Coram Bello
In der Ferne zerschlagen Blitze den Himmel in Scherben, der herannahende Sturm treibt Wolken von feinem roten Staub vor sich her, der sich wie getrocknetes Blut auf meinen Körper legt. Ich stehe am Rand der Welt, vor mir das scheinbar endlose Meer, hinter mir ein ganzer Kontinent voller Durst, Hunger, Krankheit und Armut.
Seit ich in dieses Land gekommen bin, habe ich keine Nacht gesehen wie diese, ein Unwetter zieht über die Welt und verheert alles, was es berührt. Die Menschen haben Angst, fliehen in vermeintliche Sicherheit, sie wissen nicht, dass es keine Sicherheit gibt, keinen Hort, der uns davor schützen kann, was kommen wird. Nichts wird bleiben, wie es war.
Seit Wochen bin ich nun schon zurück und noch immer kann ich nichts von dem, was ich gesehen habe, in Worte fassen, die auch nur annähernd wiedergeben können, was ich gesehen, was ich erlebt habe.
In solchen Momenten zeigt sich, wie segensreich Routinen sein können. Sie nehmen der Zukunft den Schrecken, sie nehmen die Angst vor dem, was kommen mag.
Kennt man den Weg, geht man ihn gern, doch nun, da wir nicht wissen, nur ahnen und hoffen, was uns erwartet, spüren wir die Unsicherheit, die man manchmal - in weniger unruhigen Zeiten - Leben nennt.
Ich bin zurück und doch kenne ich den Weg nicht mehr. Alle Wege, die ich zu kennen glaubte, haben sich als trügerisch, als verbrannte Erde, als Illusion entpuppt. Am Ende der Welt habe ich erkannt, dass das, was vorher galt, kein Später zeitigen wird.
Ich kann jetzt den Donner spüren, nach jedem der himmelhohen Blitze fegt er grollend über die Ebene und über mich hinweg. Auch ich werde nicht entkommen können, werde keine Sicherheit spüren, nicht hier am Meer, dessen Wellen jetzt schon nicht mehr nur meine Füße bedecken. Die Flut kommt, treibt mich zurück an Land, dem Sturm entgegen. In das Schreien des Windes mischt sich das Rauschen des Regens, das wogende Meer dagegen ist seltsam still. Dort wo mich die Finger des Regens berühren, blühen rote Blumen auf, blutige Tränen rinnen über meine Haut.
Und dann verschlingt mich der Sturm.
Später dann liege ich ausgelaugt auf dem Strand eines ruhigeren Meeres. Meine Augen sind von Tränen, Salz und Sand verkrustet, meine Haut schmerzt, reißt mit jeder kleinen Bewegung auf, wo mich Blitze versengt, Donner versehrt, der Sandsturm berührt haben.
Ich habe keine Erinnerung an die Momente dazwischen, nur Aufflackern von Schmerz und Licht und das Dunkel danach. Meine Kehle ist rauh, ich habe geschrien, dem Sturm meine Angst mit lächerlich schwachen Worten entgegnet.
In mir ist nichts mehr, nur die Leere eines verbrauchten Geistes. In mir ist nichts mehr außer dem Wunsch, nicht mehr zu sein.
Und so liege ich auf dem Sand, blind und taub und stumm, als sie mich finden.
Wir haben die Wahl. Haben sie schon immer gehabt und werden sie immer haben. Bleiben wir stecken in unseren Gewohnheiten und unseren Ängsten oder wollen wir wachsen, wie es unserer Natur entspricht?
Wir sind die Generation, die es nicht gibt, wir haben kein Gesicht und keine Stimme. Wir haben die Wunden unserer Eltern geerbt, wir pflegen sie wie Schätze. Wir haben keine eigenen Reichtümer, nur die Hoffnung, dass wir nichts verlieren. Keine Erfahrungen, keine Narben, keine Wunder, keine Geschichte.
Wir haben die Wahl. Bleiben wir, wer wir nie waren, oder gehen wir weiter? Den ersten gemeinsamen Schritt.
Sie stehen auf der Straße, reden, stehen auf der Straße und unerhalten sich über Mädchen, über das Spiel, über die letzte Schulwoche. Sie sprechen über die Zukunft, die sie haben werden mit einer Sicherheit, die glauben läßt, sie sei schon geschehen. Sie ahnen nicht die Ungeraden, die ihre Wege sein werden, fürchten nicht die Brüche in ihrem Leben, Brüche die kommen werden, unausweichlich.
Sie haben nur diesen einen Abend, die Nacht bricht herein, legt Dunkelheit in die Straßen, allein im Schein der Laterne stehen die fünf weiterhin und tun so, als gäbe es kein anderes Morgen.
Wir haben keine Pläne. Wir haben nur Möglichkeiten. Aus uns kann alles werden und nichts. In einer Welt der Chancen wollen wir das einzige, was wir nicht bekommen können: die Nicht-Veränderung. Wir wollen das Weiter-So und Mehr-Davon und reden uns ein, es gäbe ein nächstes Glück. Wir kennen das alte, sind darin aufgewachsen und haben es hinter uns zurückgelassen. Wir nannten es Kindheit und Träume und Oz und Mittelerde, Narnia und Hogwarts, Osten Ard und Hyperion. Wir stehen an einer Schwelle, doch wissen wir nicht wozu. Am liebsten wäre uns, es gäbe nicht diese Tür.
Keiner der Fünf will nach Hause gehen. Es ist spät und ihre Familien werden sich vielleicht Sorgen machen. Sie sitzen auf der Straße, die immer noch, Stunden nach Sonnenuntergang, nicht kalt ist, der Asphalt speichert die Hitze des Sommers auch jetzt noch. Ein letzter Sommer soll ihnen gehören und doch wissen sie schon, daß die Kämpfe über sie hereinbrechen werden. Sie wissen, auch der Sommer wird ihnen so wenig gehören wie jede Zeit danach.
Sie sind keine Kämpfer und werden es nicht mehr werden. Sie werden untergehen, denn das Kämpfen haben sie nicht gelernt.
Und dann müssen wir wählen. Beziehen wir wenigstens ein einziges Mal Stellung und tun mal nicht so, als ginge alles nur andere an? Nehmen wir endlich die Verantwortung an, die wir haben, die Verantwortung, nicht nur Verwalter unserer Geschichte zu sein, sondern ihre Gestalter?
Gehen wir endlich hinaus und hören auf, uns alles gefallen zu lassen, hören wir endlich auf so zu tun, als folgten wir dem Strom? Wir sind der Strom, wir sind die neuen Menschen, wir sind die, die sein werden. Wir haben keine andere Zukunft als unsere eigene. Treffen wir also die Wahl: Wir werden erwachsen, wir übernehmen Verantwortung. Wir verlassen das Nimmerland.
Die Fünf sind fort. Die Dämmerung hat sie vertrieben. Noch leise höre ich ihre Wünsche zwischen den Stimmen der Vögel. Sicherheit wollten sie, doch sie wissen, es gibt sie nicht. Reichtum ist nicht zu haben, nicht mehr in einer Welt, die die Lügen hinter dem Geld erkannt hat. Schönheit ist nicht mehr als Relativität und Macht eine Frage des Willens. Glück, das wollen sie haben, Selbstentwicklung und Selbstentfaltung, Ehrlichkeit und Verläßlichkeit. Sie wollen Freunde bleiben, ein Leben lang, doch sie wissen, das erfordert Kraft und Mut, Großzügigkeit und Geduld.
Sie werden es schaffen, denn sie sind aufgestanden in der Nacht und haben ihre Träume als das erkannt, was sie wirklich sind: Der einzige Weg zu unser aller Zukunft.
Manchmal muss man fortgehen, um zu erkennen, woher man kommt. Die Distanz zu unseren eigenen Leben eröffnet uns Perspektiven, die wir nicht hätten, verließen wir unsere Welt nicht ab und an und tauchten in die Leben vollkommen fremder Menschen ein.
Wo Detmold eigentlich liege, fragt die Dänin, die als Stewardess zwar viel in Deutschland herumgekommen ist, in der Stadt, nach der das Flugzeug benannt ist, aber noch nicht war. Detmold ist, kläre ich sie auf, zu klein für einen Flughafen und viele Deutsche kennen Detmold auch nicht, auch wenn dort eines der wichtigsten Denkmäler der Deutschen ist.
Das Gedenken liegt den Deutschen nur, wenn sie es mit unangenehmen Zeiten verbinden können. Angenehmes Erinnern an die Vergangenheit ist nichts für ein Volk, das sich jetzt in der dritten Generation nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust befindet. Und doch ist auch diese Distanz noch nicht groß genug. Keine Distanz wird jemals ausreichen, die Deutschen vergessen zu lassen, dass sie einst ein Volk von Mördern waren. Wahrscheinlich ist das sinnvoll. Den Abgrund zu kennen schützt davor hineinzufallen.
Später nippe ich an meinem Saft. Wir fliegen zwischen den Wolken hindurch, die, wie ich weiß, nur aus Wassermolekülen bestehen, die sich über kleine elektromagnetische Ladungen zusammenballen und hochhaushohe Berge bilden können, die aussehen wie Korallenriffe und doch die Konsistenz von Nebel haben. Sie sind so greifbar wie die Träume der Menschen, das Flugzeug taucht in das Weiß ein und wird verschluckt, bis wir nach einigen Sekunden wieder im strahlenden Blau des wolkenfreien Himmels schweben. Die Wolken liegen hinter uns, auf den Tragflächen haben sich nur zwei Wassertropfen gefangen, die aber auch schon, kaum dass ich sie entdeckt habe, wieder verschwunden sind.
Die Detmold ist auf dem Flug nach Norden, wir kehren heim in unsere Leben. Eine Woche an der Côte d'Azur geht schnell vorbei, eigentlich dachte ich, wir wären eben erst angekommen, lägen immer noch in der Sonne, erschöpft vom Nichtstun, ausgelaugt von der Hitze, die auf den Süden Frankreichs herabbrennt.
Deutschland, in dem die Regenwolken regieren, ist weit weg. Frankreich, das eine Sprache spricht, der keiner der Mitreisenden mächtig ist, entzückt durch wolkenfreien Himmel, Croissants, Tartes, Rillette, Baguette und Berge frisch gefangenen Fischs. Wir liegen am Pool des gemieteten Hauses und hören dem leisen Knistern der Pinien zu. Grillen zirpen um die Wette, träge flattern Elstern von Baum zu Baum.
Dann sind wir am Strand, St. Tropez liegt mit seinen engen und von Menschen überfüllten Gassen hinter uns. In den Schatten der Stadt haben wir keine Abkühlung gefunden, im Gegenteil, die lauten Menschen, die in der Hitze keinen Gedanken für sich behalten können, ihr Kopf würde platzen, würden sie es auch nur versuchen, die lauten Menschen tragen ihre glitzernden und gleißenden Oberflächen mit sich herum und blenden sich gegenseitig.
Am Strand ist es kühl, das Meer trägt einen kühlenden Wind heran, die Wellen wiegen uns in mittäglichen Schlaf im Schatten. Der Sand ist weich und warm, wir fallen aus unseren Körpern in das weite Blau des Himmels und kehren erst Stunden später wieder zurück, als wir mit Pastis auf den Sommer anstoßen. Wir spielen Boule auf dem Sandplatz am Haus, der abendliche Wind rauscht in den Pinien, kleine Abendwolken im Schlepptau, die später, als Mond und Sterne auf uns herabblicken, schon längst wieder verschwunden sind.
Irgendwann zwischen den Tagen verliere ich mein Zeitgefühl und vergesse die Notwendigkeit, an ein anderes Leben als dieses zu denken. Ich habe keine Arbeit mehr, ich lese an den Vormittagen, schreibe an den Nachmittagen, schwimme dazwischen ein paar Bahnen, meine Schultern entspannen sich (es fühlt sich an, als wäre es das erste Mal seit Jahren), das eine der tausend Bücher wird wieder fassbar. In der einen Woche habe ich mehr geschrieben als im letzten halben Jahr. Ich bin noch weit entfernt davon, auch nur ein einziges Kapitel als abgeschlossen zu betrachten, doch ich fühle, dass das der richtige Weg ist. Und ich weiß genau, dass die Arbeit im Büro Vergeudung ist.
Manchmal braucht man die Distanz, um ehrlich zu seinem Leben sein zu können. Man muss aus seinem Leben ausbrechen, um zu erkennen, ob man noch auf dem richtigen Weg ist. Ich habe mein Ziel verloren, und auch wenn ich das schon seit Langem wußte, konnte ich mir das nicht zugestehen. Ich habe lange Zeit zurückgesteckt, habe dem Bild, das andere von mir gezeichnet haben, gerecht werden wollen, weil ich mir nicht zutraute, dass meine Entscheidungen richtig sein könnten. Ich weiß, dass mein Weg nicht klar verlaufen kann und wird. Ich habe die Angst, und ich habe sie zurecht, dass nicht alles in meinem Leben nach meinen Plänen verlaufen kann und wird. Deshalb allerdings keine Pläne zu machen und auf Ziele verzichten, weil sie anderen albern vorkommen könnten, ist der völlig falsche Weg. Aus Angst vor Rückschlägen auf Versuche zu verzichten, führt nirgendwohin.
Wir sitzen am Meer, das seit Jahrmillionen gegen die Küsten der Welt rollt. Über uns kreisen Albatrosse, Kinder jagen einander über den Strand. Zwischen den Wellen schwimmt ein junger Mann, sie heben ihn hoch und lassen ihn wieder in ihre Täler gleiten, überrollen ihn, umspülen ihn mit der Gischt ihrer Kronen, doch er schwimmt unbeirrt weiter.
Meine Gedanken schwimmen mit ihm hinaus, lassen alle Sorgen und Ängste zurück, all den Ballast, den ich über die Jahre zusammengesammelt habe. Ich kann und will ihn nicht mehr behalten, er zöge mich hinab auf den Meeresboden und ließe mich ertrinken.
Ein Zittern geht durch das Flugzeug, wir befinden uns nach den Angaben des Kapitäns im Sinkflug auf Frankfurt. Ich sehe nichts, als ich aus dem Fenster sehe, wir fliegen durch undurchdringliches Weiß. Erst Minuten vor der Landung sinken wir unter die Wolken, ich sehe die Skyline von Frankfurt in der Sonne des späten Nachmittags glitzern. Das Flugzeug setzt sanft auf, der Wind bricht sich in den aufgestellten Bremsklappen an den Flügeln. Faszinierend ist diese Tierart namens Mensch, denke ich, die ihrem Traum nach dem Fliegen nie entkommen konnte und daher das Unmögliche vollbringen konnte, musste. Kein Rückschlag (und davon gab es viele) war hart genug, dass der Traum als unerreichbar aufgegeben wurde. Dazu ist der Mensch nicht geschaffen. Wir geben niemals auf.
In der Verkleidung wichtiger Menschen stehen wir auf den Bahnsteigen der Bundesrepublik, wartend auf die Züge, die uns in unseren Lebensersatz bringen, allen die selben Zweifel ins Gesicht gefroren, ob dies das richtige Leben sei.
Heute steht vor mir im Spiegel ein Mann, den ich nicht kenne. Nicht zum ersten Mal bin ich nicht ich, doch noch nie sah ich aus wie ein Abkömmling eines Managersohninternats.
Es ist nicht mein Leben, das ich führe, nicht meine Wege, die ich gehe. Melde sich bitte bei mir, wer ein ödes, eingefahrenes Leben sucht. Tausche gegen nahezu alles.
Es ist ja nicht so, als säße ich nicht oft hier und wolle schreiben. Aber dann fällt mein Blick immer auf die Uhr und erinnert mich daran, daß ich bald gehen muß, um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen. Oder aber ich komme zehn Stunden später wieder wie erschlagen heim und habe in meinem Kopf nichts als den Willen zu schreiben, von Worten keine Spur.
Und bald auch von mir nicht mehr.
es tut mir leid zu hören, daß Du Dir ein Bein gebrochen hast. Deine Schwester hat mir die Geschichte erzählt und vor allem kein peinliches Detail ausgelassen. Entweder hat sie neuerdings eine äußerst lebhafte Phantasie oder Du warst noch tolpatschiger als sonst. Da ich Deine Schwester allerdings fast noch länger kenne als Dich, gehe ich mal von letzterem aus.
Ich wünsche Dir eine gute Besserung, vielleicht komme ich Dich in den nächsten Tagen auch einfach mal besuchen, Du hast ja jetzt Zeit. Wir müssen die nächsten Tage noch nutzen, wer weiß, wie lange ich noch frei habe.
Ich habe diese Woche damit verbracht, mich einer Bewerbung wegen verrückt zu machen. An jedem Satz habe ich gefeilt und an allen kleinen Worten. Jetzt habe ich ein prächtiges Stück Wortarbeit vor mir, aber ich bekomme es einfach nicht mehr in den Brief hinein. Mir fehlen Einleitung und Schluß, der Aufhänger, die Pointe. Mir kommt es vor, als sei alles, was ich schreibe, zum Dasein als Fragment verdammt.
Seit zehn Jahren geht das nun so. Mein Leben hat seither an Puzzleteiligkeit zugenommen, alles, was gegeben und fest schien, zerfällt in Bruchstücke und Teilchen von Teilen.
Wir haben gelacht damals über Menschen, die an ihrem Leben verzweifelten, weil ihnen alles zu kompliziert und verworren schien, wir waren die Könige damals im Land der Blinden, doch jetzt bin ich selbst blind.
Erinnerst Du Dich, Robert, an den Tag, als wir im herbstlichen Wald auf die Bäume geklettert sind und mit Eicheln nach Spaziergängern geworfen haben? Es scheint mindestens zwei Leben her zu sein, daß wir so sehr über allem schwebten, und nicht nur zwei Jahrzehnte. Kinder waren wir noch, Kinder, die ihren ersten richtigen Herbst erlebten. Kinder, die den ersten Geschmack vom Ende der Kindheit kosteten.
Jetzt sind wir beide erwachsen. Du hast eine Tochter, vier Jahre ist sie schon alt, Du hast ein Leben, das Du Dir früher nie vorstellen wolltest. Immer wollten wir Kinder sein, Piraten und Indianer, Astronauten und Wilde aus dem Wald, niemals aber wie unsere Väter, die ihre Kindheit in den Schützengräben zwischen Krieg und 68 verloren hatten. Nie wollten wir erwachsen werden und wurden es doch.
Letztlich sind wir den gleichen Weg gegangen wie unsere Väter, wollten dann doch irgendwann erwachsen sein, wollten Männer sein und verantwortungsvoll und dachten doch nur, es sei ein weiteres Abenteuer und nicht die gähnende Leere des Alltags. Kinder wollten wir haben, Väter wollten wir sein, Familien wollten wir haben, vor allem aber wollten wir aus dem Schatten unserer Eltern treten, die uns vorgelebt hatten, wie man im Trott seine Träume verliert. Verrät, hätten wir früher gesagt, bevor wir selbst unsere Träume aus den Augen verloren.
Ich habe mich vorerst von meinem Roman verabschiedet. Ich bin unfähig, ihn zu beenden. Die Fäden der Geschichte verwandeln sich zunehmend in Quecksilber, wie Wasser rinnen sie mir durch die Hände, wie Schlangen verschwinden sie im Unterholz meines Denkens. Ich hatte mir ein Jahr gegeben, die Ideen zu bündeln, zu recherchieren und zu schreiben und doch habe ich nur Reisig gesammelt, das mein inneres Feuer nicht anheizt, sondern nur in einem raschen Aufleuchten verglüht.
Ich weiß, daß Du und andere enttäuscht sein werden, daß ich nicht weitermache. Auch ich bin nicht glücklich mit meiner Entscheidung, vor allem angesichts meines Schreibanfalls von letzter Woche. Knapp 50 Seiten in zwei Tagen, so viel wie sonst in einem Monat nicht. Dann aber wieder ist nichts mehr in mir, alles Feuer plötzlich nur noch kalte Asche und schwarze Glut. Ich habe versucht, besser hauszuhalten, aber es ging nicht. Es hätte mich verzehrt. Es hätte alles verzehrt und nichts zurückgelassen.
Wie oft, Robert, habe ich mir gewünscht, wir könnten zurück in unsere Jungentage, als wir durch den Wald hinter unseren Häusern gerannt sind, alle Tage waren Sommer und die Welt unser Spielplatz. Wie oft habe ich mir in den letzten Jahren gewünscht, wir könnten nochmals acht sein, auf den Bäumen sitzen und Spaziergänger beobachten. Wir könnten nochmals die Leben leben, die danach kamen, nur diesmal andere Entscheidungen treffen und das, was uns heute wichtig, aber nicht wichtig genug erscheint, ernst nehmen. Manchmal wünschte ich mir auch einfach nur, wir wären Freunde geblieben in den Jahren seither.
Daß wir uns nach fast 15 Jahren wiedergetroffen haben, erscheint mir immer noch als absurder Zufall. Daß Deine Schwester über die Distanz von 300 Kilometern genau in die Wohnung nebenan umziehen würde, damit konnte niemand rechnen, auch ich nicht, dem Zufälle häufiger geschehen wollen als anderen. Ich hatte unsere Freundschaft fast vergessen wie so vieles andere aus meiner Kindheit, und doch kommt mir vieles davon mittlerweile so vor wie gerade eben passiert, als hätte es die Jahre dazwischen nie gegeben.
Auch das ist Teil meines fragmentarischen Lebens geworden, daß alle Erinnerungen gleichberechtigt nebeneinander in der Vergangenheit stehen wie die Bäume auf Bildern von Vierjährigen. Es ist viel passiert in den letzten Jahren, die wir keine Freunde und auch keine Bekannten mehr waren, und ich hoffe, daß wir das bald alles nachholen können, jetzt, wo Du Dir ein Bein gebrochen hast und ich noch Zeit habe, bevor ich hoffentlich die Stelle antreten kann, auf die ich mich beworben habe. Wir sollten die Zeit nutzen, denn wer weiß, was passiert. Wir haben so lange fern von einander gelebt, und das sollte Freunden nicht geschehen, das sollte niemandem geschehen, fern zu sein von vertrauten Menschen.
Robert, ich hoffe, wir sehen uns bald. Dann werden wir durch die herbstlichen Wälder deine Krücken spazieren führen und uns über die Kinder unterhalten, die in den Ästen der Bäume sitzen und mit Eicheln auf Spaziergänger werfen.
Ich denke an Dich in den dunklen Stunden dieser Nacht vor dem Winter. Erzähle Deiner Tochter von den Abenteuern, die wir erlebt haben, und lache mit ihr über unsere Dummheiten.
Ich umarme Dich, mein Freund,
Wolf
Krise, das heißt ja Zuspitzung und Wendepunkt, gleichermaßen Gefahr wie Möglichkeit. Daß die Nacht da, wo sie am dunkelsten scheint, dem Morgen am nähesten ist. Das ändert natürlich nichts daran, daß Banksysteme wie Kartenhäuser einbrechen, daß Staaten wie Island oder Irland, vielleicht bald Großbritannien dem Staatsbankrott entgegenschlittern, haltlos vielleicht, vielleicht in letzter Sekunde gerettet durch gesamtweltliches Handeln.
Andererseits frage ich mich auch: was ist das hier eigentlich?
Ich gebe zu, ich habe weder in meinen betriebswirtschaftlichen noch in meinen volkswirtschaftlichen Vorlesungen genügend Einsicht in Markttheorien bekommen, daß ich auch nur ansatzweise das gesamte Ausmaß der aktuellen Situation einschätzen oder auch nur verstehen könnte. Ich verstehe auch nicht, warum der Fall aller Aktienindizes nicht einfach durch einen internationalen Handelsstop auf den Börsenplätzen dieser Welt beendet wird. Ob das überhaupt möglich ist, entzieht sich meiner Kenntnis - ob es etwas ändern würde, erst recht. Wenn ich ausgebildete Betriebswirte, die mittlerweile, man kann sich seinen Umgang ja nicht immer aussuchen, auch zu meinem Freundeskreis gehören, danach frage, können sie mir ebensowenig antworten. Zumal die Gespräche mit ihnen in letzter Zeit an morbidem Humor zunehmen, der Absturz habe schon begonnen, das Schlimmste aber komme wohl noch, es sei ja der Aufprall, der tötet, nicht der Fall. Glücklich seien die, die schon in den ersten Zuckungen der Banken alles verloren hätten, die müßten nicht so lange darauf warten, ob auch ihr Geld verbrennt.
Mir dagegen fehlt schon der Zugang zur Materie, zu immateriell erscheint mir der Markt schon seit je. Ich weiß zwar, was Geld ist, wie man es benutzt und auch, daß es eine Konvention ist, auf die man sich geeinigt hat, um nicht stofflich produzierende Arbeit zu bewerten und damit für einen Handel mit stofflichen Dingen tauglich zu machen. Doch darüber hinaus ist mir der Handel mit der Konvention Geld nicht nur suspekt, sondern unbegreiflich.
Obwohl mir Erklärungen gegeben wurden, ich Schaubilder gesehen und auch selbst eines gezeichnet habe, um mir das Drama auszumalen, es entzieht sich immer noch meinem Verständnis, wie man auf die abstruse Idee verfallen kann, aus Versprechungen auf eine Konvention Wert zu schöpfen, der zum Tausch gegen stoffliche Dinge tauglich sein soll.
Die Ausmaße dieser Krise sind enorm, es scheint, als sei kein Land unbetroffen von diesem Monster, als das sich der Markt entpuppt hat. Betrachtet man die Bilder von panisch agierenden Börsenhändlern, dann kann man eine Ahnung davon bekommen, welche schreckliche Macht dieses Monster besitzt.
Mich jedoch läßt dieser Alptraum relativ kalt. Ich sorge mich nicht, obwohl ich sonst zu jeder Form von Paranoia neige, jede Unsicherheit auf mich beziehe und jedes Chaos als zu mir gehörig erkenne. Diesmal jedoch findet alles außerhalb meiner Wahrnehmung, meines Einflusses und meines Erkenntnishorizonts ab, was eine interessante Erfahrung ist, denn das erste Mal kann ich Geschehnisse aus einer Warte morbider Faszination betrachten, die andere Menschen sonst nur für die Opfer von richtig interessanten Unfällen auf der Autobahn aufbringen.
Und so sitze ich hier, schaue in die Nacht und erkenne schon die ersten Ausläufer des Morgengrauens wie nach allen Nächten, die ich erlebt habe, während andere noch ängstlich auf den Moment warten, wo das strudelnde Chaos auch noch die Sterne verschlingt, die das letzte Licht im Dunkel sind.
Vielleicht haben mich meine persönlichen Krisen, die Dunkelheiten, die meinen Geist oft befallen, immun gemacht gegen solch eine kollektive Angst. Vielleicht bin ich in meinen Krisen zu der Erkenntnis gekommen, daß uns in Zeiten großer Dunkelheit manchmal die Berührung eines geliebten Menschen deutlich größeren Halt gibt als alle finanziellen Vorkehrungen.
Die Erde wird sich weiter dem Sonnenaufgang entgegendrehen, die Nacht wird enden, auch wenn die Welt eine andere wird. Die Krise wird wie ein Fieber ausbrennen, Schaden an allen Finanzplätzen angerichtet und doch eines nicht zerstört haben: das Wesen der Menschen, die nach jeder Niederlage wieder aufstehen, weil sie etwas haben, wofür es sich zu kämpfen lohnt.
Keine Angst. Das wird jetzt kein Rundbrief, der zu Spenden für Nigeria, Georgien oder eine andere ferne Region in der Welt aufruft. Es sollen auch nicht Tim und Tina Buktu (welch alter und immer noch nicht lustiger Scherz, aber man erinnert sich doch immer wieder mit einer Wehmut an diese einfacheren, aber fernen Tage zurück) mit Fürsorge bedacht werden.
Es ist einfach eine Ankündigung zur Absenz. Mal wieder, ja, aber kein Abschied in absolutatem (wie der Lateiner sagt, wie der möchtegerngebildete Nichtlateiner sagt, wie der uninteressante Humorbefreite sagt, wie der neudeutsch brillierend wollende Sprachenthusiast sagt), sondern nur einer auf Zeit. Computerferne erquickt manchmal das Herz und auch die Stirnhöhlen, vor allem aber bedeutet es mal die Aussicht auf eine andere Aussicht.
Aus der Ferne werde ich natürlich gerne Ihrer aller gedenken, die Sie nun sehnsuchtsvoll auf den Monitor starrend ohne mich in den September starten müssen, aber ich bin mir sicher, daß Sie auch ohne mich Sinn in Ihrem täglichen Tun entdecken werden.
Meine besonderen Grüße gehen heute an meinen bekennenden Nichtleser und ehemaligen Mitbewohner C. - ein Paar meiner Leserinnen (nein, ich habe mich nicht in der Vertikalographie geirrt, es sind in der Tat zwei) kennen ihn aufgrund persönlicher Mitbewohnerlebnisse -, den ich bei der gestrigen Gartenfeier der mir hochverehrten
Frau Licht wiedergesehen, aber nicht -gesprochen habe. In den Äther schreibe ich nun also folgendes, was ich aus verschiedenen Gründen nicht persönlich sagen konnte: Es tut mir leid, daß Umstände uns entzweiten, die durch das beseitigt werden hätten können, was ich heute immer wieder bei allen Menschen anmahne: Kommunikation.
Als Du sprechen wolltest, wollte ich nicht. Nun, da ich es immer wieder will, kann ich nicht mehr, weil Du nicht mehr willst. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob man uns nicht vorher an Stühlen fixieren müßte, damit wir tatsächlich miteinander ein Gespräch begännen.
Daß ich Dich verletzt habe, tut mir leid. Daß ich Dich unter einer meiner einstürzenden Mauern begraben habe, tut mir leid. Daß ich Deine Freundschaft verloren habe, tut mir leid.
Ich habe im Umgang mit Dir und der Situation, die unsere Freundschaft und in der Folge auch unsere Wohngemeinschaft zerstört hat, Fehler gemacht, die aus der Distanz von fünf Jahren nicht mehr gutgemacht werden können, so kommt es mir vor. Darum habe ich auch nicht gestern sprechen können, habe Dich kaum direkt ansehen können. Ich habe Dir gegenüber die Sprache in dem Moment verloren, als Du mich im Zorn mit Wasser überschüttet hast.
Die Vergangenheit macht uns zu dem, was wir sind, wenn man Theorien glaubt, und die Schützengräben der Gegenwart sind Folgen der Spuren des Gestern.
Vielleicht finden wir in der Zukunft den Frieden.
Liebe Gemeinde, ich wünsche einen schönen Septemberbeginn, denkt an Eure Lieben und die fernen und lange nicht mehr gesprochenen Freunde. Die Menschen, die wir lieben und liebten, machen uns aus und sind uns ein Schatz, der uns erleuchtet. Auch wenn nicht alles schön ist in der Welt und die Menschen imperfekt und oft böse zueinander, laßt nicht zu, daß Nichtsprechen zur Entfernung von Allem führt.
Bis bald an diesem Ort, ich denke an anderen Orten an Euch.
Und nein, ich habe nicht vor, zu sterben oder ein Höheres Wesen zu werden, mir ist nur gerade aufgrund der LastFM-Empfehlungen ein wenig melancholisch zumute.
Selbstgerechtigkeit ist trotzdem kein guter Zug und es tut mir wirklich leid, daß ich durch diese meine Eigenschaft Menschen unnötig verletzt habe.
Kein guter Tag heute. Katatonische Starre, kein Wort rausbekommen, dann den Nachmittag mit sinnlosen Dingen, statt mit dem wunderbaren LFA des Herrn Pathologen verbracht, auf den ich mich schon die ganze Woche gefreut habe. Den Kuchen für morgen erst jetzt gebacken bekommen.
Erst als der Regen über Frankfurt kam, die Menschen wie Laub durch die Rinnsteine spülte, fiel ich wieder aus mir heraus, konnte mich wieder richtig rühren.
Finn*, Du hast gesagt, ich solle keine Mauern bauen. Ich versuche, auf Dich zu hören, jeden Tag versuche ich mich zu hindern, die Mauern zu bauen, die sonst einstürzen und mich unter sich begraben. Das hast Du gesagt, Finn, und dann bist Du gegangen.
Der Weg ist steinig. Aber wenigstens da.
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* Wenn Sie mich jetzt fragen wollen: "Wer bitte ist denn Finn?", dann kann ich schnell sagen, daß das eigentlich nur meine Sache ist. Ich werde aber mal mehr zu Finn schreiben. Ist eine Geschichte, die lange her ist, mich aber immer noch nicht ganz losläßt.
Manchmal ist es irritierend, wie man an einem Tag einen Gedanken denkt und später entdeckt, daß man nicht der Einzige ist, der ihn gedacht hat.
Natürlich ist das oft so, so originell ist keiner, daß eine Erkenntnis ein Unikat bleibt. Aber sie ist immer neu für denjenigen, der sie gehabt hat, das Gefühl der eigenen, persönlichen Erkenntnis kann einem niemand mehr nehmen.
Worum es also eigentlich geht, ist ein Gedanke, den ich heute beim Warten in der Postschalterschlange hatte. Man steht rum, man schaut sich die anderen Kunden an und plötzlich erscheint alle Selbstverwirklichung ein bißchen überflüssig angesichts der Päckchen, die jeder von uns trägt. Eigentlich, so denkt man sich, sollte man doch langsam erwachsen werden, man sollte endlich mal fertig sein mit der Persönlichkeit, man sollte nicht dauernd versuchen, sich weiterzuentwickeln.
Doch dann denkt man: Warum sollte man, wenn man kein Drittel seiner erwarteten Lebenszeit hinter sich hat, plötzlich aufhören zu wachsen? Warum sollte man als der, der man geworden ist, 60 Jahre bleiben. Ein Baum wächst weiter, bis er umfällt. Warum sollte der Mensch das dann nicht tun?
Oder soll er warten, bis er Zeit dazu hat?
Lilli spricht etwas ähnliches an:
"man verschiebt doch so vieles auf später - als ob man eine Garantie dafür hätte, dass man erst hoch betagt an die Reihe kommt."
Recht hat sie, das zu sagen. Wir verschieben so viel, was wir tun wollten, auf später, auf einen Moment, den wir selbst noch nicht sehen. Wir leben oft in der Erwartung auf einen Tag, den wir vielleicht nicht mehr erleben. Wir verschieben unser Leben auf später.
Später werden wir allerdings feststellen, es hat nicht gereicht. Unsere Zeit hat zu vielem nicht gereicht, was wir uns vorgenommen hatten, während wir in der Zwischenzeit zu oft von dem Weg abgekommen sind, den wir eigentlich hätten gehen wollen.