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Morituri | Von der Front

Schon wieder waren die Herren von der Polizei hier, die Nachbarn beäugen sich ein wenig mißtrauisch, jeder fragt sich, ob es einen Nächsten gibt, der frei von allen Lebenszeichen aus seiner Wohnung getragen wird.
An einen Zufall geben wir noch vor zu glauben, insgeheim aber wollen wir alle erfahren, dass es kein Zufall, kein weiterer natürlicher Tod war, der in unserer Mitte stattfand.

Zwei Todesfälle innerhalb von zwei Wochen in einem Haus, das erscheint allen auffällig, auch wenn beide Toten dem Tod näher als dem Leben standen. Die eine zerfressen von Depression und Alkohol, die andere zerfurcht von den Jahren und den Erinnerungen an drei Jahrhunderte. Bei beiden erschien es nicht unwahrscheinlich, doch die zeitliche und räumliche Enge werfen Fragen auf.

Natürlich sind wir auch weiterhin höflich und freundlich zueinander, doch wir verdächtigen einander immer stärker. Was hat es eigentlich mit dem so scheuen Pärchen auf sich, die sich vor den Mitmietern verstecken und ihre Tür verschließen, wenn sie Schritte auf der Treppe hören? Was ist mit der unscheinbaren jungen Frau und ihrem unsichtbaren Freund, der sie nachts stöhnen und schreien lässt, während er wie ein angeschossener Hirsch durch die Nacht brüllt? Und hat sich die patente Frau aus dem dritten Stock nicht immer über die Zeit beschwert, die ihr durch die eine wie die andere Tote gestohlen wurde? Wem kann man noch trauen, wen kennt man eigentlich wirklich in diesem Haus?

Eine andere Theorie hat freilich der Freund, er tendiert nicht wie ich zu Schauergeschichten, sondern sucht eher nach rationalen Erklärungen: beide wären vom Leben gezeichnet gewesen, und diese Zeichnungen wären das längere Aufheben wohl nicht mehr wert gewesen. Ein Herz, eine Leber, ein Leben versagt und endet. Warum also nicht auch zwei?
Und selbst wenn der Tod kein natürlicher war: hatten nicht beide Frauen oft zweifelhaften Besuch, der nicht hier wohnte, sondern nur immer wieder im Treppenhaus gesehen wurde? Wenig spricht dafür, dass Mörder in diesem Hause wohnen, nur mißtrauische Menschen, die zu viel Zeit und Phantasie hätten.

Mitunter wünschte ich mir auch einen solchen Rationalismus, denn sicherlich sind beides natürliche Todes- und keine Mordfälle.
Und dann wieder frage ich mich: woher kommt solch starkes Beharren auf dem scheinbar Rationalen und dem Abraten von jeder Spekulation auf Mord?
Wie gut kenne ich den Mann, den ich liebe?

Gut genug, um nicht zweifeln zu müssen
herr axel (Gast) - 10. Dez, 11:47

wenn ich mir so das treiben in eurem hause ansehe und meine derzeitliche weihnachtsstimmung so betrachte, dann ziehe ich baldmöglichst zu euch.

Herr Wolf - 12. Dez, 20:08

Ich hoffe mal nicht,

dass das ein Vorzeichen für die Weihnachtstage ist, was bei uns gerade passiert. Ich hoffe aber nicht, dass unser Haus plötzlich zum Magneten für tödliches Unheil wird, sondern dass es nur Zufall war.
Raum zum Wohnen ist ja jetzt frei, heute morgen wurde nebenan schon (ab sieben Uhr) das Parkett geschliffen. Und wenn du dann erst mal hier wohnst, dann legt sich vielleicht auch das schlimme Weihnachtsgefühl.
pathologe - 10. Dez, 12:14

Wenn

ich mir Herrn Axels Kommentar dazu durchlese, frage ich mich unwillkuerlich, ob Ihr Haus in einer Einbahnstrasse liegt?

Herr Wolf - 12. Dez, 20:10

In einer Fußgängerzone,

nicht in einer Einbahnstraße. Wenn man aber in die richtige Richtung geht, dann hat man (hangbedingt) wenigstens das Gefühl, es gehe stetig bergab.

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