Ein Wolf für alle Felle | PETA und Herr Wolf
Ex Oikos
Gicht, sage ich der jungen Frau mir gegenüber, ist eine Krankheit, die auftritt bei ungenügender Harnsäureausscheidung. Ich nehme meinen Bleistift und schreibe auf: Gicht Doppelpunkt Störung des Harnsäurestoffwechsels. Aha, sagt die junge Frau und nickt. In nicht ganz zwei Wochen will sie eine Biochemie-Prüfung bestehen. Sie lerne ja dafür, sie gebe ihr bestes, aber sie brauche eben ihre Zeit. Manchmal an diesem Tag habe ich das Gefühl, ihr bestes sei nicht genug.
Gicht, sagt sie eine halbe Stunde später auf meine Frage hin, ist eine Krankheit, die auftritt bei gestörtem Aminosäurestoffwechsel. Ich bin irritiert, klopfe mit meinem Bleistift auf den Block und sage: Ich bin irritiert, ich dachte, Gicht stünde in Zusammenhang mit der Harnsäureausscheidung. Ja, sagt sie, Harnsäure. Und gleich dazu sagt sie Aminosäurestoffwechsel. Nein, sage ich: Purinstoffwechsel, Nucleinsäuren. Wo kommen die vor, frage ich, wo gibt es die Nucleinsäuren? Sie, die in ihrer Diplomprüfungsphase steckt, die in nicht ganz zwei Wochen nicht nur über Biochemiegrundlagen, sondern die angewandte Biochemie geprüft werden will, sie sagt: Nucleinsäuren sind Proteine.
Ich kann mich beherrschen. Ich schreie nicht, ich raufe mir nicht das Haar, ich hämmere nicht wild auf den Tisch. Einzig der Bleistift klopft häufiger auf den Block, als ich sage: Proteine bestehen aus Aminosäuren, Nucleinsäuren dagegen sind Grundbausteine der DNA. Ich frage sie: Was heißt eigentlich DNA? Ich meine es als Scherz, doch im selben Moment, in dem ich die Worte ausspreche, bemerke ich das Flackern in ihren Augen. Sie rät: Di-Nucleotid- ... wofür steht das A?
Der Bleistift verharrt mitten in der Klopfbewegung.
Desoxy-... beginne ich, will sie locken, die richtige Antwort oder wenigstens ein Erkennen aus ihr herauslocken: Desoxy-...?
Sie wiederholt: Desoxy. Und schweigt. Schaut mich an. Ich gebe auf: Desoxribonucleinsäure. Sie sieht mich immer noch an.
Ich erkläre ihr die Struktur, die Aufgabe der DNA, der RNA, Replikation, Genexpression, Transkription, Translation, sie will immer mehr hören. Ich lerne am besten, sagt sie, wenn mir jemand etwas erklärt. Also erkläre ich und male auf. Harnsäure entsteht beim Abbau der Purine Adenin und Guanin. Die Pyrimidine Thymin und Cytosin werden abgebaut zu Wasser, Ammoniak und Kohlendioxid. Sie nickt. Und dann frage ich: Welche Krankheit tritt auf bei ungenügender Harnsäureausscheidung? Sie sieht mich an und sagt ganz stolz: Phenylketonurie.
Zwischen meinen Fingern zerbricht der Bleistift.
Neulich beim Weinhändler des Vertrauens die abendliche Veranstaltung: Wein und Gesundheit.
Quasi mein Thema, referiert jedoch vom Weinhändler, der trotzdem dauernd mich angeguckt hat, weil er genau wußte: Quasi mein Thema. Mußte mich sehr zurückhalten, nicht gleich in seinen Einführungssatz hineinzufallen mit dem Ausruf: "Es gibt keine gesunden Lebensmittel, hat es noch nie gegeben, wird es nie geben. Gesundheit ist ein verbales Konstrukt, das den Zustand des Menschen angibt, der durch Paramter der Lebensführung wie zum Beispiel die Zufuhr von Nahrungs- und Genußmitteln positiv oder negativ beeinflußt wird. Das Lebensmittel selbst ist dabei wie das Messer, das sowohl zum Schneiden des Brotes als auch zum Schneiden von Menschen verwendet werden kann.
Diese ganze Scheiße mit 'gesund leben', die Kampagnen mit Wellness, Fitness und Health Care sind aktive Maßnahmen der Produzenten zur strategischen Verunsicherung und Verdummung der Konsumenten, damit die für den nächsten gleich unwirksamen probiotischen Joghurt oder die nächste unnötige Fettersatzstoffmargarine oder die nächsten fettfreien, aber zuckerverkrusteten Cerealien" - hier hätte ich hysterisch geschrien: "CEREALIEN! Kein Mensch ißt mehr Müsli, alle essen nur noch CEREALIEN!" - "damit die dummen Verbraucher für all diese Nahrungsersatzstoffe, die aus richtigen Lebensmitteln gefertigt wurden, ein Heidengeld ausgeben, was sie aber nicht merken, weil ihnen dieser ganze Müll, mit dem sie sich vermeintlich und zudem falsch formuliert 'gesund ernähren' ihnen zu solchen Angebotspreisen angepriesen werden, daß sie nur noch auf den Preis schauen können, statt auf das Preis-Genuß-Verhältnis.
Da kaufen sie dann Weizenextrudat und milchfreie Milchmischgetränke, Obstjoghurt ohne Fett, ohne Zucker, ohne Obst und ohne Geschmack und sehen nur den unschlagbar günstigen Preis beim Discounter ihres Vertrauens, fangen aber gleich an zu schreien, wenn die Brotpreise um 10 Cent steigen, als ob noch iregendeiner der Schreihälse überhaupt wüßte, was gutes, echtes Brot ist, weil man ja auch eigentlich kaum noch eines kaufen kann, weil die meisten Bäcker resignieren angesichts der steigenden Zahl von Back-Shops, die von den meisten Kunden nicht nur toleriert, sondern auch noch mit dem Ausdruck imitierter Lebensfreude frequentiert werden. 'Oh, hier spare ich ja bei meinem täglich Brot Geld ein, und so schlecht ist es ja auch nicht, wenn man sich erst mal an die Fadigkeit von fehlendem Geschmack gewöhnt hat, was leicht geht, wenn man einfach die Margarine dicker aufstreicht und den Käse und die Wurst, irgendwas davon wird schon einen Geschmack geben und wenn nicht, dann bin ich wenigstens billig satt geworden', denken die dummen Verbraucher dann und merken nicht, daß hinter den Backshops die wenigen Bäcker, die noch selbst backen, vor die Wahl gestellt werden, ob sie nur noch billige Backlinge verwenden oder unter stetigem Verlust der Lebensgrundlage weiterhin selbst backen, wobei die Wahl wahrscheinlich nicht schwer fällt angesichts von Verbrauchern, die den Unterschied zwischen echtem Brot und mit Zuckerculeur auf Genußfarbe getrimmtem Brotersatz nicht erkennen würden, wenn es in jede Brotscheibe eingebacken wäre.
Als Ausgleich dafür, daß ihnen dann der ganze Magen-Darm-Trakt aus Angst vor dem, was ihm da zugemutet wird, durch den Mund zu entfliehen versucht und sie sich deswegen aufgebläht fühlen ('Du siehst ja scheiße aus, gehts Dir nicht gut?' - 'Ach, naja, ich fühle mich doch so aufgebläht.') kaufen sie dann Joghurt, der mit aus Pilzwurzeln hergestelltem Xanthan angedickt ist und Darmbakterien enthält, Abführmittel, die die Aufnahme von Wasser aus dem Darm verhindern sollen und so 'effektiv gegen Verstopfung wirken' und eigentlich nur zu Dünnschiß führen, der die ganzen sorgsam per Pilz-Bakterien-Joghurt eingeführten Bakterien ganz rapido wieder ausführt, danach fühlen sie sich dan aber wieder quicklebendig, weil sie ihrem gemarterten Körper nun aber endlich mal was Gutes getan haben. Zur Belohnung inhalieren sie dann mal schnell eine Tüte Chips. 'Aber nur die guten mit jetzt 60% mehr Sonnenblumenöl, das hat nicht so viele gesättigte Fettsäuren', denken sie dann und glauben auch, die Chips-Firma hätte ihnen damit was Gutes tun wollen, dabei haben die nur mal eben geschaut, was eigentlich günstiger ist, deutsches im Rahmen der Kraftstoffersatzdiskussion vermehrt angebautes Sonnenblumenöl, das eh weg muß, bevor es ranzt, oder das sonst verwendete weltweit importierte Palmöl.
'Aber die ungesättigten Fettsäuren entschlacken doch', ruft mir der dumme Verbraucher entgegen. ENTSCHLACKEN! Das geht gar nicht, wir sind kein Bergwerk und keine Erzhütte, wir sind ein lebendiger Organismus und scheiden aufgenommene Giftstoffe, bei denen es sich größtenteils um Schwermetalle und Pestizide nicht aus, sondern lagern sie im Fettgewebe an. Die einzigen zwei Möglichkeiten, das wieder lsozuwerden, sind Fettabsaugung oder Stillen. Entschlacken ist nicht, das geht nicht, denn das gibts nicht im menschlichen Körper, was abgebaut werden kann, wird auch so abgebaut und was nicht abgebaut werden kann, das bleibt, bis wir an irgendwelchen Krankheiten sterben. Schätzungsweise Krebs, denn das ist das Einzige, was noch bleibt, wenn man alle anderen Krankheiten besiegt hat, irgendwann kann der Körper nur noch versagen, wie irgendwann auch die Konzentration nachläßt oder die Kontrolle über die Blasenfunktion. Und dann stirbt man ganz verwundert, weil man sich doch sein Leben lang so 'gesund ernährt' hat mit Wurst und Käse und Brötchen und Brot und Schokolade und Eis und Chips und Flips und Bier und Wein.
Und daß Wein so unglaublich 'gesund' sein soll, weil da ja all die ach so wirksamen Polyphenole drin sind, die im Tierversuch hochdosiert diesen und jenen Krebs verhindert hätten, ändert auch nichts daran, daß Alkohol ab der geringsten Menge ein Zellgift ist, das sämtliche Moleküle schädigt, mit denen es selbst oder durch eines seiner Abbauprodukte in Berührung kommt. Natürlich lebt man länger, wenn man glücklich mit seinem Leben ist und in der Sonne Frankreichs sitzt und dazu gelassen Wein trinkt und genußvoll ißt und ab und an mal Boule spielt." Und dann wäre ich erschöpft in meinen Stuhl zurückgesunken.
Ich bin ihm dann aber doch nicht im ersten Satz ins Wort gefallen, denn obwohl es mein Thema war, war es nicht mein Abend, sondern der des Weinhändlers.
Wenigstens den zweiten Satz wollte ich noch abwarten.
Das war es dann also.
Acht Prüfungen in acht Wochen, alle bestanden, Diplom-Ökotrophologe geworden. Soziale Fähigkeiten verloren, Leser vergrault, Wohnung im Chaos versunken, Pläne für die Zukunft absent.
Die Mutter fragt: Und jetzt? Keine Ahnung, sage ich. Aufräumen sage ich, Stellensuche, Urlaub. Eine Komilitonin hat anschließend ein Psychologie-Studium angefangen, als ich das erzähle, schweigt mir die Mutter ein Veto entgegen. Auch als ich es für mich ausschließe, findet sie es nicht lustig. Fast schlimmer als bei meinem Outing.
Glücklicherweise gibt es auch Leute, die sich für mich freuen. Der Freund zum Beispiel. Der feiert heute mit mir und mit Frau Wahl, die extra aus Nürnberg importiert wird. Später hat sich auch der Herr Scheibster angekündigt. Bei Interesse finden Sie mich ab halb zehn in der Havanna Bar in Bad Nauheim.
Eine ordentliche Feier soll auch noch sein, nur nicht jetzt, nicht gleich, ich muß mich erst sortieren.
sind goldene Tage, das sagt man doch so. Hier also nochmal die Termine, damit sich nicht alle wunddrücken:
30.07.2007: Angewandte Ernährungslehre schriftlich bestanden
01.08.2007: Angewandte Ernährungslehre mündlich bestanden
03.08.2007: Pathophysiologie schriftlich bestanden
13.08.2007: Betriebswirtschaftslehre des Großhaushalts mündlich bestanden
24.08.2007: Pathophysiologie mündlich bestanden
04.09.2007: Lebensmittellehre mündlich bestanden
18.09.2007: Biochemie mündlich bestanden
28.09.2007: Qualitätserzeugung und -bewertung bei pflanzlichen Lebensmitteln mündlich bestanden
Es wird einfach nicht spannender. Sie können an den Tagen dazwischen aber gerne die Daumen lösen.
In Kürze: Eine der Damen aus meinem Studiengang verzeiht mir ein vorschnelle Handlung, die ohne negative Konsequenzen geblieben ist, sondern sogar noch positive zeitigte, weil ich ebenso unabsichtlich etwas getan habe, wovon sie gehörig profitiert.
Ich hätte meinen Fehler wiedergutgemacht, schreibt sie in der SMS.
Damit ich mich jetzt nicht weiter aufrege, führe ich es mal nicht weiter aus.
Ach ja: Zwei von drei bisher abgehaltenen Prüfungen habe ich bestanden, das Ergebnis für die dritte kommt morgen. Dann nur noch fünf.
Rosenkuchen
~ ~ ~
Zuhause vergessen.
Man könnte glauben, ich hätte irgendwie Bohnen in den Ohren und Stroh im Kopf. Man kann mit mir sprechen und mich Dinge aufschreiben sehen, mein Gedächtnis ist aber noch weniger kontinent als sonst. Und im Allgemeinen beschreibt man mich eher als zerstreut.
Ich habe Termine ausgemacht, die ganze Woche schon mache ich quasi nichts anderes. Und jetzt stelle ich, als ich eine Rückmeldung geben will, fest, daß ich von den falschen Vorraussetzungen ausgegangen bin. Wenn mein Rücken nicht gerade wieder schmerzen würde, ich bisse mir in den Hintern. Kräftig.
So kann ich gerade mal kratzen. Meinem Gedächtnis hilft das aber auch nicht auf die Sprünge.
Mein grenzdebiler Professor für seltsame Sachen und Zusammenhänge, die ich nicht verstehe, aber wiedergeben muß, hat meine Handynummer! Ich kann ihm nicht entkommen! Er hat soeben sogar angerufen!
Sonst wüßte ich es ja auch nicht.
Tolles Mittel bei abklingender Pharyngitis bei gleichzeitig nicht vorhandener Walnußallergie: Walnußpesto mit Spaghetti. Schmirgelt auf sanfte Weise den bakteriellen Belag aus dem Hals und gibt den Schleimhäuten die Gelegenheit zur Erholung.
Alle gratulieren mir zu der 1,7. Das finde ich sehr schön und eigentlich freue ich mich darüber, daß andere meine Note gut finden mehr, als ich mich selbst über die Note freue.
Da ist doch ein Denkfehler drin. Obwohl ich immer behaupte, mir sei die Meinung anderer eher unwichtig, bin ich doch in meiner Freude abhängig davon, wie andere meine Note finden. Das ist doch dämlich.
Und ärgerlich, da ich damit mal wieder bewiesen habe, daß ich in meiner Selbstwahrnehmung und meinem Selbstbewußtsein immer noch nicht autark bin. Da denkt man, man hätte nach 26 Jahren mal endlich raus, wie das geht und doch schaut man immer noch auf die Blicke der Anderen.
Und meidet sie gleichzeitig.