Ein Wolf für alle Felle | PETA und Herr Wolf
Von der Front
Das ist der Titel einer Broschüre der Zeugen Jehowas, die einsam und ein bißchen in den Dreck getreten am Rand des Bad Nauheimer Blumenmarktes auf achtsame Passanten wartete. Den Impuls, die Broschüre aufzuheben, weil sie meine Eindrücke vom Blumenmarkt treffend wiederspiegelte, konnte ich gerade noch unterdrücken, weil mich sonst die ganzen wurstessenden Blumenverrückten umgestoßen und zu Dünger zertrampelt hätten.
Rücksichtnahme wird hier nämlich ganz klein geschrieben, wenn mal was los ist in der drei Zentimeter breiten Fußgängerzone. Das durfte auch das kleine Mädchen feststellen, das von seiner Mutter mit dem Kinderwagen umgefahren wurde. Die Mutter hat aber weder das Umfahren bemerkt noch das Mädchen, das daraufhin bis außer Hörweite schrie: "Au, Mama, Du hast mich getreten! Du hast mich mit dem Kinderwagen getreten! Mama! MAMA!"
Mütter freuen sich übrigens heuer über den doppelten Muttertag, der ihnen vorgaukelt, wenigstens einmal im Jahr würde ihre Rolle als biologisches Kernstück der Familie tatsächlich wahrgenommen, was aber, sieht man sich die
häßlichen häuslichen Gegebenheiten näher an, nicht der Wahrheit entspricht. Insofern freuen sich die Mütter also eigentlich nicht zweimal, oft auch nicht einmal einmal, sondern gar nicht.
Wer sich freut, ist die Floralmanufakturindustrie. Und ich, weil ich nämlich jetzt wieder aufhöre. Die abrundende Pointe von der Floralindustrie zum Terror des Blumenmarktes finden Sie sicher allein, ich muß die Wäsche aufhängen.
Ich bitte um eine ehrliche Antwort: lesen Sie solch lange Texte wie den über die Tropfsteinhöhlen eigentlich?
Die Meldung aus Österreich, daß ein 73jähriger Rentner seine Tochter 24 Jahre lang im Keller mißbraucht hat, klingt im Übrigen irritierend, weil vielleicht auch einen Rekord im Dauermißbrauchen ankündigend. Ich will das Leid der Tochter nicht herabwürdigen, dennoch klingt es eher anstrengend als schrecklich.
Merke: Auch Journalisten sollten auf ihre Wortwahl achten.
Findet eigentlich unter Radiomoderatoren ein den Radiohörern verborgener Wettbewerb statt, in dem herausgefunden werden soll, wer den meisten abseitigen Text im Anfang eines Liedes unterbringen kann?
Manchmal ist es zwar fast erfrischend, wenn beispielsweise die aktuellen Plazierungen der Charts nicht voll ausgespielt werden, meistens aber ist es angenehmer, zwischen gesungener und gesprochener Sprache eine deutliche Distanz zu lassen. Wahrscheinlich geht das aber auch nur mir so. Ich mag ja auch keinen HipHop oder Rap.
Eben habe ich mich versucht gefühlt, das Wort "Plazierungen" in meinem Wörterbuch nachzuschlagen, ob denn die Schreibung, die ich eben benutzt habe, tatsächlich irgendeiner offiziellen entspricht. Das erregte fast noch mehr meinen Unwillen als das geistlose Geplauder von Radiomoderatoren, die im Leben außerhalb des Studios bestimmt totalsupergute Menschen sind, die vor echtem Witz und Esprit überschäumen wie lange geschüttelter Champagner, mir aber leider nur dann begegnen, wenn sie sich im Radio mit sich selbst beschäftigen müssen. Vielleicht sollte ich andererseits auch etwas mehr Nachsicht üben: ich möchte auch nicht unbesehen jedem anderen Wildfremden bei seinen Selbstbeschäftigungen beiwohnen. Ich fordere hiermit akustische Privatsphäre für Radiomoderatoren. Oder nur eine Quarantäne.
Daß es mich ärgert, wenn ich mir der Schreibweise bestimmter Wörter nicht sicher bin, hat damit zu tun, daß es an meinem Koryphäenstatus kratzt, der besagt, daß ich mir immer und überall der Schreibung selbst komplexester Vokabeln und der richtigen Kombination verworrenster Grammatiken sicher bin. Bis zum Beginn des mittlerweile auch von vielen Fachleuten als unselig eingestuften Rechtschreibreformprozesses war das ein angenehmes Gefühl, das mir wohlig den Bauch gewärmt und gepinselt hat, mittlerweile allerdings verursachen selten gebrauchte Hülsen wie "Plazierung" eher ein Gefühl, das an Hunger oder dessen Gegenteil erinnert, womit ich mitnichten Sattheit meine.
Überliefert wird nämlich familiär, daß ich in jüngeren Jahren über meine Speisegewohnheiten zu berichten hatte, ich sei entweder hungrig oder mir sei schlecht. Das mag ich indes nicht so recht glauben, denn schlecht ist mir nur in den seltensten Momenten, die auch nicht so sehr etwas mit Hunger gemein haben, sondern nur von äußeren Motiven ausgelöst werden, Radio, Rechtschreibung undsoweiter.
Zum Brechen langt es bei solchen Reizen allerdings eher selten, dazu ist mir die Innenseite meiner Schneidezähne zu kostbar. In einer Vorlesung über Eßstörungen gelangte ich in den zweifelhaften Genuß von Photographien der Beißleiste von Bulimikerinnen, die sich nicht durch besondere Schönheit im gemeinheitlichen Sinn auszeichneten. Säurezerfressene Ruinen, die wie geschleifte Burgen oder - um ein besseres Bild zu verwenden - gebrochene Stalagmiten und Stalagtiten in einer von Mammutrudeln durchrasten Tropfsteinhöhle die Kauleiste der armen Eß-Brechsüchtigen bestücken wie marode Zinnen.
Genug der brüchigen Metaphern. Gehen wir zurück zu der Vorlesung und danach zurück zum Radio, wonach ich dann nochmals über die Tropfsteine sprechen mag. Zunächst aber die Vorlesung, die von einer Dame gehalten wurde, die ich um ihretwillen nicht beschreiben will, es ergäbe sich ein nicht besonders schmeichelhaftes Bild. Soll sie das also selbst tun, hat sie ja in der Vorlesung auch. "Ich habe seit 30 Jahren das gleiche Gewicht von 50 Kilogramm", sagt also die toupierte Professorin, die immerhin den Lehrstuhl der Ernährungswissenschaften innehat und über eine interessante Auswahl an Haarreifen verfügt, die sie sich abwechselnd ins plustrige Haar steckt. "Während der Schwangerschaft wog ich natürlich mehr, aber nach der Geburt erreichte ich bald mein Idealgewicht wieder, das seit 30 Jahren bei 50 Kilogramm liegt. Anders das Gewicht meines ehemaligen Au-Pairs."
Die folgende weder für das Au-Pair noch für sie selbst schmeichelhafte Geschichte erzählte sie flugs hinterher: Das Au-Pair sei eß-brechsüchtig gewesen, immer wieder habe die Professorin das arme Mädchen nachts an den Kühlschrank schleichen sehen, wo sie sich den sonst fast konkaven Bauch konvex gefuttert habe, nur um sich dann wie eine Schnecke an die Toilette zu schmiegen und über den Rand hinüber- und hineinzubeugen. Während Schnecken allerdings schleimen, tat das Au-Pair nicht dies, sondern nur sich oral entleeren.
"Da kann man aber dem Mädchen nicht sagen, daß das ungesund sei, das ist ja wohl nur ihre eigene Sache." Sagte damals die Professorin, ich aber stand auf und sagte, das hätte sie aber mal wohl machen können, ja machen müssen, immerhin sei sie ja die Koryphäe auf dem Gebiet der Eßstörungen, da habe sie ja auch die Kompetenz, einzuschätzen, ob das nun schädlich sei oder nicht. Das sei mutwilliges Hilfeverweigern gewesen, das arme Mädchen da schneckengleich in der Toilette zu lassen, statt ihr Hilfe und ein Handtuch für die Haare anzubieten. Das sprach ich stehend im Raum, allein die Professorin weilte da nicht mehr unter uns, sie hatte die Vorlesung schon beizeiten beendet und den Raum verlassen, ich dagegen hatte einige Zeit für das Finden einer interessanten Erwiderung auf diese mundöffnende Anekdote gebraucht. Bis heute weiß die Dame nicht, was ich von ihr denke.
Von mir selbst denke ich im Übrigen, daß ich mal zum Ohrenarzt gehen sollte, ich erwische mich immer häufiger dabei, Verschiedentliches falsch zu hören. Da ich mir allerdings nicht sicher bin, inwieweit das Verhören physiologisch oder psychologisch oder vielleicht nur freudsch oder am Ende gar aus amüsierenden Motiven absichtlich ist, sollte ich vielleicht zusätzlich nicht nur zum Ohren-, sondern auch zum Gehirnarzt. Als letztwöchig über den Streik der Post berichtet wurde, hörte ich die Nachrichtensprecherin aus dem Radiogerät sagen, viele Brutkästen werden am selbigen Tage wohl leer bleiben, dieweil sie allerdings gemeint und sicher auch gesagt haben muß, die Briefkästen werden leer bleiben.
In meinem Fall hätte das keinen Unterschied gemacht, bei mir blieben Brut- und Briefkästen gleichermaßen leer, da ich weder Post bekomme noch Kinder.
Ein weiterer Verhörer, der mich direkt zurückbringt zu den Tropfsteinhöhlen und einer Erklärung meines Vaters, entspringt einer Werbung für Tittenstrahldrucker.
Als ich das erste Mal mit meinem Vater eine Tropfsteinhöhle besuchte, erläuterte er mir die von seinem Vater geerbte Eselsbrücke, die ihm der Unterscheidung von Stalagmiten und Stalgtiten diente, nämlich: "Titten hängen."
Mit diesem frappierenden Zeugnis geologieanatomischer Betrachtung möchte ich schließen, und uns allen einen sonnigen Montag wünschen. Einen sonnigen Montag uns allen.
Ein weiterer Grund, sich nicht gleich bei jeder neuen Bekanntschaft als schwul zu outen, ist übrigens die zwangsläufige Verallgemeinerung, mit der man direkt danach konfrontiert wird. So auch die Biochemie-Schülerin neulich. Als ich ihre falsche Schlußfolgerung korrigierte, ich lebe mit einer Frau zusammen, da erzählte sie mir von einem Bekannten ihrerseits, der "auch schwul" sei. Ansonsten, das ergab die weitere Anekdotenausführung, hatten wir nichts gemein.
Das passiert oft, daß man aufgrund einer einzigen Eigenschaft gleich mit anderen Leuten verglichen wird, aber nicht bei vielen Eigenschaften eines Menschen ist so blöd wie bei der Homosexualität. Ähnlich wäre, ich spräche einen Menschen an wie einen Bekannten, nur weil auch er grüne Augen und schwarzes Haar hat.
Naja. Die Nachhilfe hat im Übrigen nicht so geholfen wie gedacht. Die Prüfung wurde zwar bestanden, doch letztlich nicht, weil ich Grundlagen vermittelt hatte, sondern weil die Prüferin nicht eine weitere Prüfung ansetzen wollte.
Hauptstadthopping Teil Zwei. Nach einer Woche Erholung in Paris gibt es jetzt eine Woche Beerdigungsvorbereitung in Berlin (ausnahmsweise mal keiner meiner Verwandten, sondern der des Freunds).
Teil Eins des Hauptstadthoppings gab es vor fast neun Jahren übrigens.
[edit: Bin übrigens wieder da. Montag mehr. Vielleicht interessiert sich ja noch jemand.]
Daß die 200 Sitzplätze des Bad Nauheimer Kinos mal fast alle besetzt sind, geschieht nicht häufig. Der Film "
Unsere Erde" allerdings hat sogar Menschen ins Kino getrieben, die offensichtlich nicht oft Filme auf großer Leinwand sehen. So zum Beispiel die nicht mehr ganz junge Zuschauerin in der Reihe hinter dem Freund und mir, die angesichts nicht stattfindender Werbung verblüfft ihre gleichaltrige Freundin frug, die sie offensichtlich für kundiger in modernen Kinodingen hielt: "Der Film fängt schon an? Gibt es denn keine Wochenschau vorher?"
Die Zukunft der Welt steht auf dem Spiel. Religiöse und ethnische Konflikte sind nur der Vordergrund für eine beunruhigende und lange übersehene Entwicklung.
Kriege zur Eroberung der Welt sind out. Militärische Macht hat auch den Türken 1683 vor Wien nicht geholfen, den Wienern der Überlieferung* nach dagegen eine List: Indem sie eine Kuh über die Statdmauer warfen, zeigten sie, daß sie die Belagerung noch länger hätten aushalten können, als die Türken, deren Vorräte nahezu aufgebraucht waren.**
Auch im Irak hat sich gezeigt, daß die technologische Überlegenheit der Amerikaner nicht automatisch dazu geführt hat, die irakischen Völker miteinander, mit ihren Nachbarn und mit den Besatzern zu befrieden.
Im Gegenteil sind nicht etwa moralische oder militärische Überlegenheit dazu geeignet, die Herzen der Menschen zu gewinnen, um das Herz zu erreichen, muß man den Magen bedienen. Wie Brecht schon sagte: "Erst das Fressen, dann die Moral."
Die trophologische Kriegsführung
Wer über die Verteilung von Nahrung bestimmen kann, hat die Macht über die Welt. Politische Gegner kann man im Wortsinn aushungern lassen, die eigenen Verbündeten dagegen stärken. Die trophologische Kriegsführung*** fordert seit Jahrzehnten ihre Opfer, allem voran in Schwarzafrika, aber auch in Südamerika oder Asien. Auf der Suche nach fruchtbaren Böden, auf der Jagd nach Anbaugründen, auf dem Weg der industriellen Expansion werden immer mehr Menschen aus ihren gewachsenen Strukturen verdrängt, zunächst unmerklich, doch dann unübersehbar: Sudan, Somalia, Tschad, Simbabwe zerfallen unter religiösen Konflikten und produzieren Hunger. In Brasilien wird der Regenwald zugunsten von Sojafeldern für Viehfutter- und Kraftstofferzeugung zerstört, in Mexiko verlieren kleine Maisbauern zunehmend ihre Existenzgrundlage durch Konzentrationsvorgänge in der Landwirtschaft. Pakistan und Indien zermürben sich in der Kaschmirregion gegenseitig im Kampf um die Baumwollfelder, während China mit dem Bau des Drei-Schluchten-Staudamms große Mengen an Anbauflächen vernichtet und gleichzeitig die Bewässerung und Nährstoffversorgung von Anbauflächen unterhalb des Staudamms gefährdet.
Ein Ring, sie zu knechten
Die trophologische Kriegsführung ist bislang entweder Mittel oder Zweck, Ursache oder Folge.
Doch was passierte, wenn eine Regierung die Möglichkeit hätte, anderen Ländern vorzuschreiben, was sie anbauen, in welchen Mengen und zu welchen Preisen ihre Produktion zu verkaufen wäre? Was passierte, wenn ein einzelner Staat die weltweiten Lebensmittelproduktionen kontrollieren könnte? Wenn die Kontrolle über die Verfügbarkeit von Lebensmitteln zur Waffe werden könnte?
Natürlich denkt man, kein Staat könnte das. Recht hat man. Ein Staat allein könnte das nicht. Ein multinationaler Konzern allerdings, der sich in Zeiten des durch die Globalisierung forcierten Zerfalls traditioneller Machtstrukturen zu einem immer weniger zu ignorierenden politischen Faktor entwickelt, der sowohl die wissenschaftliche Forschung und Lehre beeinflußt als auch politische und Medien-Entscheidungen, ein solcher Konzern wäre dazu in der Lage.
Noch kein Krieg in Sicht****
Glücklicherweise geht es aber hier nicht um Krieg. Es geht hier nur um einen Konzern, der mit genverändertem Saatgut handelt, das gegen das andere Hauptprodukt des Konzerns immun ist: Monsanto, die Bt-Hybridsaaten und Roundup, das Pestizid, das alles tötet, dem es begegnet. Monsanto hat keinen guten Ruf, was sicherlich darauf zurückzuführen ist, daß der Konzern Regierungen manipuliert, die Berichterstattung über Skandale zensiert sowie aktive und passive Kriegsführung gegen von ihm unabhängige Landwirte betreibt.
So schlecht allerdings, wie Monsantos Ruf sein sollte, ist er allerdings nicht. Monsanto deswegen aber nicht zu fürchten, ist ein Fehler.
Warum, das zeugt ein
Porträt des Konzerns, das gestern abend auf Arte gesendet wurde und das noch bis zum 18. März auf
arte+7 als Livestream zu sehen ist.
Wer danach noch daran glaubt, daß militärische Macht allein ausreicht, um einen Krieg um die Weltherrschaft zu gewinnen, irrt.
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* Tatsächlich führte erst ein Entsatzheer verschiedener christlicher Völker zum Ende der Belagerung Wiens.
** Eine ähnliche List beschreibt auch Umberto Eco in 'Baudolino' (S. 210 ff.): Baudolino rettet seine Heimatstadt Alexandria mit Hilfe der letzten Kuh seines Vaters vor der Eroberung durch Friedrich den Großen.
*** "Trophologische Kriegsführung" ist als feststehender Begriff nicht existent, ich leite ihn ab von
trophos, dem griechischen Wort für Nahrung und Ernährung.
**** Aber was nicht ist, kann ja noch werden.
Haben Sie eigentlich auch so schlecht geschlafen heute nacht?
Oder sind vier Stunden Schlaf neuerdings normal?