Lebenlernen
Diagnose: Zufall. Vielleicht auch Schicksal, das Lateinische ist da nicht so genau. Das Leben wahrscheinlich auch nicht.
Es ist, wie so oft bisher, als wanderte ich über einen verlassenen Vergnügungspark. Alle Fahrgeschäfte sind wimterfest eingepackt, der Herbst liegt schon überall rum und macht die Wege bunt und glitschig, einzelne Vögel, Elstern oder Raben oder Krähen krächzen sich von den leeren Ästen aus zu. Außer mir ist keiner da, noch nicht mal eine auf dem Boden liegende Tüte mit gebrannten Mandeln verrät, daß irgendwann mal ein Mensch da war.
Und dann rauscht es plötzlich heran, ich merke noch nicht so recht, was geschieht, aber plötzlich lachen und jubeln sich Stimmen in mein Ohr und mein Bewußtsein und plötzlich umströmen mich wieder Menschen und der Herbst zieht sich noch ein letztes Mal zurück. Die Bäume ziehen sich wieder an, die Blätter ergrünen wieder, die Schatten werden kürzer und die Sonne wieder heller und dann stehe ich nicht mehr still, sondern lasse mich erst noch mitziehen von den Menschen, die wie Wellen an mich rollten, bis sie mich lösten. Dann laufe ich aus eigener Kraft, aus eigenem Willen und plötzlich stehen wir am Eingang der Achterbahn und dann bin ich auch schon dran und ich gebe das Ticket ab, das ich wohl die ganze Zeit schon in der Hand hatte. Und dann sitzen die ganzen glucksenden und lachenden Menschen um mich herum in den Achterbahnwagen und dann geht die Fahrt schon los.
Ich kann mich gerade noch festhalten, da geht es schon in die erste Kurve und den ersten Berg hinauf, ratatatatatat zieht uns die Mechanik die letzten Meter auf den Gipfel, eine Wahnsinnsaussicht, von unten sieht man gar nicht, daß man so hoch sein würde, fast könnte man, denkt man die Wolken berühren. Und dann, im letzten Augenblick, bevor der Wagen wie ein Stein nach unten fällt, erhasche ich aus dem Augenwinkel weitere Gipfel, die die Bahn noch erklimmen wird, und das Gefühl zu fallen mischt sich mit dem Gefühl zu fliegen, das Adrenalin füllt alle Zellen, mein Gehirn kommt nicht mehr mit, muß es aber auch nicht, die Endorphine knocken es aus, und dann schreie auch endlich diesen befreienden Schrei zwischen Angst vor dem was kommt und der Freude auf das, was kommt.
Das letzte Jahr habe ich wie in Quarantaine verbracht, ich habe mich hier in mir selbst verschlossen und habe gewartet, auf ein Zeichen, auf die Zukunft vielleicht und ganz sicher auf die ganz große Inspiration. Ich habe gewartet und vergessen, daß ich die ganze Zeit nur weiter wollen hätte müssen.
Als der Anruf kam, war ich gerade auf dem Weg fort. Ich hatte beschlossen, daß es so nicht weitergehen kann, daß ich mich nicht mehr verstecken kann. Ob ich Zeit für ein Gespräch hätte, werde ich gefragt. Am anderen Ende spricht eine ehemalige Praktikumsstelle. Man wolle mich haben für Anfang November. Ob ich interessiert sei daran, werde ich gefragt, und in diesem Moment wird mir klar, daß ich auf genau diese Stelle gewartet habe, auf diesen Anruf vielleicht. Natürlich sage ich zu, und in etwas mehr als einer Woche bin ich da, wo ich vor einem Jahr schon sein wollte, obwohl ich damals noch nicht bereit war.
Die Achterbahn legt sich in eine weitere Kurve, das Lachen hat sich in mein Gesicht gegraben, der Fahrtwind läßt es nicht mehr entfliehen. Neben mir, vor mir und hinter mir, überall sind johlende Menschen. Ich bin nicht mehr allein, die Welt hat mich wieder wie durch einen Zufall, vielleicht wie Schicksal.
Im Rahmen unserer interindividuellen Unterschiedlichkeit und Unterscheidbarkeit besitzen wir alle nicht nur verschiedene Ansätze zum Glück und Lebenssinn, sondern auch einen verschiedenen Ansatz zur Nahrung.
Muffins zum Beispiel.
Die Oma des Freundes sagt zu Muffins immer Maffis, alle Versuche, sie davon zu überzeugen, daß es anders ausgesprochen wird, scheitert daran, daß man es ihr entgegenbrüllen muß, damit sie es überhaupt versteht. Daß sie dann phonetische Einzelheiten überhört, ist nicht verwunderlich.
Auch in anderen Gebieten läßt sich interindividuelle Ansatzverschiedenheit zeigen, aber nirgends so leicht wie beim Essen. Essen ist ein beliebtes Feld, denn hier hat jeder Meinungen, jeder hat Vorlieben, jeder hat Allgemeinwissen. Also allgemeines Wissen. Wissen, das so allgemein ist, daß es schon keines mehr ist. Daß man essen müsse, um glücklich zu sein, daß zuviel Essen aber unglücklich mache, daß manches Essen besser glücklich mache als anderes. Daß einiges Essen gesünder sei als anderes.
Meine Familie zum Beispiel.
Ich werde nicht müde zu sagen, daß Lebensmittel weder gesund sind noch ungesund, sondern tot. Mit Gesundheit ist da nix mehr. Obwohl ich mir aber drei Tage lang den Mund fusselig rede, ist bei meinem nächsten Besuch alles wieder beim Alten und bestimmte Lebensmittel gesünder als andere.
Brokkoli zum Beispiel.
Brokkoli ist gut.
Brokkoli bietet mir aber auch die Möglichkeit, auf den Schock hinzuweisen, den ich erlitten habe, als mein Vater aus einer Frühstückslaune heraus beiläufig fallen ließ, daß er sich meines Bloggereiumtriebs gewahr sei. Mein Schock fußte auf der Annahme, wir hätten eine stillschweigende Vereinbarung: Ich schreibe nicht über meine Familie, wie er es mir gegenüber einmal erbeten hat, über Familieninterna. Im Gegenzug teilt er mir nicht mit, wenn er auf seiner Suche nach Internetabsonderlichkeiten über mich stolpert.
Das Stillschweigen gab es dann nur noch auf meiner Seite, denn kaum war die Information übermittelt, schwieg ich stille und verkroch mich, um nicht vor Wut überzuschäumen, in den zerfledderten Rest der Zeitung. Andererseits habe ich ja jetzt auch keinen Grund mehr, mich familiär zurückzuhalten, weil die Vereinbarung ja nicht bestand.
Was das mit Brokkoli zu tun habe? Gute und richtige, weil wichtige Frage. Mein Vater schlug vor, ich solle doch über Eß-Erlebnisse schreiben und beispielsweise darüber, was vom Brokkoli übrig bleibe. Daß das kein Bestseller werde wie "Was vom Tage übrig blieb" sei klar, aber ein Zehnzeiler in Blogform unter einem Brokkolibild sei ja wohl drin. Darum nun also zehn Zeilen über Brokkoli.
Brokkoli besteht zu 90% aus Wasser, außen ist er grün bis Violett als Folge von Polyphenolen und Carotinoiden. Innen ist Brokkoli hellgrün bis weiß, weil farbstofffrei. Die Farbstoffe dienen dem Schutz vor Licht, da im Brokkoli aber kein Licht ist, braucht es da auch keine Farbstoffe. Dämpfen oder Dünsten erhält Farbe und Geschmack besser als Zerkochen zu braunem Mus. Beim Verzehr wird das Wenige, was nicht Wasser ist, in Zucker, Aminosäuren und Fettsäuren zerlegt und mit Mineralstoffen, Vitaminen und Farbstoffen über die Darmschleimhaut aufgenommen. Was dem Körper nicht wertvoll erscheint, wird entwässert und von Darmbakterien weiter zerkleinert, bis am Ende nur noch Kot und Blähungen übrig bleiben.
Was den Krebsschutz angeht: Die Wissenschaftlichkeit ist noch zu keinem abschließenden Urteil gekommen. Die Wirkung von Nährstoffen nachzuweisen, die in einem halben Pfund Brokkoli nur im Mikrogrammbereich vorkommen, fällt nicht immer leicht.
Leichter fällt es dagegen, zu verallgemeinern und von Halbkenntnissen auszugehen. Das erleichtert durchaus das tägliche oberflächliche Gespräch mit Lieselotte Meirhuber, der Nachbarin von irgendwem, die neulich in der Apothekenrundschau gelesen hat, Brokkoli entschlacke so schön. Ansonsten ist Ernährungswissen überwiegend weniger allgemeiner, weil nur für Fachkreise wirklich interessanter Natur. Muß man sich eben andere Themen suchen, denn Brokkoli führt ja, wie gezeigt, nur zu Blähungen.
Arbeitssuche zum Beispiel.
Obwohl man innerfamiliär schon lange darum gebeten hat, sich doch da bitte rauszuhalten, weil es dem Suchenden nichts nützt, wenn er immer wieder erklären muß, warum das da, nein danke, nichts für ihn sei, nicht sein Fachgebiet, nicht seine Qualifikation, nicht seine Motivationsrichtung, wird dem Wunsch nach Autonomie in dieser Entscheidung nicht nachgekommen, sondern immer wieder mit gutgemeinten Rat- und Vorschlägen Stock und Stein vor die Füße geworfen, statt sich um die Erledigung eigener Aufgaben zu kümmern.
Man sieht dem Brokkoli von außen nicht an, daß er innen nicht grün ist. Bei Menschen ist das nicht anders. Man weiß nicht, wie andere Menschen ihre Leben gestalten wollen, man maßt sich immer wieder an, Omas davon überzeugen zu wollen, daß Maffis nicht Maffis, sondern Muffins heißen. Wie arrogant man doch manchmal ist, indem man annimmt, die eigene Weltsicht sei die einzig richtige.
Finn also. Wir haben uns kennengelernt im Chat. Damals, als das Internet noch keine reine Selbstentblößungsmaschine war, lernte man Menschen in Chats kennen und wurde dafür im realen Leben belächelt. Heute ist der Übergang zwischen realem und virtuellem Leben fließend, keine Online-Freunde zu haben, ist Web 1.0.
(Nein. Wir haben uns kennengelernt auf dieser Party. Vorher kannten wir uns nicht und später nicht. Wir hatten diesen einen Abend, der anders war als alles vorher und nachher.)
Finn war, als wir das erste Mal miteinander chatteten, in dem Alter, in dem ich jetzt bin. Schwierige Kindheit, frühes Coming-Out, Ablehnung durch die Eltern, geschlossene psychiatrische Betreuung. Ein Scheißstart für ein Leben.
Finn hatte, als wir das erste Mal und auch das letzte Mal miteinander chatteten, es lagen Jahre dazwischen, einen Partner, der nicht seine große Liebe war. Seine große Liebe hatte er für einen Anderen verlassen, eine Affaire, wie er es nannte, vielleicht nur ein One-Night-Stand, eine emotionale Verwirrung. Danach gab es kein Zurück. Es gibt nie ein Zurück, wenn der Abgrund erst entdeckt ist.
Finn. Du bist ein Gefühl. Wir lernten unsere Schwächen kennen und nicht unsere Stärken. Wir sprachen über das Leben und über die Liebe, über uns und über die Menschen, die uns nahestehen. Die Menschen dazwischen. Die Leben, die wir nicht lebten. Wir lebten beide nicht das Leben, das wir damals hätten leben wollen.
Du kanntest mich und doch nicht. Du sagtest einmal, ich könnte einem Menschen das Gefühl geben, mich zu kennen, und doch ein völlig Anderer sein. Du erkanntest vor mir meine Lügen.
Finn war mir Mentor und großer Bruder, erste Liebe und Ratgeber. Finn war, auch wenn wir uns nie gesehen hatte, der Mann meiner Träume.
Als wir uns trafen auf dieser Party, die ein gemeinsamer Bekannter gab, war alles vergessen und doch alles wie immer. Ich weiß nicht mehr, wer da war außer Finn. Ich weiß nicht, ob wir nicht alleine waren. Der Abend gehörte uns, wir sprachen und lachten und sahen uns an und wußten: Das ist das erste Mal richtig.
Wir hätten die Nacht zusammen verbringen können. Wir hätten sie zusammen verbringen sollen. Es wäre richtig gewesen.
Wir haben uns nicht einmal geküßt.
Als wir danach sprachen, war es, als hätte es den Abend nie gegeben. Als hätte es uns nie gegeben.
Die Themen wechselten. Wir sprachen über unsere Stärken, nicht über unsere Schwächen. Wir sprachen über Leben, die wir führen wollten, Lieben, die wir haben wollten, über die Menschen, die wir verloren hatten.
In unserem vorletzten Telefonat warnte mich Finn vor den Mauern. Sie würden mich erdrücken, wenn sie einstürzten. Er hätte in seinem Leben so viele Mauern gebaut, so viele Menschen dadurch verloren und beinahe sich selbst. Ich solle nicht zulassen, daß mich Mauern von Anderen fernhielten. Mich von mir selbst fernhielten.
Finn beendete das Telefonat. Er sagte: Ich liebe Dich. Und legte auf.
Du hast nicht auf meine Anrufe und E-Mails reagiert, Finn. Du warst plötzlich fort. Andere Chatter hatten Dich kurz gesehen, doch ich fand Dich nie. Ich habe mir Sorgen gemacht, ich habe mir die schrecklichsten Dinge ausgemalt, ich habe Tränen Deinetwegen vergossen, bis ich angefangen habe, Dich dafür zu hassen, daß Du Dich einfach davongestohlen hast, daß Du mich verlassen hast. Irgendwann dann habe ich aufgehört nach Dir zu suchen. Du warst tot.
Ein halbes Jahr später war unser letztes Telefonat. Finn rief mich an, doch das Gespräch fand keine Richtung, es waren nur Worte, die wir wechselten. Wir hatten einander verloren, sahen nur die Entfernung zwischen uns und keine Möglichkeit, sie zu überbrücken. Nach zwei Minuten schwiegen wir. Dann sagte ich: Finn, ich ... Und er unterbrach mich und sagte: Ich rufe Dich wieder an.
Seit damals sind Jahre vergangen. Ich bin in eine andere Wohnung, eine andere Stadt, eine andere Liebe und ein anderes Leben umgezogen. Ich habe Finn nie vergessen, doch ich liebe/hasse ihn nicht mehr. Die Erinnerung an ihn ist selbst eine Emotion geworden, etwas zwischen Sehnsucht und Trauer, zwischen Möglichkeit und Unerreichbarkeit.
Manchmal, an den Kreuzungen in unserem Leben, halten wir inne und fragen uns, was gewesen wäre, wenn wir anders entschieden/gedacht/gehofft hätten. Welches Leben wir dann geführt hätten, welche Liebe wir dann gelebt hätten. Wir befühlen unsere verpaßten Chancen wie alte Wunden und erinnern uns mit Sehnsucht und manchmal mit Schmerz.
Was in dem
anderen heutigen Beitrag steht, sind spontane Gedanken. Sie sind nicht dazu gedacht, irgendwelche Emotionen anzusprechen. Ich wollte sie nur aus dem Kopf haben.
Ich muß lernen, auszusprechen, was ich denke und fühle. Das ist alles.
Es sind doch die verpaßten Chancen, die mich hindern, voranzukommen. Ich muß das schreiben, denn ich bekomme den Gedanken nicht aus meinem Kopf. Da sind wir also wieder.
Es sind auch die alten Wunden, die immer wieder aufreißen ohne zu heilen.
Als ich meinen Eltern sagte, ich sei schwul, das ist jetzt knapp zehn Jahre her, schrieb meine Mutter in ein Buch, das ich später durch Zufall fand, ihr Sohn sei gestorben.
Ich entdecke darin, daß ich entmutigt werde von der Vorstellung eines Rückschlags, eine Art von Menschlichkeit, die ich für mich nie wahrhaben wollte. Klingt bescheuert, ist aber so. Ich weiß relativ genau, daß ich alles erreichen kann, was ich will. Allein der Umstand, daß ich nicht alles so sehr will, daß ich es auch tue, hindert mich daran, tatsächlich etwas zu tun.
Die Auswahl zwischen vielen Fertigkeiten (die grundsätzliche Begabung, alles rasch zu lernen, weil man gut improvisieren kann) erleichtert mir die Entscheidung für eines nicht: mich zu entscheiden.
Ich erfinde lieber Lügen als die Welt wahrzunehmen. Interaktion mit anderen Menschen ist mir immer suspekt. Im Lügen dagegen glaube ich gut zu sein, so gut, daß ich manchmal nur lüge, um zu sehen, ob ich es kann.
Ich bin erstaunt manchmal, wie wenig manche Menschen auch nur auf den Gedanken kommen, sie könnten belogen werden. Sie glauben selbst Absurdes.
Ich verachte mich dafür, daß ich lüge. Ich verachte mich sowieso für vieles. Allein der Umstand, daß ich das schreibe, verursacht mir fast körperliche Übelkeit.
Der Zensor in meinem Kopf arbeitet seit einer halben Stunde gegen diese und andere Worte. Der Zensor ist manchmal lauter als Stimmen von außen.
Ich denke manchmal, ich bin zu alt, um etwas neues zu beginnen. Nur darum hänge ich manchmal so sehr an der Vergangenheit. Weil ich denke, ich habe keine Gelegenheit mehr, alles zu tun. In der Hoffnung, ich könnte zurück, denke ich an die Fehler, die ich gemacht habe.
Und mache sie wieder und wieder.
Einfach weiterzumachen im Wissen, daß mein Leben nicht einmal zu einem Drittel vorbei ist, ist mir irgendwie unmöglich.
Immer wieder der gleiche Mist.
fragen im Übrigen, was ich getan habe, daß ich jetzt wieder so produktiv bin, daß mir die Worte wieder von der Fingerspitze perlen wie der Regen vom dunkelgrauen Himmel.
Das Wetter allein kann es ja wohl nicht sein, das ist unspirierender denn je, wie Sie sicherlich auch in anderen Regionen als der Kurstadt bemerken können.
Es ist ein Schreibprogramm mit Ehrlichkeitsanspruch. Selbsterkenntnis durch Schreibenthemmung.
Julia Camerons "Der Weg des Künstlers" bzw. eigentlich dessen Fortsetzung, das jeden in seiner Kreativitätsauslebung bestärkt und fördert.
In einer Stellenanzeige mal gelesen: "Sie haben Spaß an Kreativität." Als Zugangsvoraussetzung für eine Stelle, die ich schon wieder vergessen habe. Bei mir (und sicherlich vielen Anderen) geht das so nicht. Kreativität ist mein Atem. Ich gehe ein, wenn ich nichts produziere, nichts schreibe, nichts male, ich werde depressiv, wenn nicht gleich krank.
Momentan habe ich, das haben Sie sicherlich gemerkt, mal wieder ein Hoch. Drücken Sie mir die Daumen, daß es ein stabiles ist.
Sehr geehrter Leser, ich sehe mich von den Umständen dazu gezwungen, Sie von Ihrer Nicht-Existenz in Kenntnis zu setzen. Nicht, daß das einem Wunsch meinerseits entsprechen würde. Im Gegenteil wünschte ich mir sehr wohl, Sie seien existent, insofern ich überhaupt Wünsche aussprechen kann, denn ich teile Ihr Schicksal der Nichtexistenz.
Die Realität, in der wir uns befinden, gibt es ebenfalls nicht, folgt man den existentialistischen Schlußfolgerungen ebenfalls nicht existierender Nihilisten. Der Raum als solches wird hinterfragt, wodurch er allerdings nicht mehr in der gleichen Betrachtungsebene wie der Betrachter existiert. Um etwas hinterfragen zu können, kann man nicht den gleichen Standpunkt wie das Hinterfragte einnehmen. Man muß folglich anderswo sein, was im Falle der Realität an Irrealität grenzt.
Sie sehen, worauf ich hinauswill: Stellen wir die Realität infrage, entziehen wir ihr die Existenzberechtigung und damit auch uns, die wir uns als Teil der Realität zu begreifen suchen. Sinnsuchende und Persönlichkeitsforscher aus aller Welt beißen sich am falschen Aspekt der menschlichen Psyche die Zähne aus: sie versuchen, den Menschen im Rahmen seiner Verbundenheit mit der Welt zu modifizieren, vergessen allerdings den Einfluß, den die Welt auf den Menschen hat.
Es ist zwar möglich, Raum und Realität zu verändern (kraft unserer Gedanken), allerdings zielen die angewandten Versuche der Psychotherapie nicht darauf ab.
Die Realität ist ein Konstrukt der Rezeption des Raumes um uns. Unsere Sinnesorgane teilen uns aufgrund der Erfahrungen, die wir in unserer Kindheit gemacht haben, wichtige Details unserer Umgebung mit: Helligkeit, Temperatur, Wind, Geräusche, Bewegung, Luftfeuchtigkeit. Diese Parameter unserer Umgebung (die aus verarbeitungstechnischen Gründen auch nicht unsere Innenwelt miteinschließen) stellen wir nicht infrage, obwohl sie nicht der Realität, sondern nur unserer Rezeption deren entsprechen. In Anbetracht der interindividuellen Unterschiede bei Wahrnehmung und Verarbeitung von Sinnesreizen ist es nicht erstaunlich, wenn zwei Menschen drei Wahrheiten wahrnehmen. Da die Pluralität der Realität allerdings nicht zum Weltbild des Gesunden gehört, blenden wir mindestens eine Realitätswahrnehmung von vorneherein aus, was unweigerlich zu Konflikten führt.
Dieser Konflikt liegt allem Streben der Menschen zugrunde. Man sucht, der Irrealität der Realität durch Schaffen von mit dem eigenen Ehrgeiz vereinbaren Tatsachen irreführende Stabilität zu verleihen. Wir bauen uns ein Leben, das uns vor der Entwurzelung aus der Realität retten soll, dabei ist diese Entwurzelung vielmehr ein Verwachsen mit der Komplexität des Raumes selbst. Indem wir in das Muster des Chaos eintauchen, umso näher sind wir mit dem Urgrund des Seins selbst verwachsen. Der hierdurch bedingte Selbstverlust ist angesichts des größeren Ganzen sicherlich zu verschmerzen.
Um nun zu verstehen, warum es uns beide, Sie, den Leser, und mich, den Autor, nicht gibt, ist weit weniger Interpunktion nötig, als ich alleine in diesem Satz verbraucht habe. Der zur Selbstwahrnehmung fähige Mensch kann angesichts der Wahrnehmung einer von ihm unabhängig exisierenden Welt nicht gleichzeitig existieren, ohne die Selbstwahrnehmung aufzugeben: Wer liest, ist nicht. Und: Wer schreibt, ist nicht.
Jede Tätigkeit, die vom Sein, also dem Verwurzeltsein im Chaos selbst, abweicht, schließt die Realität durch individuelle Rezeption des Raumes aus. So einfach.
Man kann das Chaos nicht besiegen, indem man ihm eine neue Heimat gibt.
Und: Der Wert eines Archivs liegt weniger in den Schriften selbst als in der Ordnung, denn ohne die Ordnung sind die Schriften nur Müll.
Erraten Sie, wo Herr Wolf sich gerade eine Staublunge holt und sich sehnlichst ein Spaghetti-Eis wünscht?
Wortfeindlich bin ich geworden und
not very smalltalky. Gestern im Kino traf ich einen ehemaligen Komilitonen, um genau zu sein, den einzigen anderen aus meinem Semester. Der Freund und ich standen an für
Les chansons d'amour, was ein ganz entzückender Liebes- und Gesangsfilm ist, in dem es von hübschen Menschen nur so wimmelt. Vorher hatten wir
Times have been better gesehen, ebenfalls ein französischer Film, diesmal ohne Gesang, dafür mit einer amüsanten Geschichte über eine Familie, deren perfektes leben schlimme Risse bekommt, als der perfekte Sohn seinen Eltern endlich seine Homosexualität gesteht.
Als mich F., der Komilitone, ansprach, warteten wir auf den Einlaß in den zweiten Film, ich war überrascht und dann doch wieder nicht, halb hatte ich damit gerechnet, ihn zu sehen, ich hatte ihn schon in der Woche davor schon bei
Savage Grace gesehen. Das war der Eröffnungsfilm von
Verzaubert, dem internationalen schwulen Filmfestival.
Savage Grace war ordentlich verstörend und das war ich am Abschlußabend des Festivals auch, denn nach einigen nichtssagenden Worten ging F. wieder mit seinem Freund ans Ende der Schlange, während ich mir so blöd vorkam, wie sich F. wahrscheinlich während des ganzen kurzen Gesprächs.
Der Freund meinte, er hätte kurz überlegt, sich für mich zu entschuldigen, weil ich vollkommen inakzeptabel reagiert hatte. Das hat er dann gelassen und ich auch, der Film hat mich dann wieder ein bißchen aus der Schockstarre geholt, richtig geholfen hat er aber auch nicht.
Anschauen sollte man sich
Les Chansons d'amour trotzdem, wenn er hier in die Kinos kommt, wobei die französische Originalversion wahrscheinlich stark unter der Übersetzung leiden dürfte.
Ich versuche derweil, wieder freundlich zu werden.
Dann geht einem plötzlich mal wieder auf wie der Hefeteig im Backofen, wie trivial, egal und öd es ist. Und fort geht man, schweigen oder schauen oder vielleicht auch nur mal atmen.