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Das Licht | Kein Märchen

Das Licht brennt noch. Jeden Morgen, wenn ich in die noch nachtgefärbte Küche schleiche, um den Freund nicht zu wecken, der noch eine selige Stunde länger schlafen darf als ich, jeden Morgen also sehe ich das Licht, das sie nicht ausgemacht hat.
Vielleicht haben es auch die Beamten von der Kriminalpolizei vergessen, ich weiß es nicht. Als die ganze Aufregung passierte, war ich nicht da. Ausnahmsweise ist der Freund besser informiert als ich, wenn es um Geschehnisse im Haus geht.

Vor zwei Wochen sprach ich noch mit ihrer Schwester. Was oder ob wir etwas tun könnten, ob ihr irgendwer helfen könne. Nein, sagte die Schwester, man könne nichts tun, man könne nur warten und hoffen, daß der Alkohol nicht alles zerstört, was noch übrig war von dem Menschen, der einst in dieser Haut lebte.
Am Tag zuvor sah ich sie in der Drogerie stehen, zwischen dem Regal mit den Zeitschriften und der Schokolade. Ich stand draußen in der Kälte und habe sie durch die Scheibe beobachtet. Das strähnige Haar zu einem windschiefen Pferdeschwanz gebunden, über einem ausgeblichen blau-weiß gestreiften Pyjama einen knallig orangefarbenen Bademantel, den Blick ziellos, verloren.

Wäre ich hineingegangen, hätte ich gewusst, was nur wenige Tage später passieren würde? Hätte ich ein letztes Mal versucht, ihr zu helfen? Hätte ich es tun müssen?

Sie hat sich zuletzt doch noch um ihr Leben getrunken. Zurück bleibt nur die Erinnerung an ein dreifach verlorenes Leben, an eine Frau, die mir in jeder Sekunde, die ich sie sah, leid tat, nur nicht in dem Moment, in dem ich vielleicht noch etwas tun hätte können. Jetzt ist sie tot. Zurück bleibt nur ein Licht, das in den Winter, in die immer kälter werdenden Nächte hineinbrennt. Ein Licht, das niemandem mehr leuchtet.

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