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Prelude einer Katastrophe | Von der Front

Wir sind zu sechst, sie sitzt mir schräg gegenüber und guckt grimmig, den ganzen Tag schon. Unser gemeinsamer Chef sitzt neben mir. Ich bin seit eineinhalb Monaten Teil des Teams. Sie wird es in eineinhalb Monaten nicht mehr sein. Ich bin ihr Nachfolger, sie arbeitet mich ein. Bis zu diesem Tag ging alles gut.
An diesem Tag, als wir zu sechst in der Besprechung sind, bemerkt unser Chef ihren Blick, bezieht ihn auf sich und auf seine Worte und sagt: Schau doch nicht so grimmig. An diesem Tag, als wir zu sechst an diesem Tisch sitzen, bin ich achtlos und sage, was ich denke: Sie guckt schon den ganzen Tag so. An diesem Tag also sitzen wir dann um den Tisch und lachen kurz zu sechst. Daß sie danach noch etwas grimmiger schaut als vorher, fällt niemandem auf.

Wir sind zu zweit, nur sie und ich. Ihr grimmiger Blick ist emotionsloser Leere gewichen. Sie räumt Dinge durch die Gegend, heftet ab, ist unglaublich effektiv. Lächelt nicht ein einziges Mal. Sagt kein Wort. Wenn wir zu zweit sind. Drei Tage lang. Und dann sagt sie am letzten Tag vor dem winterlichen Betriebsurlaub: Ich bin stinksauer auf Dich. Werde es aber aber nächstes Jahr nicht mehr sein. Dann ist wieder alles wie früher.

Dann bin ich alleine. Seither bin ich alleine, obwohl wir seit zwei Wochen wieder nebeneinander arbeiten. Genausogut könnte ich auch auf dem Mond sein. Statt mich einzuarbeiten gibt sie mir schriftliche Anweisungen, statt Erklärungen habe ich einen überquellenden Postkorb. Aber ich bin nicht besser. Ich kann nicht mit ihr sprechen, ohne eine leichte Übelkeit zu spüren, die vielleicht auf verletzten Stolz, vielleicht auf Eitelkeit, vielleicht auf Masochismus zurückzuführen ist. Ich kann nicht mit ihr sprechen, eher atmete ich auf dem Mond Sonnenlicht und verbrennte.
wort-wahl - 19. Jan, 10:40

hat sie das 'stinksauer' wenigstens begründet? herrjeh.

Herr Wolf - 20. Jan, 06:48

Sie ist der Meinung,

ich hätte mich über sie lustig gemacht, als ich sagte, sie gucke den ganzen Tag schon so grimmig.

Und Herrjeh triffts. Das denke ich mir seither auch immer wieder.
wort-wahl - 21. Jan, 16:09

weia. schenken sie ihr doch ein tütchen mitleid. anonym dekorativ auf dem schreibtisch plaziert, versteht sich.
Herr Wolf - 3. Feb, 19:20

Ich habe es dann

mit simuliertem Verständnis versucht.
Bzw. mit großflächigem Ignorieren.
Ging auch ganz gut.
Lilli legt los - 21. Jan, 02:34

Wie wär's

mit einer Tüte saure Drops, als Opfergabe sozusagen? Damit sie wieder (über sich) lächeln kann?

Herr Wolf - 3. Feb, 19:21

Wahrscheinlich hätte sie

das auch noch in den falschen Hals bekommen. Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass es die Situation entspannt hätte.

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