Aus der Ferne | Coram Bello

Manchmal muss man fortgehen, um zu erkennen, woher man kommt. Die Distanz zu unseren eigenen Leben eröffnet uns Perspektiven, die wir nicht hätten, verließen wir unsere Welt nicht ab und an und tauchten in die Leben vollkommen fremder Menschen ein.
Wo Detmold eigentlich liege, fragt die Dänin, die als Stewardess zwar viel in Deutschland herumgekommen ist, in der Stadt, nach der das Flugzeug benannt ist, aber noch nicht war. Detmold ist, kläre ich sie auf, zu klein für einen Flughafen und viele Deutsche kennen Detmold auch nicht, auch wenn dort eines der wichtigsten Denkmäler der Deutschen ist.
Das Gedenken liegt den Deutschen nur, wenn sie es mit unangenehmen Zeiten verbinden können. Angenehmes Erinnern an die Vergangenheit ist nichts für ein Volk, das sich jetzt in der dritten Generation nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust befindet. Und doch ist auch diese Distanz noch nicht groß genug. Keine Distanz wird jemals ausreichen, die Deutschen vergessen zu lassen, dass sie einst ein Volk von Mördern waren. Wahrscheinlich ist das sinnvoll. Den Abgrund zu kennen schützt davor hineinzufallen.
Später nippe ich an meinem Saft. Wir fliegen zwischen den Wolken hindurch, die, wie ich weiß, nur aus Wassermolekülen bestehen, die sich über kleine elektromagnetische Ladungen zusammenballen und hochhaushohe Berge bilden können, die aussehen wie Korallenriffe und doch die Konsistenz von Nebel haben. Sie sind so greifbar wie die Träume der Menschen, das Flugzeug taucht in das Weiß ein und wird verschluckt, bis wir nach einigen Sekunden wieder im strahlenden Blau des wolkenfreien Himmels schweben. Die Wolken liegen hinter uns, auf den Tragflächen haben sich nur zwei Wassertropfen gefangen, die aber auch schon, kaum dass ich sie entdeckt habe, wieder verschwunden sind.
Die Detmold ist auf dem Flug nach Norden, wir kehren heim in unsere Leben. Eine Woche an der Côte d'Azur geht schnell vorbei, eigentlich dachte ich, wir wären eben erst angekommen, lägen immer noch in der Sonne, erschöpft vom Nichtstun, ausgelaugt von der Hitze, die auf den Süden Frankreichs herabbrennt.
Deutschland, in dem die Regenwolken regieren, ist weit weg. Frankreich, das eine Sprache spricht, der keiner der Mitreisenden mächtig ist, entzückt durch wolkenfreien Himmel, Croissants, Tartes, Rillette, Baguette und Berge frisch gefangenen Fischs. Wir liegen am Pool des gemieteten Hauses und hören dem leisen Knistern der Pinien zu. Grillen zirpen um die Wette, träge flattern Elstern von Baum zu Baum.
Dann sind wir am Strand, St. Tropez liegt mit seinen engen und von Menschen überfüllten Gassen hinter uns. In den Schatten der Stadt haben wir keine Abkühlung gefunden, im Gegenteil, die lauten Menschen, die in der Hitze keinen Gedanken für sich behalten können, ihr Kopf würde platzen, würden sie es auch nur versuchen, die lauten Menschen tragen ihre glitzernden und gleißenden Oberflächen mit sich herum und blenden sich gegenseitig.
Am Strand ist es kühl, das Meer trägt einen kühlenden Wind heran, die Wellen wiegen uns in mittäglichen Schlaf im Schatten. Der Sand ist weich und warm, wir fallen aus unseren Körpern in das weite Blau des Himmels und kehren erst Stunden später wieder zurück, als wir mit Pastis auf den Sommer anstoßen. Wir spielen Boule auf dem Sandplatz am Haus, der abendliche Wind rauscht in den Pinien, kleine Abendwolken im Schlepptau, die später, als Mond und Sterne auf uns herabblicken, schon längst wieder verschwunden sind.
Irgendwann zwischen den Tagen verliere ich mein Zeitgefühl und vergesse die Notwendigkeit, an ein anderes Leben als dieses zu denken. Ich habe keine Arbeit mehr, ich lese an den Vormittagen, schreibe an den Nachmittagen, schwimme dazwischen ein paar Bahnen, meine Schultern entspannen sich (es fühlt sich an, als wäre es das erste Mal seit Jahren), das eine der tausend Bücher wird wieder fassbar. In der einen Woche habe ich mehr geschrieben als im letzten halben Jahr. Ich bin noch weit entfernt davon, auch nur ein einziges Kapitel als abgeschlossen zu betrachten, doch ich fühle, dass das der richtige Weg ist. Und ich weiß genau, dass die Arbeit im Büro Vergeudung ist.
Manchmal braucht man die Distanz, um ehrlich zu seinem Leben sein zu können. Man muss aus seinem Leben ausbrechen, um zu erkennen, ob man noch auf dem richtigen Weg ist. Ich habe mein Ziel verloren, und auch wenn ich das schon seit Langem wußte, konnte ich mir das nicht zugestehen. Ich habe lange Zeit zurückgesteckt, habe dem Bild, das andere von mir gezeichnet haben, gerecht werden wollen, weil ich mir nicht zutraute, dass meine Entscheidungen richtig sein könnten. Ich weiß, dass mein Weg nicht klar verlaufen kann und wird. Ich habe die Angst, und ich habe sie zurecht, dass nicht alles in meinem Leben nach meinen Plänen verlaufen kann und wird. Deshalb allerdings keine Pläne zu machen und auf Ziele verzichten, weil sie anderen albern vorkommen könnten, ist der völlig falsche Weg. Aus Angst vor Rückschlägen auf Versuche zu verzichten, führt nirgendwohin.
Wir sitzen am Meer, das seit Jahrmillionen gegen die Küsten der Welt rollt. Über uns kreisen Albatrosse, Kinder jagen einander über den Strand. Zwischen den Wellen schwimmt ein junger Mann, sie heben ihn hoch und lassen ihn wieder in ihre Täler gleiten, überrollen ihn, umspülen ihn mit der Gischt ihrer Kronen, doch er schwimmt unbeirrt weiter.
Meine Gedanken schwimmen mit ihm hinaus, lassen alle Sorgen und Ängste zurück, all den Ballast, den ich über die Jahre zusammengesammelt habe. Ich kann und will ihn nicht mehr behalten, er zöge mich hinab auf den Meeresboden und ließe mich ertrinken.
Ein Zittern geht durch das Flugzeug, wir befinden uns nach den Angaben des Kapitäns im Sinkflug auf Frankfurt. Ich sehe nichts, als ich aus dem Fenster sehe, wir fliegen durch undurchdringliches Weiß. Erst Minuten vor der Landung sinken wir unter die Wolken, ich sehe die Skyline von Frankfurt in der Sonne des späten Nachmittags glitzern. Das Flugzeug setzt sanft auf, der Wind bricht sich in den aufgestellten Bremsklappen an den Flügeln. Faszinierend ist diese Tierart namens Mensch, denke ich, die ihrem Traum nach dem Fliegen nie entkommen konnte und daher das Unmögliche vollbringen konnte, musste. Kein Rückschlag (und davon gab es viele) war hart genug, dass der Traum als unerreichbar aufgegeben wurde. Dazu ist der Mensch nicht geschaffen. Wir geben niemals auf.


