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Von der Front

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Ein Jahr vorbei | Von der Front

Was hast Du vor, fragt er mich. Was willst Du tun nach dem ersten November? Wohin gehst Du?
Mein Chef fragt nicht, ob ich bleiben wolle, womit er mich vielleicht halten könne. Er pokert. Er verliert. Ich werde nicht um die Stelle betteln, die nicht viel mehr ist als ein bezahltes Praktikum.
Ich habe im letzten Jahr gegen mich gekämpft, gegen das Chaos in mir, gegen die Konfliktunfähigkeit, gegen die Engstirnigkeit in meinem Kopf. Ich habe Siege errungen, kleine Siege angesichts der Finanzkrise, aber große angesichts meiner früheren Sorgen. Ich habe geräuschlos den Seminarbetrieb eines bundesweit bekannten Aus- und Weiterbildungshauses aufrecht erhalten, ich habe selbst erfolgreich Seminare gehalten, ich habe Personalverantwortung übernommen. Und seit mein Chef gegen mich gepokert und verloren hat, gibt sogar er zu, dass ich mehr als nur gute Arbeit geleistet habe. Auch das natürlich noch, um mich dazu zu bringen, zu betteln.

Noch habe ich keinen richtigen Plan. Die Zeit wird knapp, das weiß ich, das bekomme ich nicht nur von meinen besorgten Eltern, auch vom Freund immer mal wieder gesagt - als ob ich nicht wüßte, daß Arbeitslosigkeit kein Vergnügungspark ist. Als ob ich mir nicht bewußt wäre, daß der Mensch im Leben eine Aufgabe braucht, um sich ganz zu fühlen, einen Traum, eine Richtung, eine Bestimmung, und wenn sie im Großen Ganzen noch so scheinbar klein sein mag.
Der Freund und meine Eltern sorgen sich. Sie sehen noch nicht, dass ich keinen Plan für mein Leben habe, weil ich momentan mein Leben nicht mehr sehe. In meiner 50-Stunden-Woche ist kein Platz dafür. Ich bin ein Feierabend-Tier geworden, das in eine Decke gewickelt auf dem Sofa döst, während der Fernseher ins Wohnzimmer leuchtet. Ich sehe die Bilder, doch sie ergeben keinen Sinn mehr.

Das ist die Arbeit, denke ich mir. So geht das allen und immer. So wird das sein bis an das Ende der Arbeitszeit. Ich werde morgens aufstehen, bevor mein Gehirn funktioniert, werde arbeiten, bis mein Gehirn nicht mehr funktioniert, und danach auf dem Sofa liegen und langsam verblassen.
So wie das allen und immer geht.

Was habe ich vor nach dem ersten November? Ich weiß es nicht, antworte ich. Ich werde nicht hierbleiben, vielleicht gehe ich ganz fort. Ich sehe kein Ziel, aber ich sehe auch keine Grenze. Wenn ich dieses Jahr hier überstehen konnte, dann kann ich alles machen und alles schaffen. Ich werde überleben und wahrscheinlich auch glücklich sein, sage ich. Vor allem aber werde ich nicht bleiben.

Freitag, 12. Juni 2009

Das alte Modell | Von der Front

Manches überlebt sich von selbst und kein Rettungspaket der Welt kann das noch ändern. Opel (und alle anderen Hersteller von Verbrennungsmotoren), Karstadt (und alle anderen Warenhäuser, die teurer sind als das Internet und auch keine besseren Produkte bieten), die SPD (und alle anderen Parteien, die nicht die Entscheidung zwischen richtiger Demokratie und echtem Absolutismus treffen können).

Mein Arbeitgeber gehört auch dazu. Man kann sich nicht entscheiden, ob man wirklich mal hart durchgreifen oder tatsächlich wieder sozial und freundlich sein will. So greift man zu dem Mittelweg, der nicht golden, sondern einfach nur scheiße ist: geheuchelte Freundlichkeit, leise Apelle, die nicht als Befehle verstanden werden sollen, es aber trotzdem sind. Die Zukunft hat begonnen, die Firma hat aber noch einen Kater und kommt nicht so recht aus dem Bett.

Heute ist mein letzter Tag vor dem Urlaub, eine Woche Südfrankreich. Hoffentlich ist die Firma bis nächsten Freitag implodiert.

Au revoir.

Mittwoch, 13. Mai 2009

Lebenszeichen | Von der Front

Es regnet derweil mal wieder. Die Monate gehen ins Land, wie ich morgens zur Arbeit: unaufhörlich und ohne Ziel. Die Worte bleiben irgendwo auf der Strecke, ersetzt werden sie durch einen langsam wachsenden Unwillen, so weiter zu machen.

Die Firma ist im Umbruch, die Krise, die nichts mit der Finanzkrise zu tun hat, war schon vor drei Jahren abzusehen, erst jetzt wird reagiert, hektisch reagiert, Aktionismus regiert ebenso wie Unzufriedenheit unter den Mitarbeitern. Die Führung sieht das nicht, will oder kann es vielleicht nicht sehen.

Ich freue mich auf Südfrankreich im Juni und Namibia im August und den Beginn meiner erneuten Stellensuche ab Juni. Der Vertrag läuft bis November und würde wahrscheinlich sogar verlängert, weil sonst Mitarbeitermangel herrschte, ich will aber nicht warten, bis ich mit dem Schiff untergehe.

Vor allem aber fehlen mir die Worte. Anders als früher kann ich darüber aber nicht mehr traurig sein, dazu fehlt die Zeit und der Wille, auch dabei noch Kraft zu verlieren.
Alles weitere wird man sehen.

Donnerstag, 15. Januar 2009

Prelude einer Katastrophe | Von der Front

Wir sind zu sechst, sie sitzt mir schräg gegenüber und guckt grimmig, den ganzen Tag schon. Unser gemeinsamer Chef sitzt neben mir. Ich bin seit eineinhalb Monaten Teil des Teams. Sie wird es in eineinhalb Monaten nicht mehr sein. Ich bin ihr Nachfolger, sie arbeitet mich ein. Bis zu diesem Tag ging alles gut.
An diesem Tag, als wir zu sechst in der Besprechung sind, bemerkt unser Chef ihren Blick, bezieht ihn auf sich und auf seine Worte und sagt: Schau doch nicht so grimmig. An diesem Tag, als wir zu sechst an diesem Tisch sitzen, bin ich achtlos und sage, was ich denke: Sie guckt schon den ganzen Tag so. An diesem Tag also sitzen wir dann um den Tisch und lachen kurz zu sechst. Daß sie danach noch etwas grimmiger schaut als vorher, fällt niemandem auf.

Wir sind zu zweit, nur sie und ich. Ihr grimmiger Blick ist emotionsloser Leere gewichen. Sie räumt Dinge durch die Gegend, heftet ab, ist unglaublich effektiv. Lächelt nicht ein einziges Mal. Sagt kein Wort. Wenn wir zu zweit sind. Drei Tage lang. Und dann sagt sie am letzten Tag vor dem winterlichen Betriebsurlaub: Ich bin stinksauer auf Dich. Werde es aber aber nächstes Jahr nicht mehr sein. Dann ist wieder alles wie früher.

Dann bin ich alleine. Seither bin ich alleine, obwohl wir seit zwei Wochen wieder nebeneinander arbeiten. Genausogut könnte ich auch auf dem Mond sein. Statt mich einzuarbeiten gibt sie mir schriftliche Anweisungen, statt Erklärungen habe ich einen überquellenden Postkorb. Aber ich bin nicht besser. Ich kann nicht mit ihr sprechen, ohne eine leichte Übelkeit zu spüren, die vielleicht auf verletzten Stolz, vielleicht auf Eitelkeit, vielleicht auf Masochismus zurückzuführen ist. Ich kann nicht mit ihr sprechen, eher atmete ich auf dem Mond Sonnenlicht und verbrennte.

Samstag, 6. Dezember 2008

Morituri | Von der Front

Schon wieder waren die Herren von der Polizei hier, die Nachbarn beäugen sich ein wenig mißtrauisch, jeder fragt sich, ob es einen Nächsten gibt, der frei von allen Lebenszeichen aus seiner Wohnung getragen wird.
An einen Zufall geben wir noch vor zu glauben, insgeheim aber wollen wir alle erfahren, dass es kein Zufall, kein weiterer natürlicher Tod war, der in unserer Mitte stattfand.

Zwei Todesfälle innerhalb von zwei Wochen in einem Haus, das erscheint allen auffällig, auch wenn beide Toten dem Tod näher als dem Leben standen. Die eine zerfressen von Depression und Alkohol, die andere zerfurcht von den Jahren und den Erinnerungen an drei Jahrhunderte. Bei beiden erschien es nicht unwahrscheinlich, doch die zeitliche und räumliche Enge werfen Fragen auf.

Natürlich sind wir auch weiterhin höflich und freundlich zueinander, doch wir verdächtigen einander immer stärker. Was hat es eigentlich mit dem so scheuen Pärchen auf sich, die sich vor den Mitmietern verstecken und ihre Tür verschließen, wenn sie Schritte auf der Treppe hören? Was ist mit der unscheinbaren jungen Frau und ihrem unsichtbaren Freund, der sie nachts stöhnen und schreien lässt, während er wie ein angeschossener Hirsch durch die Nacht brüllt? Und hat sich die patente Frau aus dem dritten Stock nicht immer über die Zeit beschwert, die ihr durch die eine wie die andere Tote gestohlen wurde? Wem kann man noch trauen, wen kennt man eigentlich wirklich in diesem Haus?

Eine andere Theorie hat freilich der Freund, er tendiert nicht wie ich zu Schauergeschichten, sondern sucht eher nach rationalen Erklärungen: beide wären vom Leben gezeichnet gewesen, und diese Zeichnungen wären das längere Aufheben wohl nicht mehr wert gewesen. Ein Herz, eine Leber, ein Leben versagt und endet. Warum also nicht auch zwei?
Und selbst wenn der Tod kein natürlicher war: hatten nicht beide Frauen oft zweifelhaften Besuch, der nicht hier wohnte, sondern nur immer wieder im Treppenhaus gesehen wurde? Wenig spricht dafür, dass Mörder in diesem Hause wohnen, nur mißtrauische Menschen, die zu viel Zeit und Phantasie hätten.

Mitunter wünschte ich mir auch einen solchen Rationalismus, denn sicherlich sind beides natürliche Todes- und keine Mordfälle.
Und dann wieder frage ich mich: woher kommt solch starkes Beharren auf dem scheinbar Rationalen und dem Abraten von jeder Spekulation auf Mord?
Wie gut kenne ich den Mann, den ich liebe?

Gut genug, um nicht zweifeln zu müssen

Dienstag, 7. Oktober 2008

Nachtgedacht | Zweige in die Dunkelheit | Von der Front

Endlich mal Glück gehabt: Wo kein Geld ist, kann keins verbrennen. Vielleicht aber ist mir deswegen immer so kalt.

Suizid wird von der vergangenen FAS behandelt. Die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben gibt Kontakt zu einer Plastiktütenfirma, die Sterbewilligen Plastiktüten für 60 Dollar verkauft. Wer die Beihilfe zum Selbstmord nicht schon scheiße genug findet, kann sich jetzt zudem also noch über Luxus-Plastiktüten aufregen.

Der Winter wird übrigens absolut grauenhaft, wenn die Depression schon vor dem ersten Oktober-Regen einsetzt.

Donnerstag, 25. September 2008

Super Online-Dienst | Von der Front

Tolle Idee eben gehabt. Für Leute, die wie ich derzeit keinen funktionierenden Drucker besitzen, könnte man einen Service einrichten, wo sie ihre Dokumente ausdrucken und sich zuschicken lassen können.
Dann aber ist mir eingefallen, daß man nicht immer einen Tag warten kann, bis das Dokument möglichst noch zerknickt im Briefkasten liegt. Da hat man sich ja schneller Kartoffelstempel gebastelt.

Mittwoch, 27. August 2008

Aggrophonat | Von der Front

Ob ich, fragt meine Mutter am Telefon, das mit den Büchern noch mache oder auch schon wieder aufgegeben habe.
Am liebsten möchte man manchmal gleich wieder auflegen.

Montag, 18. August 2008

À propos Grundrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit | Von der Front

Das geht ja nicht. Man darf sich ja nur so frei entfalten, daß man niemandem schadet. Das wiederum behindert die freie Entfaltung. Das Recht auf freie Entfaltung ist daher eine Mogelpackung, da das Einräumen dieser Freiheit sie gleichzeitig wieder beschneidet.

Bei Mogelpackung fällt mir im Übrigen die neue Verpackung von irgendwelchen SuperPowerUltraSpültabs ein, wo drei oder vier Handvoll davon einzeln in Plastikfolie, diese dann in eine Hartplastikverschalung und diese wiederum in einen Pappkarton eingeschlagen sind. Gesehen habe ich das im Supermarkt, wo ich beinahe einen Aufstand wegen dieser Idiotie gemacht hätte, dann aber habe ich mich zurückgehalten, ich wollte ja nicht, daß sich jemand durch mich bei seinem Einkaufserolebnis gestört fühlt.

Freitag, 15. August 2008

Breaking Rules | Von der Front

Man spielt ja immer noch mit in dem Spiel, auch wenn man dachte, man sei schon raus oder habe wenigstens Pause. Tatsächlich aber hat man sich nur abgefunden mit dem Status Quo, der nicht ein guter sein muß und meistens nicht ist, sondern nur erträglich genug.

Ein Hauch Spontaneität im Leben verrät dagegen recht schnell, inwieweit man festgewachsen ist in seinem Leben und den Erwartungen Anderer. Ein Kurzausflug von 300 Kilometern einfacher Fahrt, ein überraschender Besuch bei den Eltern und der allerbesten Frau Wahl wo gibt, einfach mal zwei Stunden früher zum Markt gehen als sonst. Die Frage "Was machst Du denn hier?" so oft zu hören, ist ein deutliches Zeichen.

Wir spielen das Spiel, dessen Regeln wir nicht gemacht haben und auch nicht kennen. Wir können nicht aus unserer Rolle fallen, ohne Erwartungen und Vereinbarungen zu brechen, doch worin besteht dann die Freiheit des Geistes und des mündigen Menschen, wenn nicht darin, auch mal zu tun, was die Regeln nicht vorsehen?

Wenn Sie andere damit überraschen, umso besser. Spontaneität verbreitet sich auch durch Ansteckung. Brechen Sie die Regeln für sich. Und für Andere.

 

Herr Wolf | neolog
Das Duett für Launen, das Stehaufwölfchen unter den Bloggern. Seit 2002 das Original mit der Fahne.

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It's my party! Für mehr Gesellschaft.

Letzte Worte

Pläne ergeben sich...
Pläne ergeben sich meistens aus einer Situation...
konner - 17. Nov, 06:58
Mein Chef
hat mir ein Seminar zu Work-Life-Balance angeraten....
Herr Wolf - 21. Okt, 00:11
Die Sterne sind
kalt dieser Tage, aber so schön. Sorge vor meiner...
Herr Wolf - 21. Okt, 00:08

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