Ein Wolf für alle Felle | PETA und Herr Wolf
Lebenlernen
Wortfeindlich bin ich geworden und
not very smalltalky. Gestern im Kino traf ich einen ehemaligen Komilitonen, um genau zu sein, den einzigen anderen aus meinem Semester. Der Freund und ich standen an für
Les chansons d'amour, was ein ganz entzückender Liebes- und Gesangsfilm ist, in dem es von hübschen Menschen nur so wimmelt. Vorher hatten wir
Times have been better gesehen, ebenfalls ein französischer Film, diesmal ohne Gesang, dafür mit einer amüsanten Geschichte über eine Familie, deren perfektes leben schlimme Risse bekommt, als der perfekte Sohn seinen Eltern endlich seine Homosexualität gesteht.
Als mich F., der Komilitone, ansprach, warteten wir auf den Einlaß in den zweiten Film, ich war überrascht und dann doch wieder nicht, halb hatte ich damit gerechnet, ihn zu sehen, ich hatte ihn schon in der Woche davor schon bei
Savage Grace gesehen. Das war der Eröffnungsfilm von
Verzaubert, dem internationalen schwulen Filmfestival.
Savage Grace war ordentlich verstörend und das war ich am Abschlußabend des Festivals auch, denn nach einigen nichtssagenden Worten ging F. wieder mit seinem Freund ans Ende der Schlange, während ich mir so blöd vorkam, wie sich F. wahrscheinlich während des ganzen kurzen Gesprächs.
Der Freund meinte, er hätte kurz überlegt, sich für mich zu entschuldigen, weil ich vollkommen inakzeptabel reagiert hatte. Das hat er dann gelassen und ich auch, der Film hat mich dann wieder ein bißchen aus der Schockstarre geholt, richtig geholfen hat er aber auch nicht.
Anschauen sollte man sich
Les Chansons d'amour trotzdem, wenn er hier in die Kinos kommt, wobei die französische Originalversion wahrscheinlich stark unter der Übersetzung leiden dürfte.
Ich versuche derweil, wieder freundlich zu werden.
Dann geht einem plötzlich mal wieder auf wie der Hefeteig im Backofen, wie trivial, egal und öd es ist. Und fort geht man, schweigen oder schauen oder vielleicht auch nur mal atmen.
Du machst eine Ernährungsberatung auf.
Du machst eine Lebensberatung auf.
Du gehst in die Werbung.
Du schreibst Sachbücher.
Du schreibst Romane.
Du schreibst Gedichte.
Du wirst Kabarettist.
Du malst Bilder.
Du entwirfst Möbel.
Du entwirfst Kleidung.
Du entwirfst Computerspiele.
Du machst ein Café auf.
Du machst ein Restaurant auf.
Du wirst Auslandskorrespondent.
Du machst eine Wellnessfarm auf.
Du wirst der nächste Ministerpräsident.
Du wirst der nächste Bundeskanzler.
Du lernst fünf Sprachen.
Du wirst Schauspieler.
Du machst Musik.
Du bäckst Brot.
Du bäckst Kuchen.
Du kochst Marmelade.
Du führst einen Bauernhof.
Du führst die Deutsche Bank.
Du führst das Museum für Angewandte Kunst.
Du entwickelst Desinfektionsmittel für Wasser.
Du entwickelst neue Lebensmittelzusätze.
Du entwickelst Linsenschleifmaschinen.
Du entwickelst ein Heilmittel für Krebs.
Du entwickelst ein Bonbon.
Du erfindest eine Stromquelle.
Du erfindest ein Speicherformat.
Du erfindest eine Schmerzmittel.
Du brichst in Autos ein.
Du bemalst Wände.
Du bewässerst die Wüste.
Du verkaufst den Dürstenden Wasser.
Du verkaufst den Hungernden Nahrung.
Du verkaufst den Zweifelnden Gewißheit.
Du wirst der weltbeste Mentalist.
Du wirst Insektenforscher.
Du wirst Sektenführer.
Du wirst Papst.
Du wirst Clown.
Du wirst Jongleur.
Du wirst Dompteur.
Du erforschst die Tiefsee.
Du erforschst den Dschungel.
Du erforschst die Untiefen der Seele.
Du erforschst die Leidensfähigkeit von Kaninchen.
Du erforschst die Liebesfähigkeit von Zebrafinken.
Du erforschst das Privatleben deiner Nachbarn.
Du erforschst die Vergangenheit.
Du erforschst schwarze Löcher.
Du erforschst die Sterne.
Du liest den Kaffeesatz.
Du legst Karten.
Du legst Grundsteine.
Du säst die neue Ernte.
Du säst Zweitracht.
Du säst Zweifel.
Du sägst Holz.
Du wirst Baumfoscher.
Du wirst Schlafforscher.
Du produzierst Matratzen.
Du produzierst Kopfkissen.
Du produzierst Sondermüll.
Du produzierst fettarme Chips.
Du produzierst acrylamidfreie Lebkuchen.
Du produzierst genverändertes Gemüse.
Du protestierst gegen Gentechnik.
Du protestierst gegen Krieg.
Du protestierst gegen Armut.
Du protestierst gegen Unterdrückung.
Du steigst in den Menschenhandel ein.
Du steigst in den Diamantenhandel ein.
Du steigst den Ölhandel ein.
Du steigst aus.
Du hütest Rinder.
Du hütest Bankkonten.
Du hütest Geheimnisse.
Du holst Menschen aus Krisengebieten.
Du holst Menschen aus Lebenskrisen.
Du stützt Menschen in Nöten.
Du stürzt Usurpatoren.
Du stürzt Königreiche.
Du gräbst Königreiche aus.
Du gräbst Geheimnisse aus.
Du gräbst Ameiseneier aus.
Du vernichtest Termiten.
Du hütest Bienen.
Du säst Blumen.
Du schneidest Hecken.
Du entwickelst Rollrasen.
Du wirst Profi-Fußballer.
Du wirst Schiedsrichter.
Du wirst Kommentator.
Du wirst Moderator.
Du wirst Maurer.
Du reißt Mauern ein.
Du predigst Gleichheit.
Du kämpfst für Freiheit.
Du kämpfst für das Bankgeheimnis.
Du kämpfst für das Nichtraucherschutzgesetz.
Du kämpfst für das ungeborene Leben.
Du kämpfst für Abtreibungen.
Du baust Staudämme.
Du baust Brücken.
Du bietest Bungeejumping an.
Du bistest deinen Körper an.
Du bietest deine Hilfe an.
Du bietest Politikern Geld.
Du bietest Verfolgten Sicherheit.
Du bietest Deine Dienste als Mörder an.
Du schützt Menschen vor Mördern.
Du schützt Menschen vor Krebs.
Du schützt Menschen vor sich.
Du wirst Menschenschützer.
Du wirst Scharfschütze.
Du wirst Schafzüchter.
Du wirst Millionär.
Du wirst Manager.
Du wirst müde. Und fragst Dich: wer bist Du gewesen?
Während der Mohnstollen abkühlt, kann ich ja gerade noch erzählen, daß ich heute eine alte Frau im Supermarkt beglückt habe. Sie stand mit ihren Belegkirschen hinter mir an der Kasse und wartete auf ihren Einsatz, als mich die Kassiererin fragte, ob ich denn wohl backen würde. Angesichts von Mehl, Zucker, Hefe, Mohn, Bittermandelöl und Butter konnte ich das nicht leugnen.
Alte Frauen sind immer gleich entzückt, wenn sie hören, daß ein junger Mann backt. Sie denken, die Frau oder Freundin backe, und sagen das auch und sind dann angesichts der Antwort erstaunt, daß auch ein völlig verwahrlost aussehender junger Mann frauenunabhängig mit Backzutaten mehr anfangen kann als sie nur von den Regalen im Supermarkt in die Regale daheim zu räumen.
Zugegebenermaßen ginge das nicht, nenne ich doch kein Backregal, sondern eine Backschublade mein eigen, die auf einen leichten Zug hinaus- und nach einem leichten Schubs leise wiederhineingleitet in den Unterbauschrank. Und damit es nicht so laut bumst beim Zugang, hat die Schublade eine Feder, so daß es eben nur leise bumst.
Das habe ich der alten Frau natürlich nicht alles erzählt, sondern nur milde gelächelt über die Altersnaivität, die an Supermarktkassen in Kurstädten häufig demonstriert wird. Zum Abschied tat ich noch ein gutes Werk und verhalf der immer noch Verblüfften erstens zu noch mehr Verblüffung und zweitens zu vier Herzchen. Da war sie perplex und die Frau hinter ihr, die noch älter war und keine Belegkirschen hatte, rief aus: "Daß es sowas noch gibt heutzutage! Gott segne Sie!"
Und beinahe hätte ich ihr gesagt, daß sie nicht so rumbrüllen soll im Supermarkt, sie verschrecke noch Kunden, bin dann aber lieber gegangen, um den Stollen zu backen, den ich jetzt, einige Stunden später noch mit Butter und Puderzucker einschmiere, damit man nicht sieht, daß er aussieht wie ein extrem geschwollenes Glied.
Die vollkommene Unkenntnis meiner Person zeigte sich nicht nur in dem Umstand, daß wir uns erst vor einem halben Tag kennengelernt hatten, sondern auch in ihrer Frage: "Sag, bist Du immer so gut gelaunt?"
Das konnte ich ja so nicht stehen lassen. Immerhin bin ich nicht gut gelaunt, sondern stets besorgt. Auch um mein Aussehen im Alter. "Ich lächele nur, weil ich später statt Sorgen- Lachfalten haben möchte. Ich bin nur ästhetisch gut gelaunt."
Besser haben wir uns nicht kennengelernt. Sie ging einfach weg.
Gerade war es noch 27 Grad kurz nach Sonnenaufgang, heute konnte ich schon fast Eisblumen vom Auto kratzen. Der Alltag ist sowas ähnliches wie zurück, ich bin nur noch nicht ganz hinterher gekommen. Am Wochenende ist Recruiting-Messe, nächste Woche dann vielleicht nochmal kurz resümieren, wie eigentlich der Urlaub war. Ich hoffe, ich kann hier auch was davon berichten.
Bis dahin muß ich nochmal vertrösten. Immerhin bin ich nicht tot, nicht so tot wie mein Weblog zur Zeit. Wäre die Überlegung wert, vielleicht nochmal neu anzufangen, an das alte Plog kann ich ja eh nicht gut anknüpfen, der dreimonatigen Pause wegen.
Uns alle hier erwartet also eine Neuausrichtung, eine Neubewertung, ein Neudesign. Vielleicht also bin ich doch gestorben. Gerade rechtzeitig für den Neubeginn.
Später dann wird er verloren haben und sich darüber ärgern, daß er es hat kommen sehen. Die Angst hat er nie gespürt, wie auch, Selbstüberschätzung läßt Angst nicht zu. Doch das Leben rinnt vor den eigenen Augen wie Wasser durch die Hände und egal, wie fest man die Finger zusammenpreßt, nichts hält das Vergehen auf.
Später dann wird er aufwachen und sich sagen, er hätte es schon immer gewußt, schon immer geahnt, schon immer genau so haben wollen. Verlieren gehöre zu seinem Leben dazu wie das Aufstehen, das Atmen, das Aufgeben. Ein Gewinner sei er nie gewesen, genetisch sei das nicht möglich gewesen, die Familie hatte noch nie einen Gewinner hervorgebracht.
Später dann wird er wutentbrannt seine Geschichten zerreißen, die Notizen, all das, was sein Leben hätte sein sollen, wenn er es denn nur ein einziges Mal gewollt hätte. Wenn er denn nur irgendwann einmal etwas gewollt hätte. Wollen allerdings sei nie seine Stärke gewesen, immer habe er zurückgesteckt, selbstverleugnet, notfalls auch gelogen. Anderen würde er sagen können, er habe durch einen Brand alles verloren, vielleicht durch einen Unfall, vielleicht durch unsagbares Pech. Sie würden ihn vielleicht bedauern, vielleicht auch nicht, vor allem aber würden sie nicht nachfragen, sondern ihn in Ruhe lassen.
Später dann wird er einen Brief schreiben, den letzten, den er schreiben würde. Auf schönes Papier wird er ihn schreiben, denn er ist etwas besonderes. In dem Brief steht, wie leid ihm alles sei, wie leid ihm alles tue. Es sei nicht besser gegangen, so sei es besser, er ginge selbst. Diesen letzten Brief wird er schreiben, dann gehen und nicht wiederkehren.
Morgen ist es soweit, der Freund hat Urlaub. Rückkehr ins alte Leben erst wieder am Sonntag, den 22. Juli. Bis dahin gibt es hier Aufgewärmtes. Müßte aber noch schmecken.
Falls nicht, nehmen Sie sich doch etwas vond er Bar zum Runterspülen und Magendesinfizieren. Für die ganz harten Fälle gibt es auch Seife. Ansonsten eben das Übliche. Afri, Nüsse, Schirmchen, Minze, Gin, Weißrussen, Schwarzrussen, Eis und Obst für den einen oder anderen Daiquiri, zudem Schokokirschkuchen und ein leckeres Beerentiramisu. Das essen Sie am besten als Erstes, das wird sonst schlecht. Und Ihnen dann auch, und dann haben wir Fulda.
Außerdem noch Croissants, die müßten Sie allerdings noch fertigbacken, die schmecken ja nur frisch richtig gut.
Vor dem Abschied allerdings noch ein Diskussionsthema, das ich allerdings nicht moderieren kann, das müßten Sie dann schon selbst tun, da Sie aber alle gemäßigte Persönlichkeiten sind, bin ich mir sicher, Sie werden Ihre Sache
gar nicht wunderbar machen.
Ich habe
anderswo um die zunehmende Proletarisierung und Sinnentleerung der Weblogs (nicht nur bei twoday) gelesen und wie furchtbar das doch sei. Es kommt mir vor wie eine Abwandlung der α-Blogger-Debatte, die ich allerdings nicht verfolgt habe, vielleicht drängt sich mir die Ähnlichkeit daher auf, weil ich einfach keine Ahnung habe.
Entrüstend sei, daß mittlerweile jeder Depp ein Weblog eröffnen dürfe (ebenso wie Führerschein machen oder Kinder zeugen), ohne einen Nachweis für seine Verbalisierungsfähigkeit liefern zu müssen. Dieser Entwicklung, die dann in Power-Chat-Kommentaren gipfeln könne, solle durch ein Bekenntnis zu literarischer Qualität vermieden werden. Das Kennzeichen dafür sei ein taubenblauer Hintergrund.
Vielleicht lesen Sie sich das nochmal
hier durch, ich kann das nicht mit dem gebotenen Ernst zusammenfassen.
Einige Blogger auf twoday.net haben sich dem schon angeschlossen, angeblich überrolle eine blaue Welle die niveauvollen Weblogs. Ich dagegen muß (warum auch immer) immer wieder an
"Die Welle" denken und vermisse Reflektion, die doch gerade bei
solchem Aktionismus einer solchen Aktion vonnöten wäre.
Um jetzt mal nachzufragen, ob ich nur überkritisch bin oder zu Recht mißtrauisch bezüglich des Sinns und Nutzens, wollte ich mal Ihre Meinungen dazu hören.
"Ich wünsche dir einen Regenbogen, der Hoffnung gibt und Brücken schlägt, der dich mit seinen Farben durch den noch so traurigen Alltag trägt."
Ich frage mich ernsthaft, wen sowas trösten soll. Und, was ich auf die Kondolenzkarte schreiben soll anläßlich des zweiten innerfamiliären Todesfalls der Familie.
Das hilft dabei nur begrenzt.
Und bevor Sie fragen: Mein Großonkel, kein enges Verhältnis, Leberkrebs im Endstadium erst diagnostiziert. Meine Familie ist immer noch groß.
Ist ja nicht so, als geschähe nix. Nur die Zeit ist so rasch geworden und die Worte fassen nicht mehr die Gedanken. Schreiben wollte ich und doch kann ich nicht, alles klingt verkehrt und falsch und unzutreffend, zumal ich anderes tun sollte: lernen, die Wohnung aufräumen und die Party am Samstag vorbereiten, sonst stehen wir alle da im Chaos der Handwerker und können noch nicht mal was essen.
Ist so, daß viel geschieht, nur ich komme nicht hinterher. Vorgestern saß ich zwei Stunden mit der alkoholisierten und traumatisierten Nachbarin auf der Treppe, nachdem ich eigentlich schon den ganzen Tag weg gewesen war. Mich mit Studenten unterhalten, rumgeärgert, diskutiert, meine Prüfungsanmeldung vollzogen und mich mit einer Freundin getroffen. Gestern eine weitere Besprechung, Terminabstimmungen, Kopienanfertigungen, Aufbereitungen, Vorbereitungen für irgendwas, ich habe es schon vergessen, Telefonate mit Handwerkern, Vermietern, Nachbarn, mit der Mutter, die mich auf den nächsten Todesfall in der Familie vorbereitet. Alles geht durcheinander, alles will zuerst erzählt werden. Dazwischen warten Bücher, gelesen zu werden, Fakten erfaßt zu werden, Telefonate geführt zu werden. Wünschte ich mir in den ruhigeren Phasen mehr Aufregung, wünsche ich mich jetzt wieder heraus aus den Stromschnellen.
Verzeiht mir, liebe Leser, also bitte meine Absenz und vielleicht Gedankenlosigkeit. Kann sein, daß ich die nächsten Tage noch etwas stiller werde, der Juli ist ein Monat voller Panik und danach kommen zwei Monate Prüfungen. Bis Oktober läuft das neolog also nur auf Sparflamme, denke ich.
Die Bar wird bis dahin natürlich geöffnet sein.