[>>]

Ein Jahr vorbei | Von der Front

Was hast Du vor, fragt er mich. Was willst Du tun nach dem ersten November? Wohin gehst Du?
Mein Chef fragt nicht, ob ich bleiben wolle, womit er mich vielleicht halten könne. Er pokert. Er verliert. Ich werde nicht um die Stelle betteln, die nicht viel mehr ist als ein bezahltes Praktikum.
Ich habe im letzten Jahr gegen mich gekämpft, gegen das Chaos in mir, gegen die Konfliktunfähigkeit, gegen die Engstirnigkeit in meinem Kopf. Ich habe Siege errungen, kleine Siege angesichts der Finanzkrise, aber große angesichts meiner früheren Sorgen. Ich habe geräuschlos den Seminarbetrieb eines bundesweit bekannten Aus- und Weiterbildungshauses aufrecht erhalten, ich habe selbst erfolgreich Seminare gehalten, ich habe Personalverantwortung übernommen. Und seit mein Chef gegen mich gepokert und verloren hat, gibt sogar er zu, dass ich mehr als nur gute Arbeit geleistet habe. Auch das natürlich noch, um mich dazu zu bringen, zu betteln.

Noch habe ich keinen richtigen Plan. Die Zeit wird knapp, das weiß ich, das bekomme ich nicht nur von meinen besorgten Eltern, auch vom Freund immer mal wieder gesagt - als ob ich nicht wüßte, daß Arbeitslosigkeit kein Vergnügungspark ist. Als ob ich mir nicht bewußt wäre, daß der Mensch im Leben eine Aufgabe braucht, um sich ganz zu fühlen, einen Traum, eine Richtung, eine Bestimmung, und wenn sie im Großen Ganzen noch so scheinbar klein sein mag.
Der Freund und meine Eltern sorgen sich. Sie sehen noch nicht, dass ich keinen Plan für mein Leben habe, weil ich momentan mein Leben nicht mehr sehe. In meiner 50-Stunden-Woche ist kein Platz dafür. Ich bin ein Feierabend-Tier geworden, das in eine Decke gewickelt auf dem Sofa döst, während der Fernseher ins Wohnzimmer leuchtet. Ich sehe die Bilder, doch sie ergeben keinen Sinn mehr.

Das ist die Arbeit, denke ich mir. So geht das allen und immer. So wird das sein bis an das Ende der Arbeitszeit. Ich werde morgens aufstehen, bevor mein Gehirn funktioniert, werde arbeiten, bis mein Gehirn nicht mehr funktioniert, und danach auf dem Sofa liegen und langsam verblassen.
So wie das allen und immer geht.

Was habe ich vor nach dem ersten November? Ich weiß es nicht, antworte ich. Ich werde nicht hierbleiben, vielleicht gehe ich ganz fort. Ich sehe kein Ziel, aber ich sehe auch keine Grenze. Wenn ich dieses Jahr hier überstehen konnte, dann kann ich alles machen und alles schaffen. Ich werde überleben und wahrscheinlich auch glücklich sein, sage ich. Vor allem aber werde ich nicht bleiben.
pathologe - 9. Okt, 15:16

Greifen

Sie einfach nach den Sternen, wenn Sie den Boden unter den Füßen zu verlieren drohen. Was kann Ihnen denn noch passieren?

Herr Wolf - 21. Okt, 00:08

Die Sterne sind

kalt dieser Tage, aber so schön.
Sorge vor meiner Zukunft habe ich nicht. Daß alles gut werden wird, weiß ich.

Und wenn ich wider erwarten doch den Bodenkontakt verlieren sollte, dann wahrscheinlich nur, weil ich mal wieder schwebe :-)
konner - 17. Nov, 06:58

Pläne ergeben sich meistens aus einer Situation heraus, wenn man sich darauf einlässt. Ich denke Situationen wird es genug geben. Nicht all zu viel nachdenken, nicht all zu viel fürchten, dann wird sich doch Zuversicht einen gemütlichen Sessel suchen.

Liebe Grüße und die aller-, allerbesten Wünsche! :)

Konner
Jekylla (Gast) - 14. Okt, 09:22

Sie scheinen

früher aus dem Hamsterrad aussteigen zu wollen, als die meisten erst erkennen, dass sie in einem sind.
Gesünder ist das. Und mehr Leben bleibt auch.

Herr Wolf - 21. Okt, 00:11

Mein Chef

hat mir ein Seminar zu Work-Life-Balance angeraten. Ich habe abgelehnt. Ich möchte lieber etwas arbeiten, das ich in mein Leben integrieren kann statt es dagegen abzuwiegen.

Das Hamsterrad habe ich gespürt und für doof befunden. Vielleicht habe ich zu früh den Blick für das Gesamtbild gewagt, dass ich untauglich bin für das Kleinliche des Arbeitsalltags.

Vielleicht falle ich aber auch einfach gerne aus dem Rahmen Rad.

Trackback URL:
http://neolog.twoday.net/stories/5982735/modTrackback

 

Herr Wolf | neolog
Das Duett für Launen, das Stehaufwölfchen unter den Bloggern. Seit 2002 das Original mit der Fahne.

Die Inhalte von neolog sind Eigentum von Herrn Wolf. Ausnahmen sind gekennzeichnet.

herrwolf (at) web (punkt) de.

Nicht vergessen: Hirn anschalten!




It's my party! Für mehr Gesellschaft.

Letzte Worte

Pläne ergeben sich...
Pläne ergeben sich meistens aus einer Situation...
konner - 17. Nov, 06:58
Mein Chef
hat mir ein Seminar zu Work-Life-Balance angeraten....
Herr Wolf - 21. Okt, 00:11
Die Sterne sind
kalt dieser Tage, aber so schön. Sorge vor meiner...
Herr Wolf - 21. Okt, 00:08

Mahnende Worte

Wer Verweisen zu anderen Seiten folgt, ist selbst schuld. Die Rechte am Inhalt von 'neolog' hält der Autor, wenn nicht anders gekennzeichnet. Bitte benutzen Sie das Gehirn im Internet.


¬

Gesuchte Worte

 

Bestellte Worte