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Morpheon

Dienstag, 28. Oktober 2008

Die erste Saat | Fragment | Morpheon

Im Morgengrauen ging er hinaus, der Nebel lag noch schwer in den Bäumen und zwischen den Halmen der Gräser. Der Tag sollte noch lang werden, sonnig und heiß, auch wenn die Dunkelheit das noch nicht verriet.
Seine Stiefel wurden nass, als er durch das hohe Gras zu der kleinen Hütte ging, in der er seine Werkzeuge aufbewahrte: die Spitzhacke, die Säge, die Messer und Scheren, die Sense und das Beil. Heute würde er den Boden für die erste Saat vorbereiten und bald würde er ernten können.
In der Hütte war es noch nachtfinster, das dunkle Grau der Dämmerung blieb mit dem Nebel vor der Tür zurück, dennoch fand er die Falltür sofort, hob sie an und stieg vorsichtig die ersten Stufen der Leiter hinunter, schloß die Luke über sich und setzte dann seinen Weg nach unten fort.
Als er festen Boden unter den Füßen hatte, fischte er die Streichhölzer aus seiner Tasche, nahm eines aus der Schachtel und strich es mit einer schnellen Bewegung über die rauhe Reibefläche. Das Aufflammen blendete ihn, obwohl es nur kurz war: das Streichholz verlosch sofort wieder.
Vielleicht hatten seine Schritte auf der Leiter sie bereits geweckt, vielleicht auch erst das kurze Feuer, nur Augenblicke später hörte er wieder ihr Schluchzen in der Dunkelheit.
Er nahm ein weiteres Streichholz aus der Schachtel, zog es über die Reibefläche und diesmal brannte es lange genug, daß er die Öllampe, die neben der Leiter hing, entzünden konnte, bevor er das Streichholz wieder ausblies.
Wieder - wie so oft - kam ihm der Gedanke, wie ähnlich Menschen und Flammen waren, sie brannten und leuchteten und waren doch so gefährdet, so leicht zu ersticken. Mit dem Gedanken daran erinnerte er sich auch wieder an sein Tagwerk, seine Pflicht: das Feld vorzubereiten, die erste Saat auszubringen. Er ließ das Streichholz fallen und näherte sich der Frau, die am anderen Ende des Erdlochs lag.
Sie war an Händen und Füßen gefesselt, geknebelt hatte er sie aber nicht. Niemand konnte sie hier hören. Niemand würde sie hier suchen. Nicht einmal seine Mutter, die seit dem Tod ihres letzten Mannes kaum mehr das Haus verlassen hatte.
Steinchen knirschten unter seinen Schuhen. Sie wandte den Kopf zu ihm um, sah ihn durch die Strähnen ihres wirren Haars an. Sie war die erste, die ihn ansah, die erste, die sich das traute. Sie weinte nun nicht mehr, doch ihre Augen waren noch rot wie Feuer. Die Augen würde er ihr als erstes nehmen, sobald er sie nicht mehr brauchte.

Dienstag, 14. Oktober 2008

Fragment | Ein Wunder sei es gewesen | Morpheon

In einem anderen Land, weit fort von hier, stirbt eine Legende. Die Menschen, die den Inhalt der Legende kannten, sind verschollen in den Wogen der Zeit und niemand ist mehr übrig außer einem Menschen, der damals noch dabei war. Es ist keine große Geschichte, es ist kein Märchen von den frühen Tagen der Erde oder der letzten Tage einer alten Nation. Es ist nur eine Geschichte, die von den Vergangenen erzählt wurde, und die bald niemand mehr kennen wird, denn der letzte Mensch, der dabei war, wird auch bald sterben. Die Geschichte hat sich überlebt, die Legende stirbt.

Mittwoch, 1. Oktober 2008

In statu quo ante | Morpheon

Jeden Morgen schälst Du Dich mehr aus Deiner Haut. Die Zeit in der Stratosphäre hat Dich gezeichnet, wie Sonnenbrand fällst Du nun Schicht für Schicht von Dir ab, nichts bleibt zurück als rotes, blankes Fleisch. Alles ist schmerzhaft, was nicht Bewußtlosigkeit ist, Gehen und Stehen, Liegen und Sitzen, alles der selbe verzehrende Schmerz des Nicht-Nichtsein-Dürfens.
Am Fenster stehst Du und schaust auf die Straße, wie Du das offensichtlich die letzten Jahre schon gemacht hast, Du kennst das Bild und Du kennst die Menschen, die unten vorbeilaufen, Du kennst die Bäume, die die Straße säumen, und die Blätter, die von den Ästen den Menschen vor die Füße fallen. Du kennst die Hunde und Katzen, die Fahrräder, die Einkaufswägen, das Alles und Nichts scheinbarer Geschäftigkeit. Die Menschen draußen sind hohl, sind nur Hülle, wie Du nur Hülle warst, als Du noch in der Stratosphäre schliefst. Nun aber bist Du frei von kleingeistigem Leben, frei von scheinbaren Zufällen, frei von allem, zurückgeworfen auf Dich selbst.
Und Du merkst erst jetzt, wie einsam es in Dir ist. Wie still und wie gleichzeitig laut, denn alle Deine Stimmen schreien durcheinander, brüllen vor Schmerz und Langeweile, rufen nach Hilfe und dem Fernsehprogramm, sehnen sich nach Abwechslung und suhlen sich in der ewig gleichen Routine des Nichtstuns. Du merkst, wie unruhig es in Dir ist und wie sehr windstilles Meer.
Du fällst nicht mehr, Dein Sturz hat geendet, die Erde kommt nicht mehr näher, doch Du weißt nicht, ob der Aufprall schon kam, der Dich letztlich das Leben kosten wird. Du bist blind geworden in der Zeit außerhalb des Lebens, blind und taub und stumm. Reglos wie ein gestürzter Stein.
Flechten überziehen Deinen Körper wie einstmals Haut, kleine Käfer klettern über Deine Beine, Ameisen bevölkern Deine Arme, Deine Brust ein Wespennest, kleine Vögel nisten in Deinen Augenhöhlen, ein Specht in Deinem Schädel. Ein Ort ist aus Dir geworden, ein Ort des Widerspruchs und der Fülle, die sich selbst erschöpft, eine Oase und eine Wüste, Tiefsee und Urwald, Weltall und Getreidefeld. Das Leben sprießt und endet in Dir, alle Wurzeln wuchernd, alle Äste nach den Sternen greifend. Der Wind singt in Deinen Blättern, Eichhörnchen spielen Verstecken in Deinen Armen, Holz füllt Deine Lungen, Dein Herz eine Frucht von leuchtendem Rot.

In den letzten Tagen sommerlichen Herbstes werde ich ernten gehen, Dein Herz aufschneiden, das Fruchtfleisch essen, den Kern aber eingraben und auf die neue Blüte warten.

Samstag, 30. August 2008

Traumfragment | Morpheon

Als er Mensch wurde und ich in seine Augen sah, erkannte ich ihn. Er war jahrelang bei mir gewesen und doch fern. Als er nun Mensch wurde, hatte er aber Angst vor mir und lief davon. Ich blieb zurück, mit leeren Händen und gebrochenem Herzen.

Montag, 25. August 2008

Die wachsende Entfernung zwischen uns | Morpheon

Sie hielt die Augen auf den Boden gerichtet. Auch als sie ganz nah an ihm vorbeiging, so nah, daß er sie erkennen mußte, starrte sie auf den Boden, auf ihre Füße, auf den rechten, auf den linken, auf den rechten, auf den linken Fuß, jeder Schritt eine himmelhohe Hürde, jede Sekunde der Moment, in dem er sie ansprechen würde. Als er plötzlich lachte, dachte sie, ihr Herz bliebe stehen, und sie müßte hier vor ihm auf den Boden sinken, doch ihre Füße gingen weiter, nur ihr Herz war stehengeblieben.
Und dann war sie vorbei, ihr Herz schlug wieder und schneller, je weiter sie sich von ihm entfernte.

Er hatte sie schon von Weitem gesehen, sie zu übersehen, wäre kaum möglich gewesen. Sie trug ihre knallroten Locken offen, der Wind spielte damit wie ein gelangweiltes Kind, ab und zu strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. Als sie näherkam und auch als sie an ihm vorbeiging, gab sie vor, ihn nicht zu sehen. Er tat ihr den Gefallen und ignorierte sie. Er sprach weiter mit seinen Freunden über das Spiel am Wochenende, lachte zu laut über einen Scherz von Michael. Er sah sie davongehen, ihre Schritte wurden schneller, je weiter sie sich von ihm entfernte.

Daß sie eine gemeinsame Vergangenheit hatten, sah man sofort. Ich saß im Café, der junge Mann stand mit seinen Freunden ein paar Schritte davor. Seine Haltung verriet plötzliche Aufmerksamkeit, dann verschränkte er die Arme vor der Brust und drehte den Kopf leicht zur Seite. Dann sah ich sie. Sie hatte wildes, rotes Haar und als sie einmal kurz aufblickte, sah sie mich und ich sah sie. Wir starrten uns kurz an, dann sah sie unangenehm berührt zur Seite und sah den jungen Mann. Ihr nächster Schritt kam zögernd, dann sah sie mich noch einmal an, ihr Mund wie im Schock leicht geöffnet, dann sah sie auf den Boden unter ihren Füßen und ging weiter.Als sie zwischen mir und dem jungen Mann vorbeiging, sah ich, daß sie sich in die Unterlippe biß.
Plötzlich lachte der junge Mann laut auf, doch seine Augen blieben ernst. Die Frau zuckte zusammen, ging aber weiter, den Blick weiter auf den Boden gerichtet. Der junge Mann sah ihr nach, aus den Augenwinkeln zuerst, doch dann drehte er sich sogar nach ihr um. Bevor er sich wieder zu seinen Freunden umwandte, sah er mich ihn ansehen. Ich lächelte ihn an, aufmunternd, wie ich hoffte, doch er sah umso trauriger aus, je weiter sie sich von ihm entfernte.

Donnerstag, 7. August 2008

Am Fluß | Morpheon

Sie saßen am Fluß.
Der Wind, der nur noch eine Erinnerung an den Sturm der Nacht war, brachte leise Geräusche von Menschen und Stadt über die Wellen und Steine.
Wie weit ist der Weg, fragte sie. Wie weit ist der Fluß geflossen, bis er endlich hier ist? Wie weit, bis er ins Meer fließt?
Ich weiß es nicht, sagte er. Ich weiß es nicht.
Sie saßen am Fluß. Sie saßen auf den großen Steinen am Ufer und schwiegen. Sie hatten nicht mehr viel, worüber sie hätten sprechen können. Und doch wollten sie sprechen. Es war das einzige, was ihnen geblieben war.
Das Wetter ist gut, sagte er. Viel besser als gedacht. Er sah sie an. Er sah zurück auf den Fluß. Nach dem Sturm heute Nacht.
Ja, sagte sie. Sie hatte seinen Blick bemerkt. Sie hatte ihn nicht erwidert. Sie hatte weiter auf das Blatt gesehen, das sie zwischen zwei Fingern drehte. Ja, nach dem Sturm hätte man nicht das nicht gedacht.
Sie saßen am Fluß und sahen den Wellen zu, den Ästen, die an ihnen vorüberzogen. Blätter wie kleine Schiffe auf hoher See wirbelten zwischen den Steinen hindurch.
Glaubst Du, sagten sie gleichzeitig und unterbrachen sich beide. Sie sahen sich an, ein kurzes Lächeln auf ihren Gesichtern, das doch rasch wieder verschwand. Keiner sprach weiter. Sie sahen zurück auf den Fluß.
Die Sonne schickte Lichtsalven durch die Kronen der Bäume, wenn der Wind sich in ihnen verfing. Kleine Wassertropfen sprühten dann wie flüssiges Silber über den Steinen. Hätte man sie fangen können, reich wäre man geworden.
Laß uns gehen, sagte er. Ja, sagte sie. Laß uns gehen.
Sie gingen fort, ließen den Fluß hinter sich.

Donnerstag, 10. April 2008

Sommerkind | Bruchstück | Morpheon

Sie hatte diesen Anhänger, klein und silbern und mit blauen Steinen besetzt, und immer hatte sie behauptet, darin läge ihr Glück und ihr Leben und der Grund für ihre Liebe zu den Sternen. Als ich sie kennenlernte, war sie noch ein kleines Mädchen, sie sah aus, als wäre sie erst acht oder höchstens neun Jahre alt, doch wenn sie sprach, dann sagte sie Worte, die nicht klangen wie die eines Kindes, und wenn sie sang, dann klang ihre Stimme so fremd wie die Worte des Liedes, das ich nicht verstand.
Als ich sie das letzte Mal sah, war ich nicht mehr der junge Soldat, der Kriege führen und gewinnen wollte, sondern ein alter Mann, der seine letzte Schlacht gegen den eigenen Körper schlug und dessen Wunden, die das Leben selbst ihm beigebracht hatte, nie wieder heilen würden. Sie dagegen sah immer noch aus wie das kleine Mädchen von acht oder höchstens neun Jahren.
Sie besuchte mich am Tag vor dem Feuer, sie kam mit bloßen Füßen und einem hellblauen Kleid. Sie kam über die Wiese vor meinem Haus gelaufen, singend und gleichzeitig lachend. Ihr hellbraunes Haar wehte hinter ihr im Sommerwind.

Mittwoch, 5. März 2008

Kronos | Morpheon

Ein leichtes für einen Gott, die Zeit zu verdrehen, umzustülpen und alles von Vorne beginnen zu lassen, ist es für den Sterblichen eine Sisyphus-Arbeit, sich all dessen zu erinnern, was die Vergangenheit ausmachte, ist sie doch mehr als nur eine emotionalisierte Matrix aus Erfahrungen, die als Matritze für zukünftige Entscheidungen fungiert, sondern all unser Fühlen und Denken und Verwobensein mit der Welt.
Angesichts der noch ausstehenden Zeitreise ist es wahrlich verfrüht zu sagen, ein Stück wäre geschafft, denn immer noch gilt, daß, wer geglaubt hat, einem Ende nahe zu sein, noch nicht den ersten Schritt getan hat.
Und doch ist es notwendig nachzusehen, was geschehen ist, um sich selbst nachzusehen, daß nicht ungeschehen zu machen ist, was vielleicht nicht hätte geschehen müssen.
Ein leichtes sei es für einen Gott, und doch sind die Götter verschollen im Strudel der Zeit und nur der Mensch überblieb auf Erden.

Montag, 4. Februar 2008

Schattenland | Morpheon

Von einem Schattenland träumte ich, dort fielen die Schatten der Menschen nicht nach außen, auf den Grund, den ihre Füße berührten, sondern gegengerichtet: in die Körper, in die Köpfe und Hände, in die Gedanken und Taten der Menschen fielen die Schatten.
In der Dämmerung der immer gleichartigen Tage und Nächte jagten wir einander durch die Straßen zerbrochener Städte, kannten keine Freunde, nur Feinde, deren Angriff durch vorherigen Angriff pariert werden mußte.
Doch dann taten sich Tore auf und fanden wir Einlaß in bisher verschlossene Welten und wurden zu einer Gruppe, die sich selbst helfen und dadurch retten wollte. Wir schlossen die Tore vor dem Angriff der Neidischen, der Lauernden, vor dem Zögern der Wartenden, Unschlüssigen, und wir hörten das Zerreißen von Fleisch, als die Einen vor dem Tor über die Anderen hinwegwogten.
Wir fühlten uns sicher in unseren Verstecken, doch immer wieder mußten wir hinaus in die Dämmerung, immer wieder flohen wir die scheinbare Sicherheit, die uns Türen und Tore boten. Immer öfter kehrten die, die sich hinauswagten, nicht mehr zurück.

Ich bin im Keller unseres Hauses, durch die Ritzen in der Decke sehe ich Fragmente der Menschen, die zu lieben ich mir im von uns geschaffenen Licht außerhalb der Dämmerung angewöhnt habe. Ihre nach innen fallenden Schatten sind den meinen ähnlich geworden, wir haben einander erkannt und vergeben, wir gehören zu- und einander.
Im Keller sitze ich unweit der Treppe und unweit der Türen, die in andere verschlossene Räume führen, die zu öffnen wir bisher nicht gewagt haben. Wir wissen nicht, ob dahinter Licht oder Dunkelheit liegen oder nur weitere Dämmerung. Wir wissen es nicht und wollen es nicht wissen.
In meiner Hand liegt ein Schlüssel, der im Schloß an der Außenseite der Tür zur Kellertreppe steckte, ich habe ihn herausgezogen, bevor ich die Tür hinter mir zuzog. Der Schlüssel liegt schwer in meiner Hand, als wäre er nicht aus Staub und Stein wie alles andere, sondern aus der Angst, die sich in meinem Herzen versteckt, und der Wut, die in den Augen der Lauernden vor den Fenstern der Häuser brennt, und der Begierde nach einer Erlösung, die uns alle, Innere wie Äußere, eint.
Von oben höre ich die Stimmen der Meinen, und ihre Worte sind zu leise, um sie zu verstehen, allein am Tonfall erkenne ich das Gesagte, wieder ist einer verschwunden, einer verloren, er hat eine Tür geöffnet und die Dämmerung begrüßt, bevor er aufgehalten werden konnte. Er ist fort und die anderen sorgen sich, nur einer steht auf und heißt ihn in zornigem Ton Verräter und Verdorben und einer steht auf und heißt ihn Tor und Verirrt.

Ich sitze am Fuß der Kellertreppe, der Raum ist dunkel, das Licht, das durch die Ritzen der Decke fällt, wird schwächer, an mich schmiegt sich mehr und mehr Dunkelheit, in meiner Hand wiegt schwer der Schlüssel zur Tür am oberen Treppenende. Sie hatte weder Schloß noch Knauf auf meiner Seite, meine Fäuste schlugen Spreißel aus dem Holz, doch wankte und bebte es nicht, als sei es Stein und Fels geworden in dem Moment, als ich die Meinen aus mir ausschloß.

In meinen Augen und meinem Mund und meiner Nase sammelt sich Staub, und ich lege mich auf den Boden, der nicht kalt und nicht hart ist, sondern warm und weich, und ich versuche zu weinen, um den Staub von mir zu waschen. Ich schlafe ein und träume von einem Schattenland, in dem die Schatten der Menschen nach außen fallen und nicht nach innen, in das Denken und Tun und das Wollen der Menschen.

Mittwoch, 5. Dezember 2007

Die schwarzen Schuhe | Rebound | Morpheon

[Erster Teil]

Letztlich dauerte es deutlich länger als nur einige Stunden. Es wäre mir unmöglich gewesen, einfach so zurückzugehen. In welches Leben hätte ich auch zurückgehen sollen, wo doch alles, was ich zu kennen glaubte, eine Lüge zu sein schien.
Letztlich dauerte es bis zu meiner Rückkehr neun Monate.

Als der Aufzug angehalten hatte, begann der Mann mit der sonoren Stimme zu sprechen: "Sie sind also wirklich gekommen." Noch hatte er sich nicht zu mir herumgedreht, ich betrachtete also seine Schulter und sein Ohr, seine kurzgeschnittenen grauen Haare. Da er nicht weitersprach, sagte ich: "Ich wollte die Antworten auf meine Fragen haben. Sie hätten diese Antworten, wollten sie mir aber nicht am Telefon geben. Darum bin ich hier." Beinahe wäre meine Stimme vor Anspannung gekippt, ich mußte eine Pause machen. "Wenn ich die Antworten habe, gehe ich wieder nach Hause."
"Es ist Ihre Entscheidung, wie Sie nach dem heutigen Tag verfahren. Wir werden Ihnen die Antworten liefern, was Sie damit machen, bleibt Ihnen überlassen." Er hob den Arm, um auf seine Uhr zu sehen.
"In einer Minute wird sich diese Tür öffnen und ich werde aussteigen. Wenn Sie sich dafür entschließen, mir zu folgen, werden Sie Ihre Antworten erhalten. Wenn nicht, wird der Aufzug Sie wieder nach oben zu Ihrem Wagen bringen, und Sie werden nichts mehr von uns hören."
"Woher soll ich wissen, daß Sie die Wahrheit sagen und das nicht nur ein Trick ist, um mich in eine Falle zu locken?"
"Das können Sie nicht. Ich versichere Ihnen, es ist keine Falle. Wir können Ihnen die Beweise dafür allerdings erst geben, wenn wir Sie in Sicherheit gebracht haben. Uns vorher zu offenbaren, hieße ein unnötiges Risiko eingehen."
"Gehe ich damit, daß ich Ihnen glaube, etwa kein Risiko ein? Ich habe ja noch nicht mal richtig Ihr Gesicht gesehen und soll Ihnen vertrauen? Sie müssen zugeben, daß das nicht besonders einfach ist."
"Ich habe niemals behauptet, daß es das wäre." Er sah noch einmal auf die Uhr. "Also, die Minute ist fast vorbei. Wie haben Sie sich entschieden? Werden Sie mir folgen?"
In diesem Moment öffnete sich die Aufzugtür. Dahinter lag nicht etwa, wie ich erwartet hätte, ein weiteres Deck des Parkhauses, sondern ein Gang, dessen Wände so unregelmäßig aussahen, als wären sie aus dem Beton des Gebäudes gemeißelt worden. In unregelmäßigen Abständen hingen schwache Lampen von der Decke, die die Düsternis mehr betonten, als sie zu vertreiben.
Der Mann mit der sonoren Stimme trat aus dem Aufzug in den Gang. "Ich weiß, Sie vertrauen mir nicht. ich weiß auch, daß unsere Sicherheitsvorkehrungen nicht dazu beitragen, notwendig sind sie dennoch." Seine Stimme hallte durch den Gang.
Ich war unschlüssig. All das klang viel zu sehr nach schlechtem Spionagefilm. Und doch - oder gerade deswegen - war ich versucht, dem Mann zu folgen.
Dann drehte er sich zu mir um. Ich hatte einen kurzen Blick auf sein Geicht erhaschen können, als er den Aufzug betreten hatte, doch außer seinen grauen Augen war mir nichts aufgefallen. Doch jetzt sah ich die Falten um die Augen, sah die Narben am Kinn, die mehrfach gebrochene Nase. Darunter allerdings erkannte ich ein Gesicht, das ich kannte wie kein anderes: mein eigenes.
Ich stand mir selbst gegenüber, einem 20 oder 30 Jahre älteren Selbst. "Wer sind Sie?", fragte ich, doch er drehte sich nur um und ging den Gang hinunter. Ich hatte keine Wahl mehr. Ich beeilte mich, ihm zu folgen.
Hinter mir schlossen sich die Türen des Aufzugs.

 

Herr Wolf | neolog
Das Duett für Launen, das Stehaufwölfchen unter den Bloggern. Seit 2002 das Original mit der Fahne.

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It's my party! Für mehr Gesellschaft.

Letzte Worte

Pläne ergeben sich...
Pläne ergeben sich meistens aus einer Situation...
konner - 17. Nov, 06:58
Mein Chef
hat mir ein Seminar zu Work-Life-Balance angeraten....
Herr Wolf - 21. Okt, 00:11
Die Sterne sind
kalt dieser Tage, aber so schön. Sorge vor meiner...
Herr Wolf - 21. Okt, 00:08

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