bäumen sitzen und Spaziergänger beobachten. Wir könnten nochmals die Leben leben, die danach kamen, nur diesmal andere Entscheidungen treffen und das, was uns heute wichtig, aber nicht wichtig genug erscheint, ernst nehmen. Manchmal wünschte ich mir auch einfach nur, wir wären Freunde geblieben in den Jahren seither.

Daß wir uns nach fast 15 Jahren wiedergetroffen haben, erscheint mir immer noch als absurder Zufall. Daß Deine Schwester über die Distanz von 300 Kilometern genau in die Wohnung nebenan umziehen würde, damit konnte niemand rechnen, auch ich nicht, dem Zufälle häufiger geschehen wollen als anderen. Ich hatte unsere Freundschaft fast vergessen wie so vieles andere aus meiner Kindheit, und doch kommt mir vieles davon mittlerweile so vor wie gerade eben passiert, als hätte es die Jahre dazwischen nie gegeben.
Auch das ist Teil meines fragmentarischen Lebens geworden, daß alle Erinnerungen gleichberechtigt nebeneinander in der Vergangenheit stehen wie die Bäume auf Bildern von Vierjährigen. Es ist viel passiert in den letzten Jahren, die wir keine Freunde und auch keine Bekannten mehr waren, und ich hoffe, daß wir das bald alles nachholen können, jetzt, wo Du Dir ein Bein gebrochen hast und ich noch Zeit habe, bevor ich hoffentlich die Stelle antreten kann, auf die ich mich beworben habe. Wir sollten die Zeit nutzen, denn wer weiß, was passiert. Wir haben so lange fern von einander gelebt, und das sollte Freunden nicht geschehen, das sollte niemandem geschehen, fern zu sein von vertrauten Menschen.

Robert, ich hoffe, wir sehen uns bald. Dann werden wir durch die herbstlichen Wälder deine Krücken spazieren führen und uns über die Kinder unterhalten, die in den Ästen der Bäume sitzen und mit Eicheln auf Spaziergänger werfen.
Ich denke an Dich in den dunklen Stunden dieser Nacht vor dem Winter. Erzähle Deiner Tochter von den Abenteuern, die wir erlebt haben, und lache mit ihr über unsere Dummheiten.
Ich umarme Dich, mein Freund,
Wolf

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