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Egoshooter | De Re Publica

Der Junge, der gestern schoß und 17 Menschen tötete, hatte Pornobilder auf dem Rechner und Killerspiele, war nahe der sozialen Isolation, spielte mal Tischtennis, interessierte sich für ein Mädchen aus der Nachbarschaft. Wie ungewöhnlich für einen 17jährigen.
Die Waffengesetze seien schuld, sagen andere, man müsse verschärfen, was noch zu lose sei. Killerspiele lasse die Kinder verrohen. Die Eltern müßten mehr in die Pflicht genommen werden, die Lehrer, die Mitschüler, die Sportvereine, die Hüter der Gesetze, irgendwer hätte doch mal kommen sehen müssen was passiert.
Wie aber. Wenn wir noch nicht mal die Reaktion eines Menschen, den wir vielleicht verstehen könnten (den Typen im Auto neben uns beispielsweise), vorhersehen, bevor er uns in die Leitplanke drückt, wie sollen wir dann als Gesellschaft sehen, was in abgeschiedenen Kammern geschieht? Eben. Wir können nicht alles sehen, wir können nicht alles sehen, zum Beispiel, dass auch und gerade eine normierende Gesellschaft Außenseiter, Abweichler, Gefolgsamkeitsverwehrer schafft.
Die Gesellschaftsversehrten dämmern in ihrer eigenen Stille, wo niemand sie sucht oder befragt nach ihren Wünschen und Träumen und Hoffnungen, nach Ihrer Wut, ihrem Zorn, ihrer Trauer, ihrer Ohnmacht und dem Verlangen, einmal der Ohnmacht zu entkommen. Die Gesellschaft sieht weg, wie sie immer wegsieht, die Gesellschaft ist ihr genaues Gegenteil, nicht gesellig, sondern abschottend, sie kreist um sich selbst statt um ihre Mitglieder, sie tut für sich, was sie für andere nie täte.
Die Gesellschaft erschafft sich ihre eigenen Schatten, Attentäter, Mörder, Räuber, Vergewaltiger. Die Debatte, die jetzt wieder vom Zaun gebrochen wird, geht daran aber erneut vorbei.

Wir sind natürlich schockiert, wir haben Mitleid, fühlen uns selbst verletzt und versehrt. Wir haben Angst vor den Verletzungen und vor allem: als Entsetzen getarntes Schuldgefühl, daß wir versagt haben, daß unsere Gesellschaft mal wieder nicht geschafft hat, was sie sich vorgenommen hatte. Sich selbst zu bessern und nicht ins eigene gezückte, offene Messer zu laufen.

Der Junge, der gestern Menschen um Leben, Liebe und Zukunft brachte und sich selbst der strafenden Justiz entzog, war einer aus der kreisenden Gesellschaft, die Hand, die die Waffe auf die Gesellschaft richtete, der Finger, der den Abzug drückte, war die Gesellschaft selbst.

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