[>>]

Die erste Saat | Fragment | Morpheon

Im Morgengrauen ging er hinaus, der Nebel lag noch schwer in den Bäumen und zwischen den Halmen der Gräser. Der Tag sollte noch lang werden, sonnig und heiß, auch wenn die Dunkelheit das noch nicht verriet.
Seine Stiefel wurden nass, als er durch das hohe Gras zu der kleinen Hütte ging, in der er seine Werkzeuge aufbewahrte: die Spitzhacke, die Säge, die Messer und Scheren, die Sense und das Beil. Heute würde er den Boden für die erste Saat vorbereiten und bald würde er ernten können.
In der Hütte war es noch nachtfinster, das dunkle Grau der Dämmerung blieb mit dem Nebel vor der Tür zurück, dennoch fand er die Falltür sofort, hob sie an und stieg vorsichtig die ersten Stufen der Leiter hinunter, schloß die Luke über sich und setzte dann seinen Weg nach unten fort.
Als er festen Boden unter den Füßen hatte, fischte er die Streichhölzer aus seiner Tasche, nahm eines aus der Schachtel und strich es mit einer schnellen Bewegung über die rauhe Reibefläche. Das Aufflammen blendete ihn, obwohl es nur kurz war: das Streichholz verlosch sofort wieder.
Vielleicht hatten seine Schritte auf der Leiter sie bereits geweckt, vielleicht auch erst das kurze Feuer, nur Augenblicke später hörte er wieder ihr Schluchzen in der Dunkelheit.
Er nahm ein weiteres Streichholz aus der Schachtel, zog es über die Reibefläche und diesmal brannte es lange genug, daß er die Öllampe, die neben der Leiter hing, entzünden konnte, bevor er das Streichholz wieder ausblies.
Wieder - wie so oft - kam ihm der Gedanke, wie ähnlich Menschen und Flammen waren, sie brannten und leuchteten und waren doch so gefährdet, so leicht zu ersticken. Mit dem Gedanken daran erinnerte er sich auch wieder an sein Tagwerk, seine Pflicht: das Feld vorzubereiten, die erste Saat auszubringen. Er ließ das Streichholz fallen und näherte sich der Frau, die am anderen Ende des Erdlochs lag.
Sie war an Händen und Füßen gefesselt, geknebelt hatte er sie aber nicht. Niemand konnte sie hier hören. Niemand würde sie hier suchen. Nicht einmal seine Mutter, die seit dem Tod ihres letzten Mannes kaum mehr das Haus verlassen hatte.
Steinchen knirschten unter seinen Schuhen. Sie wandte den Kopf zu ihm um, sah ihn durch die Strähnen ihres wirren Haars an. Sie war die erste, die ihn ansah, die erste, die sich das traute. Sie weinte nun nicht mehr, doch ihre Augen waren noch rot wie Feuer. Die Augen würde er ihr als erstes nehmen, sobald er sie nicht mehr brauchte.
La vida es sueño (Gast) - 3. Nov, 02:15

Norman Bates

..

ein schönes paradebeispiel für den entwicklungsgang solcher muttersöhnche

Herr Wolf - 3. Nov, 06:44

Fraglich,

ob es hier einen zweiten Norman Bates gibt. Immerhin lebt hier die Mutter noch und wird so bald nicht sterben.

Norman Bates dagegen hatte ja dann doch noch mit dem Problem der physisch toten Mutter zu kämpfen.

Trackback URL:
http://neolog.twoday.net/stories/5284349/modTrackback