Ein Wolf für alle Felle | PETA und Herr Wolf
Kein Märchen
Keine Zusammenfassung, ein Tod ist ein Tod ist ein Tod. Es gibt anderes, das wichtiger ist, anderes, das keinen Aufschub duldet, wie das Leben keine Aufschübe gibt, es passiert und passiert und wenn man nicht aufpaßt, ist es passiert und vorbei.
Und eigentlich ist es doch das selbe. Jeder Abschied ist ein Abschied und reiht sich in die Abschiede, die man schon hinter sich hat, als einer von vielen, die waren und die noch kommen werden. Jeder Tag, den man weint, ist ein vergangener Tag, aber das ist auch jeder Tag, den man lacht, also kommt es nicht darauf an,
welche Emotion man hat, so lange man eine hat, solange der Tag nicht einfach nur mit sich selbst vergeht, denn das hieße ihn verlieren.
Und Verluste bekommen uns nicht. Darum wehren wir uns dagegen, gegen Verluste und Abschiede, Trennungen und Tode. Und darum wehren wir uns manchmal auch dagegen, zu sehen, was leicht zu sehen wäre, machte man nur einmal die Augen auf und sähe, was da wäre und nicht, was man zu sehen immer nur hoffte.
Denn Hoffen belügt. Die Hoffnung kann hilfreich sein, um Schmerz zu lindern, aber die Linderung ist Lüge. Sie verschiebt nur, was zu erkennen wäre, in eine Ferne, die nicht fern genug ist. Sie schiebt auf, was keinen Aufschub duldet, türmt hohe Berge auf, die drohend über uns stehen und ihrer Bezwingung warten. In unserer Hoffnung glauben wir nicht an die Berge, wir sehen sie nicht, sie sind nicht da, wie kleine Kinder sind wir da, die wissen, daß das, was sie nicht sehen, nicht existiert.
Der Schnee fällt und nichts außer ihm bewegt sich noch in der Welt. Die Menschen sind aus ihren stehengebliebenen Autos gestiegen und starren ungläubig in den Himmel, der auch im April noch Schnee fallen läßt auf die Wunden und Risse auf und zwischen den Menschen, der wieder gleichmacht, was nicht gleich ist, der Frieden sichtbar macht, wo keiner scheint.
Der Schnee fällt und deckt die Welt zu mit seinem Tuch aus Weiß, das in anderen Ländern die Farbe der Trauer ist.
Und ich stehe am Fenster der Wohnung und blicke hinaus und weiß nicht, in welches Land ich gehöre.
Die Menschen, die wir lieben, und die Zeiten, derer wir uns erinnern wollen, gehen vorbei, unaufhaltsam, unwiederbringlich. Wir sehen ihnen hinterher und erkennen sie oft erst, wenn es zu spät ist.
Worte bringen nichts zurück.
Ich wünsche mir, das Gewitter, das über das Haus am Ende der Straße am Waldrand hinwegzog, hätte seinen hellsten Blitz und seinen lautesten Donner im gleichen Moment gezeigt, als sie ihre Augen ein letztes Mal und für immer schloß.
Doch das Leben hält sowas nicht bereit, das Leben ist nicht für die Exzeption, es hebt von sich aus niemanden aus der Menge heraus. Die Blitze sahen wir und den Donner hörten wir von ferne, doch als das Gewitter bei uns war, war nicht mehr übrig als ein sanfter Regen, der die Reste der Spannung aus den Wipfeln der Bäume und von der trockenen Erde wusch.
Es bleibt uns überlassen, ihr Sterben wie ihr Leben als etwas Besonderes zu sehen. Ihr Leben als ein Geschenk an uns, ihren Tod als den großen Verlust, der er tatsächlich war. Es bleibt uns überlassen, uns an Blitz und Donner zu erinnern, selbst wenn nur der Regen zu spüren ist.
Am Nachmittag noch haben wir Bilder angesehen. Ohne es zuzugeben warteten wir auf den Anruf, auf das Ende des Wartens, auf das Ende ihres Leids, wie wir es immer nannten, ohne zu sagen, was wir dachten: daß es auch ein Zeichen dafür sei, daß der Wunsch, ein zweites Mal an diesem Tag zu ihr zu fahren, nun obsolet sei, zu spät.
Wir betrachteten die Bilder, bis die Erinnerungen an die Gelegenheiten, da diese Bilder entstanden, wiederkehrten. Familienfeiern, Urlaube, weihnachtliches Singen. Hochzeitstage, Lebkuchenhausbasteleien, Konfirmationen, Hochzeiten, Osterbrunnenbilder, Küchentage beim Entsteinen von Kirschen, Balkontage beim Geraniensetzen und Geschichtenerzählen, Gartentage beim Rosenschneiden und Unkrautjäten. Spaziergänge im Hain, ein Nachmittag im Freibad, ein Abend im Kino, Tage im Haus ihrer Kindheit. Und über allem die Erinnerung an Geschichten, Gelächter.
All das rauscht an mir vorbei, während ich ein erst wenige Stunden altes Bild vor Augen habe, zu dem keine der Erinnerungen passen mag: eine kleine alte Frau, das dicke weiße Haar umstränt verwirrt ein von tiefen Gräben durchzogenes Gesicht, eingefallen und leer auf einem weißen Kissen. Sie hat ein Nachthemd meiner Großmutter an, sie schläft, sie versucht zu schlafen, sie versucht trotz ihrer rasselnden Lungen zu atmen, ihr Mund steht offen, ihre Lippen sind aufgesprungen. Ich kenne sie nicht und doch nehme ich ihre Hand und sie schlägt die Augen auf, sieht mich, vielleicht, das kann ich nicht sagen, erkennt sie mich. Ich will sprechen und weiß nicht was, doch dann spreche ich irgendwas, obwohl ich weiß, daß sie es nicht hört, weil sie meine Stimme seit Jahren schon nicht mehr gehört hat, zu tief, zu dunkel, zu fern. Ich spreche, doch sage ich nichts. Halte ihre Hand, bis sie die Augen wieder schließt. Atmen und schauen gleichzeitig ist zu anstrengend.
Auch ich schließe die Augen.
Wir sind gegangen, als sie noch lebte. Wir haben ihr versprochen, wir kämen zurück, nicht heute, aber morgen. Ich sagte, sie solle schlafen, sagte nicht, sie solle loslassen, solange wir noch hier seien, ich sagte nur, sie solle schlafen. Ich wollte nicht ihren Tod betrachten.
Ich hatte Angst davor, sie sterben zu sehen, hatte diese Angst schon all die Jahre gehabt, doch hatte ich nie gesehen, wie sie schon über Jahre hinweg langsam, schleichend starb.
Damals, als ihr Mann starb, sagte sie, sie sei die nächste, sie stürbe als nächstes. Und obwohl zwischen seinem und ihrem Tod fast acht Jahre liegen, hatte sie doch recht, sie war die nächste, sie starb einen stillen, unauffälligen Tod, der ihr immer mehr von dem nahm, was ich kannte, bis sie nur noch eine leere Hülle in Gestalt einer alten Frau war, die nichts mehr mit der Großmutter gemein hatte, die ich liebte.
Als der Anruf kam, haben wir nicht geweint.
In meiner Familie weinen wir nicht, wir können uns auf den Tod vorbereiten wie auf eine Reise. Keiner der unseren stibt plötzlich. Es ist immer eine Erleichterung am Ende einer schweren Krankheit, wir behaupten, es beende das Leid des Sterbenden, doch verschweigen, daß es auch unser Leid des Mitleidens beendet.
Als der Anruf kam, bereiteten wir die Beerdigung vor, noch am gleichen Abend, wenige Stunden nach ihrem Tod am Dienstag war alles für Freitag geregelt: die Einbalsamierung, der Gottesdienst, die Aussegnung, der Leichenschmaus, die Todesanzeige und die Gedenkbilder. Als hätten wir schon viel zu oft dafür geübt.
Nach der Beerdigung bin ich froh, daß der Freund meiner Schwester mitgekommen ist. Indem ich mich auf sein leeres Geplauder konzentriere, kann mich nicht der Gedanke quälen, den ich in mir trage, seit wir ihren im Sarg liegenden Körper betrachtet haben.
Sie war so klein, so zart, so zerbrechlich, es schien, als sei nicht nur aller Atem, sondern auch alle Stärke aus ihr gewichen. All das, was uns menschlich und lebendig macht, war fort, zurück blieb nur eine dünne wächserne Hülle, eingeschlagen in weiße Seide, den Kopf gebettet auf ein weißes Kissen, um die gelblichen Finger einen Rosenkranz gewunden.
Ich habe sie verraten, als ich ging, denke ich seither. Ich wußte, als ich ging am Dienstag, ich würde sie nicht lebend wiedersehen, hätte es doch wissen müssen. Ihr Blick, von dem ich gerne behaupte, er habe mich nicht erkannt, hat mich gesehen, hat durch Schmerzen und Kurzsichtigkeit hindurch darum gefleht, wir mögen sie nicht alleine lassen. Ich habe sie alleine gelassen, weil ich Angst hatte vor dem Menschlichen, vor dem Tod. Ich habe ihr den einzigen Liebesdienst verweigert, den ich ihr noch hätte erweisen können, denke ich seither.
Der Freund meiner Schwester erzählt von seinen Hunden, die bedingungslos lieben, ohne etwas zu erwarten, die treu sind, ohne Angst zu haben vor Verletzung oder Einsamkeit. Er erzählt von seinen Hunden, und so schlecht unsere Beziehung zueinander ist, an diesem einen Tag bin ich froh, daß er da ist.
Als ich am Samstag morgen mit Brötchen und Hefezopf in der Hand meine Haustür aufschließen will, rieche ich den Duft frischgebrühten Filterkaffees. Er ist anders als sonst, anders als andere Kaffeemaschinen und Kaffeesorten ihn machen, er ist wie damals, als ich mit meinen Großeltern zum Campen gefahren bin. Meine Großeltern hatten einen winzigen Wohnwagen, in den wir zu dritt gerade hineingepaßt haben, und morgens ging ich mit meinem Großvater Brötchen holen, während meine Großmutter den Tisch deckte. Und wenn wir dann zurückkamen, roch es nach dem frischgebrühten Kaffee ihrer Wohnwagenkaffeemaschine, die so einzigartig war.
Einen Moment bleibe ich starr vor der Tür stehen, unfähig zu einer Bewegung, dann muß ich schnell aufschließen, durch die Tür gehen und sie hinter mir schließen.
Mit klopfendem Herzen und geschlossenen Augen stehe ich im Halbdunkel des Treppenhauses. Wenige Momente länger und ich hätte weinen müssen beim Geruch des Kaffees eines Samstagmorgens.
Die Erinnerungen sind der einzige Trost, der bleibt, das Wissen, daß wir immer geliebt wurden, auch wenn wir nicht alle Hoffnungen und Erwartungen erfüllten. Wir erkennen dies oft zu spät, wenn die Menschen wie die Zeiten verweht und vergangen sind, so daß uns nicht mehr bleibt als die Erinnerung an die Liebe, die uns mit anderen Menschen verband.
Wir sehen ihr hinterher und erkennen sie oft erst, wenn es zu spät ist. Und Worte bringen nichts zurück.
Sie erbricht sich mehrmals täglich, dabei ißt sie kaum. Sie geben ihr intravenös Kochsalzlösung, ab und zu einen Löffel Pudding. Sie will wohl nicht mehr.
Schmerzen hat sie nicht, sie schüttelt den Kopf, wenn man sie fragt.
Sie geben ihr Vomex, gegen das Erbrechen und zum Schlafen. Aber sie schläft nicht. Döst. Schaut. Niest und erbricht. Sie niest, bevor sie sich übergibt. Vielleicht hat die Zerstörung des Gehirns eine Zusammenlegung von Nies- und Würgereflex bewirkt.
Sie sieht schlecht aus, was kein Wunder ist. Sie erbricht mehrfach täglich, in ihrem Erbrochenen kleine schwarze Punkte. Die Krankenschwester habe sich gewundert. Ob man ihr Mohn gegeben habe? Wir glauben, es handelt sich um Blut. Kleine Gerinnsel. Vielleicht daher das Erbrechen. Wir wissen es nicht.
Müssen wir uns Vorwürfe machen, daß wir nichts tun, sie am Gehen zu hindern?
Irgendwann später wird das Warten zu Ende sein. Irgendwann später wird mich der Anruf erreichen, daß sie endlich gegangen ist. Irgendwann später werde ich trauern können. Irgendwann später werde ich mich vielleicht auch für sie freuen, daß sie endlich frei ist.
Irgendwann später werde ich vielleicht auch die Worte wieder finden, das zu sagen, was ich sagen will. Nur momentan nicht. Ich bin leer.
Diese Geschichte fiel mir wieder ein. Die Worte, die beschrieben, wie sehr er ihr wehgetan hat, wie oft sie unter ihm gelitten hat, wie groß ihr innerer Schmerz manchmal war. Diese Geschichte fiel mir wieder ein. Die Sätze, die ihre Verlorenheit erreichen wollten, ihre innere Starre beschreiben sollten, die versuchten, meinen eigenen Schmerz angesichts des ihren zu fassen und zu verstehen. Diese Geschichte und
die andere, die nicht von der Gnade des Vergessens für die, die in ihrem eigenen Schatten dahindämmern, erzählte, sondern von der Erinnerung und dem Wind, der die Zeit wie vertrocknete Blätter durch die Geschichte weht. Geschichte, die ich nur aus Erzählungen meiner Großeltern kenne.
Ich vermisse, was nicht fort ist, mir fehlt, was nicht verloren ist. Meine Großmutter geht und ich weiß, daß sie schon lange fort ist. Nur noch ein Schatten ihrer selbst sitzt im Stuhl und sieht mich verständnislos an, vielleicht ebenso irritiert, wie ich sie ansehe, wenn ich versuche, die großzügige und liebenswerte Frau in ihr zu entdecken, die in der Vergangenheit meine Großmutter war.
Als ihr Mann vor nun acht Jahren starb, hat sie gesagt, sie sei die nächste, sie sterbe als nächstes. Und seither sind andere gestorben, meine andere Großmutter, meine Großtante, mein Patenonkel, ein Neffe meiner Großmutter, ein Cousin meines Vaters. So viele tot und sie die einzige, die sterben wollte.
Letzte Woche haben wir überlegt, ob wir zulassen sollen, daß sie verhungert oder daß ihr eine Magensonde gelegt wird, damit sie in ihrer inneren Isolation mit Nahrung versorgt werden kann. Letzte Woche haben wir noch überlegt, ob es gut für sie ist, ob sie sich wünschen würde,
so weiterzuleben, ob
das überhaupt Leben sei.
Vorgestern dann ist sie ins Krankenhaus gekommen, Verdacht auf verschiedene Tumoren, mal einer der Lunge, mal einer des Magens. Nach einer Magenspiegelung und mehren Ultraschalluntersuchungen ist klar, daß es beides nicht ist. Sie hat vielleicht einen Tumor, vielleicht einen Gallenstau. Im Krankenhaus weiß man nicht weiter, wir können nur mutmaßen. Sie sehe nicht krank aus, sagt meine Mutter, sie sei in sich verloren wie eh und je seit fünf Jahren, spreche nichts, esse und trinke wenig und wolle, so schien es, am liebsten in Ruhe gelassen werden.
Immer noch wissen wir nicht, was zu tun sei. Wir wollen sie gehen lassen, doch ich befürchte, sie ist so sehr abgeschirmt von der Welt, daß sie den Weg nicht findet.
Ich befürchte, sie muß weiterleben, leben im Schatten ihrer Erinnerung, leben als ihr eigener Schatten.
Erfreut schien der Professor nicht zu sein, unsere letzte Begegnung war ja noch nicht so lange her. Irgendwann seither hatte er mir schreiben wollen. Hat er vergessen, ich tat so, als hätte ich das auch, wir sprachen über verschiedene Dinge, und letztlich auch über das eine Thema: Vorkommen und Charakterisierung von antioxidativ wirksamen Nahrungsbestandteilen. Arbeitstitel. Das wird es nun wohl werden.
Ob ich denn noch Veranstaltungen habe. Ob ich mir bewußt sei, daß alles seine Zeit brauche. Ob ich wüßte, daß andere aus meinem Semester schon fertig seien. Er holte eine Liste. Eine böse Liste. Frau M. sei fertig, Frau K. sei fertig, Frau H. auch. (die H. auch, die dumme, infantile und vor allem inkompetente Kuh, die allen, die einen hatten, auf den Sack ging?) Ach nein, die doch nicht.
Und dann fragte er nach der Kommilitonin S., die damals während eines Seminars ausgefallen ist. Wie hieß sie noch gleich? sagte er, dachte ich mir. Was er nicht wußte: Kommilitonin S., ihr Name fiel mir erst heute wieder ein, hatte einen Gehirntumor, mehrere Operationen und Chemotherapien, ein Jahr Aufwind und dann zwei Todesfälle, ihren eigenen und den ihres Vaters. Nur Kommilitonin H. war bei der Beerdigung, sie hat es uns anderen erst später gesagt, Monate später.
Die letzte Begegnung mit S. war schön. Erinnere ich mich heute. Wir waren im Rheingau, bei einer Weinvorlesung, inklusive ausgiebiger Weinprobe. Zu viert sind wir im Zug hingefahren und wieder zurück, mit den halbvollen Weinflaschen bewaffnet. Am Ende der Fahrt waren die Weinflaschen leer und wir voll. Wir haben so sehr gelacht, es war Sommer, warm, schön. Zwei Wochen später, mitten im Lernstreß für das Vordiplom, erfuhren wir von ihrem Ausfall, dann von ihrem Tumor. Eineinhalb Jahre später war sie tot.
Wie hieß sie? fragt der Professor. Und ich weiß erst nicht, wen er meint, und als ich es weiß, ist es mir peinlich, sagen zu müssen, daß ich es vergessen habe.
In der Einführungswoche des ersten Semesters sagte unsere Betreuerin: Schaut euch an, wer neben euch sitzt und versucht es euch zu merken, denn jeder zweite schafft es nicht bis zum Vordiplom.
Neben mir saß die Kommilitonin S.
Er hat sie damals zum Weinen gebracht durch seine Bevormundung. An einem Tag, der nur ihr gehören sollte. Und jetzt ist er einfach nur tot. Tot und verschwunden.
Erkaltete Herzen. Stumme Wände, übertünchte, überstrichene Wahrheiten und Lügen. "Wir haben damals Zeitung von 1930 von den Wänden geholt."
Wie kann einer dieser Menschen auch nur halbwegs glücklich sein, wenn sie doch alle alt und krank werden. Im Vergessen liegt eine Macht, die man nie unterschätzen darf. Und immer wieder frage ich mich, wie ich so viel vergessen konnte, was Andere aus meiner Umgebung noch wissen, als wäre es gestern passiert. Was nimmt in meinem Leben den Platz ihrer Erinnerungen ein? Habe ich nur die Bilder, die Situationen ohne Ton, ohne Worte? Fange ich nur Stimmungen, unfähig, mich in ihnen auszudrücken?
Was ich schreibe, ist meine Erinnerung, was ich festhalte, kann ich guten Gewissens vergessen. Ich kenne keine meiner Wahrheiten so gut wie meine Lügen, doch die besten meiner Lügen verstehe ich nicht; wie Axiome meines Lebens. Summen im Parkett, keine Ruhe auf den billigen Plätzen, einzig die Stimmen der Menschen um mich gerum. Gespräche über das Leben, und ich allein in dieser wuselnden Menge, schweigend und auch ein wenig erinnernd. Vor allem daran erinnere ich mich: er hat sie damals zum Weinen gebracht.
"Du hörst dich an wie ein Greis" sagt mir meine halbsenile Großmutter, nur um wenige Minuten danach von ihrem verstorbenen Mann zu reden, von dem sie schon Monate, beinahe Jahre nicht mehr sprach. "Er fehlt mir dann doch schon sehr."
Und dann muß ich daran denken, wie sehr ich um meinen Großvater getrauert habe, und wie wenig ich sie habe trauern sehen. Das vergessen ist gnädig, eine Freude für die, die in ihren Schatten darben.
"Du klingst wie ein Greis." - "Du bist immer so vernünftig." - "Du bist so rational." Bin ich denn auf dieser großen weiten Welt der einzige Mensch, der bei seinen Handlungen zu beachten versucht, was Andere denken? Bin ich der Einzige, der Rücksicht nimmt? Bin ich der Einzige, der zugunsten dessen, was am besten für alle wäre, seine eigenen Wünsche auch schon mal zurückstellt? Ich werde doch nicht am Ende auch wieder Altruist werden? Projektvorschlag: endlich unvernünftig sein! Endlich nicht mehr Rücksicht nehmen! Endlich Wunschgewicht! Ach nee, das war was Anderes.
In den Tagen, als meine Großeltern mir noch von früher erzählen konnten (er, weil er noch körperlich, sie, weil sie noch geistig bei uns war), da erzählten sie mir auch oft von jenen Sonntagen, an denen 'der Müller von gegenüber' seine Familie spazieren zu führen pflegte. Ihr Ton war dabei irgendwo zwischen spottend und beißend, bei meinem Großvater weniger voller Humor als bei meiner Großmutter.
'Der Müller' ging vorne, hoch erhobenen Hauptes, im besten Sonntagsornat, mit Hut und Stock bewehrt, 'die Müllerin', eine schöne Frau soll sie gewesen sein, mußte Abstand halten, einen oder zwei Schritte, weit genug weg, um nicht an seiner Autorität zu kratzen, nah genug dran, um auf einen Befehl ihres Angetrauten hin zu springen. Sie selbst mußte, wenn er sein Augenmerk aus Versehen auf sie richtete, den Kopf gesenkt halten und ihn eilfertig und unterwürfig anblicken; nicht auszudenken, sie würde anderen Menschen, anderen Männern gar, offen ins Gesicht blicken.
Müller und Müllerin hatten zwei Kinder, die trotz verschiedenen Geschlechts nebeneinander gehen durften, erstaunlich zwar, aber doch verständlich, immerhin nahmen sie durch ihre Positionierung hinter der Müllerin im Sonntagsstaat nur einen Platz in der Peripherie der männlich-müllerschen Wahrnehmung ein.
So erzählten meine Großeltern damals, als sie beide noch erzählen konnten. Der Müller ist mitterlerweile verstorben, wie beim Sonntagsspaziergang ist er den anderen vorweg gegangen, die Müllerin wohnt bei Sohn und Schwiegertochter in einer anderen Stadt, die Müllerstochter ist Lehrerin geworden, in der elterlichen Wohnung geblieben und hat sich gut mit meiner Großmutter verstanden.
Und heute blicke ich aus dem Fenster und sehe durch den Sonnenschein gehen: ein mir unbekanntes Ehepaar, sie, silberergraut das Haar, zielstrebig und hocherhobenen Hauptes voran, er, schütteres Haar und leidender Blick, ein bis zwei Schritte dahinter.