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Das Licht | Kein Märchen

Das Licht brennt noch. Jeden Morgen, wenn ich in die noch nachtgefärbte Küche schleiche, um den Freund nicht zu wecken, der noch eine selige Stunde länger schlafen darf als ich, jeden Morgen also sehe ich das Licht, das sie nicht ausgemacht hat.
Vielleicht haben es auch die Beamten von der Kriminalpolizei vergessen, ich weiß es nicht. Als die ganze Aufregung passierte, war ich nicht da. Ausnahmsweise ist der Freund besser informiert als ich, wenn es um Geschehnisse im Haus geht.

Vor zwei Wochen sprach ich noch mit ihrer Schwester. Was oder ob wir etwas tun könnten, ob ihr irgendwer helfen könne. Nein, sagte die Schwester, man könne nichts tun, man könne nur warten und hoffen, daß der Alkohol nicht alles zerstört, was noch übrig war von dem Menschen, der einst in dieser Haut lebte.
Am Tag zuvor sah ich sie in der Drogerie stehen, zwischen dem Regal mit den Zeitschriften und der Schokolade. Ich stand draußen in der Kälte und habe sie durch die Scheibe beobachtet. Das strähnige Haar zu einem windschiefen Pferdeschwanz gebunden, über einem ausgeblichen blau-weiß gestreiften Pyjama einen knallig orangefarbenen Bademantel, den Blick ziellos, verloren.

Wäre ich hineingegangen, hätte ich gewusst, was nur wenige Tage später passieren würde? Hätte ich ein letztes Mal versucht, ihr zu helfen? Hätte ich es tun müssen?

Sie hat sich zuletzt doch noch um ihr Leben getrunken. Zurück bleibt nur die Erinnerung an ein dreifach verlorenes Leben, an eine Frau, die mir in jeder Sekunde, die ich sie sah, leid tat, nur nicht in dem Moment, in dem ich vielleicht noch etwas tun hätte können. Jetzt ist sie tot. Zurück bleibt nur ein Licht, das in den Winter, in die immer kälter werdenden Nächte hineinbrennt. Ein Licht, das niemandem mehr leuchtet.
pathologe - 25. Nov, 07:12

Ein

Grablicht vielleicht, das zum Nichtvergessen anregt.

Herr Wolf - 26. Nov, 06:51

Ich denke nicht,

daß ich sie vergessen werde. Zu deutlich steht mir ihre Geschichte und ihr Schicksal vor Augen.
Und außer mir (und dem Freund) hat das Licht niemand gesehen.

So oder so ist sie jetzt im Internet verewigt.
wort-wahl - 25. Nov, 11:30

herr wolf, reiben sie sich nicht auf an solcherlei umständen. sie haben so viel getan, mehr, als sie hätten tun müssen, denn sie sind und bleiben ein guter nachbar, eine gute seele, ein guter mensch. zünden sie ein licht an für ein licht, auf dem fensterbrett vielleicht.

Herr Wolf - 26. Nov, 06:54

Aufreiben

will ich mich auch nicht. Und doch kann ich nicht anders.

Ich werde ein Lichtlein entzünden, jetzt wo das ihre erloschen ist.
Heike (Gast) - 25. Nov, 16:32

keine Worte

lieber Wolf,
finde ich zu dieser zu traurigen Geschichte.
Ich glaube auch zu spüren, dass Du ein guter Mensch und Nachbar bist. Doch so etwas nagt schwer am Herzen.

Ein Freund von mir brachte sich letztes Jahr um. Bei ihm versuchten viele zu helfen. Doch es ging nicht.
Und als ich auf seiner Beerdigung war, da war ich das erste Mal neben aller Trauer auch furchtbar wütend auf ihn. Denn ich sah alle anderen Freunde verzweifelt trauern.
Mein Kopf wusste, dass es das Ende einer Depression war. Und dass er nichts dafür konnte. Aber just an diesem Tag, da hatte der Kopf nichts zu melden.
Heute zum Glück schon wieder.

Ich glaube, dass meine Psyche mich mit der Wut gegen ihn schützen wollte vor Selbstvorwürfen. Das braucht sie jetzt nicht mehr. Und ich habe verarbeitet.

Bei Dir war es nicht mal ein Freund. Doch auch Du wirst es verarbeiten müssen.

Herr Wolf - 26. Nov, 07:00

Das Herz

denkt sich, daß ich schon wieder einen Menschen sehenden Auges in den Tod habe gehen lassen.

Doch der Kopf weiß, daß der Alkohol sie schon zerstört hätte, jede Hilfe hätte das Unvermeidliche nur verzögert. Die körperlichen Folgen des Alkoholkonsums waren schon seit Jahren zu weit fortgeschritten.
Letztlich war sie schon tot, als sie neben mir einzog, es hatte nur keiner gemerkt.

Verarbeiten werde ich trotzdem müssen, sobald ich kann.

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